Ich war achtzehn Monate in Paris gewesen; mit dem Geld, das ich endlich von Kopenhagen bekam, konnte ich meine Schuld bezahlen, aber dann hatte ich nichts zum Weiterreisen. Ich lieh mir eine kleine Summe von einem guten Freunde, packte meine Sachen und meine Manuscripte ein und fuhr darauf zu Cotta. Das Honorar, welches ich von ihm für meine Schriften zu erhalten hoffte, sollte mir eine Reise nach Italien möglich machen. Koës war nach Dänemark zurückgegangen, um seine Geldangelegenheiten nach dem Bombardement in Ordnung zu bringen. Wir hofften einander in Italien wieder zu sehen. Bröndsted blieb noch in Paris. Unser guter Minister Dreyer gab mir einen Paß, in der Eile hatte er aber vergessen, ihn mit der Unterschrift des Polizeiministers Fouché versehen zu lassen. Mein guter Freund, der Legationssecretair Guillaumau versicherte mir zwar, daß es nicht nothwendig sei; als ich aber nach Straßburg kam, mußte ich mich daselbst acht Tage aufhalten, während mein Paß nach Paris gesandt wurde und mit Fouché's Unterschrift zurückkam. Dieser Aufenthalt war mir glücklicherweise gar nicht unangenehm. Ich miethete mir ein kleines Zimmer und schaffte mir Bücher an; unter Anderm las ich hier wieder Cagliostro's Leben, Göthe's Großkophta und seine Erzählung über Cagliostro's Familie. Ich ging täglich auf den Münster hinauf. Einmal kletterte ich so hoch hinauf, wie ich kommen konnte. Draußen auf dem Steintritt, wo man nur auf einem Fuße stehen kann und sich an der Eisenstange halten muß, hätte ich beinahe meinen Hut verloren; aber ich wagte es, mit der einen Hand die Eisenstange loszulassen und den Hut in die Stirn zu drücken. Ob die Polizei mich in den acht Tagen, wo ich in Straßburg war, bewachte, weiß ich nicht. Ein Israelit, Parmazenser, machte meine Bekanntschaft und besuchte mich täglich. Er war ein gebildeter, poetischer Mensch, gewann mich lieb und schrieb mir beim Abschiede in mein Stammbuch:

„Du schmückst des Nordens Heldenkraft
Mit Blumen aus den warmen Zonen;
Dank Deinem Geist, der neu erschafft
Ein Bruderband für zwei Nationen.“


Mein Aufenthalt in Stuttgart.

Endlich kam der Paß und ich reiste über Carlsruhe und Rastatt nach Stuttgart weiter.

Rasch ging es durch die unfruchtbare Champagne, die, wenn sie nicht von Weinreben bedeckt ist, wie ein großes Stück Kreide aussieht und wo nur die großen Hohlwege merkwürdig sind, wo die Franzosen im Revolutionskriege die Deutschen schlugen und sie daran verhinderten, weiter vorzudringen. Auch bereits zu Chlodwig's Zeit soll hier eine merkwürdige Schlacht geschlagen worden sein. Sehr angenehm war die Veränderung bei der Fahrt über den Rhein zwischen der bleichen, steinigen Champagne und dem saftgrünen, laubreichen Baden. In dieser Nacht hatte ich in einem Wirthshause unter schwäbischen Bauern Gelegenheit, Betrachtungen über den Unterschied zwischen dem französischen und deutschen Nationalcharacter anzustellen.


Der Aufenthalt von acht Tagen in Straßburg hatte meine Ausgaben vermehrt und meine Börse geleert. Als ich nach Stuttgart kam und meine Reise bezahlte, besaß ich keinen Pfennig. Mein Koffer, den ich durch eine andere Gelegenheit voraus gesandt hatte, war noch nicht angekommen. Ich eilte zu Cotta — meine einzige Hoffnung! O Schreck! Er war nicht zu Hause. Man sagte mir, daß er nach Baden gereist sei und erst in drei Wochen wieder komme.

Deshalb ließ ich den Muth doch nicht sinken. Ich ging in den Gasthof zum „König von England“ zurück und sagte zum Wirth: Ich hätte Geschäfte mit Herrn Dr. Cotta abzumachen und wolle im Wirthshaus bleiben, bis derselbe käme. Der Wirth dankte verbindlichst. — So hatte ich also keine Noth, der Koffer kam glücklicherweise auch und ich setzte mich froh zu Tisch.