Dort traf ich einen hübschen muntern Mann, der sich in ein Gespräch mit mir einließ und mir Vieles erzählte. Beim Abschied wünschte er mich bald wiederzusehen. „Mich“ sagte er „werden Sie ohne Zweifel oft sehen, wenn Sie in Stuttgart bleiben.“ — „„Wie so?““ fragte ich. — „Ich bin Schauspieler“ sagte er „und heiße Vinzenz.“ — Später sah ich ihn oft; er war ein sehr guter Komiker. Der verstorbene König von Württemberg mochte ihn gern; und er wagte es sogar einmal ohne Gefahr, den König Holofernes im Herodes von Bethlehem, mit der Krone von Goldpapier auf dem Kopfe, schwarzen wollenen Strümpfen an den Beinen und mit dem Reichsapfel in der Hand, der sehr sinnreich als Schnupftabakdose eingerichtet war, zu spielen.
Schauspielerbekanntschaften.
Ich machte hier auch die Bekanntschaft eines andern Schauspielers, des Herrn Lembert. Eines Tages kam er zu mir und sagte: „Sie könnten mir eine Gefälligkeit erweisen.“ — „„Gern! Welche?““ — „Der König ist krank gewesen und hat sich wieder erholt, ich möchte ihm deshalb gern ein Gedicht überreichen, das ihm gefallen und mir nützen soll.“ — „„Wünschen Sie, daß ich es für Sie mache? Mit Vergnügen!““ Ich machte ihm das Gedicht, aber das Beste mußte ich wieder ausstreichen. Es war eine poetische Erklärung des Wortes Württemberg nach der Legende von dem alten Ritter, der in den frühesten Zeiten so gastfrei gewesen sein sollte, daß man ihn in der Umgegend nannte: „Der Wirth am Berge“. Lembert brachte dem König das Gedicht und bekam eine nicht unbedeutende Summe von Dukaten, die er wohl mehr seinen Talenten als meiner kleinen Romanze zu danken hatte. Indessen mochte diese doch wohl dazu beigetragen haben.
Bei dem Hofrath Vellnagel machte ich die Bekanntschaft der Frau Haendel. Ich hatte sie drei Jahre vorher in Berlin die Jungfrau von Orleans spielen sehen. Bekanntlich zeichnete sie sich durch eine neue Kunst ans. So wie Lady Hamilton in Italien früher schöne Statuen nachgeahmt hatte, so ahmte jetzt Frau Haendel italienische und deutsche Gemälde nach. Da sie eine gute Schauspielerin war, ein hübsches Gesicht hatte, und sich besonders gut auf's Drapiren verstand, so waren diese Darstellungen auch unterhaltend und verdienten Lob, soweit jede sinnreiche Erfindung achtungswerth ist. Indessen würde die Fortsetzung dieser Kunst kaum anzuempfehlen sein. —
Solche Nachahmungen der Nachahmungen der Natur würden zuletzt schädlich werden. Die geniale Frau Haendel machte es wirklich so gut, als man verlangen konnte; aber — selbst gut dargestellt, mag ich doch nicht eine Mutter Gottes sehen, die kurz vorher Thee mit mir getrunken hat, lustig gewesen ist, und dann sich wieder lustig mit uns an den Abendtisch setzt. Dieses Spiel mit dem Heiligen, kann wohl Geist und Geschmack im Kostüm verrathen, aber den Geist nicht zu ernsten Gefühlen erheben. Dergleichen läßt sich besser mit weltlichen Dingen machen; und Frau Haendel stellte auch besser Scenen aus der niederländischen, als aus der italienischen Schule dar.
Es frappirte mich, da ich es zum ersten Male sah; und ich schrieb ein Gedicht darüber, das Frau Haendel-Schütz später in ihrem Stammbuche hat drucken lassen. — Ich machte in Gesellschaft mit dieser interessanten Frau, dem Hofrath Vellnagel und Andern eine Lustfahrt nach dem Walde, wo einige Schauspieler ganz vortrefflich mehrere alte deutsche Farcen im Grünen improvisirten. Auf dem Wege begegneten wir gleich Vinzenz als Prologus auf einem Esel reitend.
Zusammentreffen mit Carl Maria v. Weber.
Bei Vellnagel's sah ich zum ersten Male Carl Maria v. Weber. Ich wußte von ihm nur, daß er ein junger, vielversprechender Musiker, ein beliebter Schüler von Vogler sei. Es ahnte damals Keiner, daß er der große Componist Preciosa's, Oberon's und des Freischütz' werden würde.