Der Dichter Uhland. Schaffhausen, der Rheinfall.
Kurz darauf traf Cotta ein, und ich besuchte ihn in Tübingen. Er empfing mich freundlich und gastfrei; seine Tüchtigkeit, sein Verstand und sein offenes Wesen gefielen mir; auch er konnte mich gut leiden. Er bezahlte mir meinen Hakon Jarl, Palnatoke und die Gedichte reichlich. Und nun beschloß ich, nach der Schweiz und Italien zu reisen. Aber erst machte ich die Bekanntschaft des wackern Uhland. Er war damals noch ein junger Mensch und schrieb „des Knaben Berglied“ in mein Stammbuch. Auch den alten, rührigen Professor Conz, der Mehreres vom Aristophanes übersetzt hat, lernte ich kennen.
Er schrieb mir folgende Verse aus dem Faust zum Andenken auf:
„Das Pergament ist nicht der heil'ge Bronnen,
Aus dem ein Trank den Durst auf ewig stillt;
Erquickung hast Du voll gewonnen,
Da sie Dir ganz aus eigner Seele quillt.“
In dem schönsten Septemberwetter reiste ich nach Schaffhausen. Gleich hier an der Grenze von Deutschland führt die Natur ein feierliches Schauspiel auf, um den Wanderer für das Abenteuerliche und Kühne zu stimmen, wenn er aus dem idyllisch anmuthigen Schwaben heraustritt, und sich den ungeheuren Eisbergen nähert. Der ehrwürdige Vater Rhein, der sonst majestätisch und ruhig durch Germanien hinströmt, bis er sich mit dem Meere vermählt, wird hier plötzlich wild und übermüthig, lärmt wie ein Kobold, schlägt Räder, steht auf dem Kopfe, bricht seinen blauen Spiegel in tausend Stücken, und in dem ungeheuren Lilienbett, wo die Blumen jeden Augenblick kommen und verschwinden, strahlt im Wasserstaube und im Sonnenscheine ein ewiger Regenbogen.
Ganz allein besuchte ich mit einem von Shakespeare's Lustspielen in der Tasche dieses große Lustspiel der Natur; hörte erst das dumpfe Sausen in der Ferne, darauf in der Nähe den entsetzlichen Fall, und legte mich an einem lieblichen Orte in passender Entfernung zur Ruhe, nachdem ich vorher den ertrunkenen Engländern einen Seufzer geweiht hatte. Sie wollen immer da hinüber, wo das Wasser am gefährlichsten ist, und fliegen gewöhnlich, wie die Mücken, in's Licht. — Da lag ich nun und las, lauschte zuweilen und blickte nach dem Wasserfall hinüber, indem ich mich über Shakespeare und die große Natur freute; d. h. über Ein und Dasselbe in verschiedenen Formen.
Der Gastwirth Peter. — Frau von Harmes.
In Zürich traf ich fast den besten Gasthof an, den ich noch gesehen hatte: „zum Schwerte“, an dem herrlichen See; und in Herrn Peter fanden wir den vortrefflichsten Wirth. Alles war bei ihm gut: die Aussicht, Zimmer, Essen, Trinken, Bedienung, Musik, Gäste. Herr Peter hatte schöne Böte und bequeme Wagen. Man konnte Lustfahrten zu Wasser und zu Lande und für einen billigen Preis unternehmen. Ich machte hier die Bekanntschaft zweier Kaufmannsfamilien, die eine aus Hamburg, Knoop, die andere aus Wien, Breuß. Sie fragten mich, ob ich mit ihnen umherreisen wolle? Ich nahm das Anerbieten gern an, da ich auf diese Weise freie Beförderung und eine angenehme Gesellschaft hatte. Ein reicher Baron Mannteufel wohnte im Schwerte; er tractirte alle Welt und gab Herrn Peter viel zu verdienen. Aus Dankbarkeit hatte deßhalb dieser, am Abend vor der Abreise des Barons, ein Transparent mit dem Namenszuge des Gastes und zwei Posaunenengel auf der Brücke angebracht.
Ich übergab dem Dr. Römer, einem ausgezeichneten Botaniker und echten Schweizer, einen Brief. Er hatte große Aehnlichkeit mit einem biedern Norweger und wir wurden deßhalb Freunde. Er führte mich zur Dichterin Frau v. Harmes, geb. Berlepsch. Wir disputirten mit einander über das Göthe'sche Gedicht: „Miedings Tod“; sie fand den Gegenstand zu unbedeutend (Mieding war Maschinenmeister gewesen) ich fand ihn gerade ganz vortrefflich.