Vor unserer Abreise von Zürich überraschte der Wirth uns auf eine angenehme Weise. Die Flügelthüren des Speisesaales öffneten sich, und im Kabinette nebenan gab uns Herr Peter, als Hirt gekleidet, noch zum Abschied ein Ballet oder Entrée, wie man es nennen will. Ich konnte mich nicht genug über die Gewandtheit wundern, mit der der Mann seine Beine gebrauchte. Ich hatte ihn immer nur im gelben Stolpenstiefeln, mit einem grauen Rock über den breiten Schultern und um den runden Leib, dem es nicht an Fülle fehlte, gesehen. Nun machte er in Rosa und Seladon-Tafft mit dem Strohhut auf dem Kopfe die vortrefflichsten Entrechats, während der Champagner zum Abschied sprudelte; ich glaubte mich in ein Feenschloß hinverzaubert!
Gute Reisegesellschaft.
Wir rollten in vortrefflichen Wagen bei herrlichem Wetter unter unzähligen Wallnußbäumen so voll reifer Früchte, wie die wilden Kastanien bei uns, dahin. Wir machten uns deshalb auch kein Gewissen daraus, zuweilen Nüsse von den herabhängenden Zweigen abzureißen und einander während des Fahrens damit zu bombardiren. — Wo wir in ein Wirthshaus eintraten, rief mein Hamburger gleich: „Was haben Sie uns zu geben? Bringen Sie das Beste!“ Das bekamen wir denn auch; aber die Rechnung wurde auch darnach. Als bezahlt werden sollte, legte ich mein Scherflein mit auf den Tisch. — Der Kaufmann sah mich verlegen an, schwieg und nahm es. Aber als ich am nächsten Tage ein Gleiches thun wollte, schob er mir das Geld wieder zurück und sagte: „Nehmen Sie es uns nicht übel; aber wir können unmöglich Ihr Geld annehmen! Sie sehen ja, daß wir nicht ökonomisch reisen und doch sparen wir mehr dabei, als wenn wir zu Hause bleiben. Sie sollen unsertwegen nicht überflüssige Ausgaben haben. Sie könnten billiger und ebenso gut reisen; nun erfreuen Sie uns durch Ihre Gesellschaft, und darunter sollen Sie nicht leiden. Bilden Sie sich ein, wir wären in Hamburg oder Wien, und Sie besuchten uns dort als Gast! Dann brauchen wir uns auch nicht Ihretwegen mit den Ausgaben zu geniren.“ Dies war sehr artig und vernünftig gesprochen; ich zierte mich auch nicht lange, sondern nahm das Anerbieten ohne Einwendungen an. Als ich an dem Abend zu Bett ging und meine kleine Geldbörse unter das Kopfkissen legte, freute ich mich recht kindlich darüber, daß die Geldbörse eine Zeitlang verschont bleiben sollte.
Am nächsten Morgen, als ich mit den Kaufleuten am Theetisch saß, trat das Hausmädchen herein und brachte mir — meine Börse, die ich im Bett vergessen hatte! Die Kaufleute schwiegen, sahen aber einander an und lächelten. Ich dachte: „Verdammte Zerstreutheit! ganz kann man Dich doch nicht los werden. Das ist mir auf meiner ganzen Reise zum ersten Male passirt; sollen diese Geschäftsleute nun gleich glauben, daß Du ein Genie in der schlechten Bedeutung des Wortes bist? Und ich bin doch gewiß ganz ordentlich und mir ist nichts Aehnliches passirt; wenn ich den Paß in Dresden, — und den Koffer in Quedlinburg, — und die Verspätung in Halberstadt, — und den Paß in Straßburg, — und den Koffer in Stuttgart ausnehme! —“
Besteigung des Righi.
Wir reisten über den Albisberg nach Zug, wo ich den Roßberg sah, der zwei Jahre vorher zwei Städte in seinem Falle begraben hatte. Ueber den Zugersee kamen wir nach Arth, und bestiegen den Righi, einen der schönsten und am leichtesten ersteigbaren Berge. — Ich hatte noch immer den Straßburger Münster im Kopfe, und als ich ganz oben war, fragte ich einen Schweizer: „Ist Das nun viel höher, als der Münsterthurm in Straßburg?“ „„Ach, gehen Sie weg, mit Ihrem Münsterthurm!““ rief der Schweizer, „„von so einer Ameise kann hier gar nicht die Rede sein.““
Man kann sich leicht in Bezug auf eine Höhe täuschen, wenn man sie nur nach dem Augenmaß und dem sinnlichen Eindrucke beurtheilt. Nur die schroffe Tiefe wirkt auf die Phantasie ein, und das langsame Steigen einer Berggegend merkt man nicht gleich.
Wir blieben die Nacht über auf dem Righi; die Schweizermädchen sangen uns alte Lieder vor. Eines darunter gefiel mir besonders gut. Der Refrain war:
„Durch keine Adelshand,
Mit Guot und Muot, mit Herz und Bluot,
Ward's gerettet, Vatterland!“