Am nächsten Morgen stiegen wir höher hinauf, um eine recht freie Aussicht zu haben. Der Nebel erlaubte uns aber nicht, eine Hand weit vor uns zu sehen. Ich schrieb in das Buch, welches dort lag, und in das viele Reisende schöne Sentenzen hineingeschrieben haben:

„Ich kam hinauf — und sah — und sah —
Gar Nichts! — der Nebel war schon da —.“

Tell's Kapelle.

Weiter am Tage, als wir wieder hinabstiegen, klärte sich der Himmel auf. Wir hörten das Geläute der Heerden. In einer Kluft, ganz von Felswänden umgeben, stand eine Kapelle bei einer Quelle. Bauern von Freiburg kamen dorthin, um das Wasser zu trinken, welches Taubheit heilen sollte. Die Abendsonne ging herrlich unter; die Heerdenglocken klangen in Terzen und Quarten; Freiburger Mädchen sangen Psalmen und kehrten von der heiligen Quelle zurück. Das Gras auf den Höhen war frisch und grün. Ueber den See hin kamen wir nach Tell's Kapelle, wo geschrieben steht: „Hier schlug Thäll Gieselers Huochmuot.“

Man zeigte mir einen Baumstumpf; die guten Leute glaubten, es seien noch Ueberreste jenes Baumes, hinter dem Tell gestanden, als er Geßler seinen Todespfeil sandte. Es war mir, als ob ich Schiller's Geist mit einer Harfe im Arme über die Berge dahinschweben sah. Die seltsamen Physiognomien der fernen Gebirgsketten brachten mir Lavater ins Gedächtniß; und in dem saftgrünen schattigen Thale war mir's, als ob ich Geßner unter einem Baume sitzen und die Landschaft malen sähe, während er Idyllen sang.


Mit meiner Reisegesellschaft zog ich an Küßnacht vorbei über den Vierwaldstädtersee nach Luzern, und von da über Reith und Morgenthal nach Bern. Hier blieben wir ein paar Tage in der Gesellschaft der liebenswürdigen Frau Haller. In Lausanne trennte ich mich von meiner Reisegesellschaft; ich stand wieder allein und fuhr auf einem Retourwagen nach Coppet, um die Baronesse Staël-Holstein zu besuchen, was ich ihr in Auberge en ville versprochen hatte.

Aufnahme bei Frau v. Staël-Holstein.

Ich stieg in einem dunkeln Gasthof ab, trat in ein kaltes, feuchtes Zimmer, und ließ mir einige Bündel trockenen Reisig's im Kamin anzünden, um das feuchte Herbstzimmer zu erwärmen und behaglich zu machen. Sonst, wenn ich allein nach einem so ländlichen Wirthshause kam, pflegte ich gewöhnlich die Küche zu meinem Aufenthalte zu wählen. War es kalt, so konnte man sich dort gleich ans Feuer setzen, wo das Ende eines ganzen Baumstammes brannte, den man nach und nach hineinschob. Der Braten, der gegessen werden sollte, drehte sich dabei lustig an seinem Spieße herum. Ich unterhielt mich mit den Leuten; Mädchen und Burschen kamen und setzten sich an einen entfernteren Tisch; eine Treppe führte gewöhnlich zu einer Galerie hinauf, nach der alle Thüren des zweiten Stockwerkes führten. Ein solcher Versammlungsort, halb Küche, halb Zimmer, bildet oft die Scene in den alten französischen Singspielen. Bei Walter Scott ist er auch oft der Schauplatz. Er ist der Gegenstand vieler hübschen Bilder der niederländischen Schule gewesen. — Aber heute in Coppet hatte ich nicht Lust in dieser Gesellschaft zu verweilen; ich wollte eine Stunde mit mir allein sein, ehe ich wieder in einen großen, fremden Kreis eintrat. Ich hatte A. W. Schlegel wissen lassen, daß ich in Coppet sei, und dort der Baronesse meine Aufwartung zu machen wünsche; nun saß ich da und blickte ins Kaminfeuer und dachte an alle verschwundenen Freuden.