Das Haus der Frau v. Staël-Holstein.

Es währte nicht lange, so kam ein Diener mit einer Einladung von Frau von Staël, und mein Koffer wurde gleich auf's Schloß getragen. Dort war Alles munter und elegant, die witzige Dichterin kam mir freundlich lächelnd entgegen, lud mich ein, einige Wochen bei ihr zu bleiben, und neckte mich, weil ich noch nicht besser Französisch sprach. Mit ihr konnte ich übrigens nicht in Betreff der Sprache in Verlegenheit kommen, denn sie verstand vortrefflich Deutsch. Ihre Kinder, der vor Kurzem verstorbene, wackere August und ihre Tochter, die jetzige Herzogin von Broglie, damals ein halb erwachsenes Mädchen, sprachen auch gut Deutsch, ebenso wie Herr Benjamin Constant, den ich hier wieder traf. August Wilhelm Schlegel konnte fast alle Sprachen gleich gut; und der alte Baron Voigt von Altona, ein Altersgenosse von Lessing und Schröder, der auch zum Besuche hier war, las gerade „Nathan den Weisen“ vor. So konnte man sagen, daß die Deutschen auf eine kurze Zeit die französische Schweiz erobert hatten. Auch der alte liebenswürdige Bonstetten sprach ebenso gut Deutsch wie Französisch. Wie gut Benjamin Constant Deutsch verstand, merkte ich späterhin einmal an einem Abend, wo er uns eine französisch-racinisirte Bearbeitung von Schiller's Wallenstein zur Vergeltung dafür vorlas, daß Göthe den Mahomed und Tancred göthisirt und Schiller die Phädra schillerisirt hatte. Noch befand sich hier der berühmte Historiker Simondi de Sismondi, der auch Deutsch verstand, aber nicht sprechen konnte; und ein Herr Comte de Sabran, der kein Wort Deutsch konnte, aber französische Epigramme machte. — Da ich nun in den französischen Gesprächen bei Tisch für gewöhnlich schwieg, sagte Sismondi einmal der Frau Staël von mir: „C'est un arbre, sur lequel il croît des tragédies.“ Schlegel war höflich, aber kalt gegen mich. Ich achtete seine Gelehrsamkeit, seinen Scharfsinn, seinen Witz und sein außerordentliches Sprachtalent hoch. Ich kenne keine besseren Uebersetzungen, als die seinigen von Shakespeare und Calderon. Vielleicht ist sein Shakespeare hier und da doch ein Bischen zu geleckt. Er hat viel Vortreffliches über Poesie und Kunst gesagt; aber er war nicht frei von Einseitigkeit und Parteilichkeit. Gleich seinem Bruder und der ganzen neuern Schule war er ein zu großer Freund der Aristokratie und Hierarchie und zog Calderon dem Shakespeare vor; Luther und Herder tadelte er bitter; kurz sein ganzes Wesen hatte Etwas, das mir nicht gefiel, etwas Pedantisches und Hochmüthiges. Als er ein Mal bei Tisch von Luther mit Verachtung sprach, fuhr ich auf und schleuderte den Tadel so heftig auf ihn selbst zurück, daß alle Franzosen glaubten, wir würden handgreiflich werden. Doch wurde bald Frieden geschlossen; aber seine Zuneigung für mich ward dadurch natürlich nicht größer. Er ging meinen Palnatoke mit mir durch und half mir viele Sprachfehler verbessern. Nie lobte er Etwas von mir. Zehn Jahre später, als ich wieder mit Frau Staël in Paris sprach, erzählte sie mir, daß er meinen Correggio sehr liebe. Als ich von Genf fortreiste, schrieb er höflich in mein Stammbuch:

„Fremdling, doch altverbrüdert, tritt herein!
Willkommen gern im deutschen Dichterhain!
Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen,
Und unsrer Wälder Nachhall soll Dich preisen.“

Gedenkblatt von A. W. Schlegel.

Man sieht, daß Alles im Futurum steht; obgleich Einiges bereits im Präsens ja wohl selbst im Perfectum betrachtet werden konnte. Schlegel ritt jeden Tag ein zahmes Pferd, um sich einige Bewegung zu machen. Einmal hatte man ihm ein unbändigeres Roß gegeben, und er weigerte sich, es zu reiten. Frau Staël neckte ihn, und Benjamin Constant erbot sich, das Pferd zu besteigen, um Schlegel zu zeigen, daß keine Gefahr dabei wäre. Wir gingen Alle mit hinunter, um Zeugen dieses Auftrittes zu sein; der große rothhaarige Constant schwang sich wie ein Ritter in den Sattel und galloppirte von dannen; aber kaum war er ein Stück Wegs dahin gekommen, so warf das Pferd ihn in den tiefen sumpfigen Graben. Ich vergesse niemals das Mitleid, das Schlegel mit ihm hatte, als er hinkend wieder zurück kam. „Ja, sagte ich es Ihnen nicht,“ rief Schlegel mit unterdrücktem Lachen, „es ist ein verteufelt stetiges Vieh!“

Einen Zug jugendlicher Eitelkeit darf ich hier nicht vergessen. Als ich eines Tages neben der Frau von Staël ging, welche langsam ritt, und als wir über einen kleinen Bach kamen, trat ich mit Schuhen und seidnen Strümpfen in denselben und durchwatete ihn, anstatt über ein Brett zu gehen, das über demselben lag. Sie machte mich auf meine Zerstreutheit aufmerksam. Ich antwortete, es sei keine Zerstreutheit, sondern ich wollte die Unterhaltung mit ihr nicht unterbrechen; denn das Pferd durchwatete natürlich den Bach. Wahrscheinlich amüsirte es mich, weil ich kurz vorher ihre Corinna gelesen hatte, eine Art Lord Nelvil ihr gegenüber zu spielen, der ihrer Weiblichkeit durch seine männliche Verwegenheit imponiren wollte. Es war für mich auch fast ebenso gefährlich, mich ins Wasser zu stürzen, wie für ihn ins Feuer; aber er schuf doch Nutzen dadurch: ich dagegen konnte mir eine Krankheit durch diesen Narrenstreich zuziehen.

Die Persönlichkeit der Frau von Staël-Holstein.

Wie geistvoll, witzig und liebenswürdig Frau von Staël war, weiß die ganze Welt. Ich habe kein Weib mit so vielem Genie, wie sie gekannt. Deshalb aber hatte sie auch etwas Männliches in ihrem Wesen, war ziemlich vierschrötig und hatte ein markirtes Gesicht. Schön war sie nicht; aber ihre brillanten, braunen Augen hatten doch etwas Anziehendes, und das weibliche Talent, Männer der verschiedensten Charactere zu gewinnen, mit Feinheit zu beherrschen und in der Gesellschaft zu vereinen, besaß sie in hohem Grade. Ihr Genie, ihr Gesicht, ja fast selbst ihre Stimme waren männlich; aber die Empfänglichkeit ihres Herzens war in hohem Grade weiblich: das hat sie in der Delphine und der Corinna bewiesen. Rousseau hat die Liebe nicht mit größerm Feuer geschildert.

Sie schrieb gerade damals ihr Buch über die deutsche Literatur und las täglich einen Band Deutsch. Man hat sie beschuldigt, die Bücher nicht selbst gelesen, sondern ihr Urtheil darüber von Schlegel erhalten zu haben; dies ist durchaus unwahr. Sie las selbst Deutsch mit größter Leichtigkeit; nur die Aussprache fiel ihr schwer: und deshalb übersetzte sie, wenn sie mir etwas aus einem deutschen Buche vorlesen wollte, es lieber gleich ins Französische. Schlegel hat gewiß sehr vielen Einfluß auf ihr Urtheil gehabt, sie lernte durch ihn zuerst die deutsche Literatur kennen, aber ihre Ansichten wichen doch in manchen Dingen durchaus von den seinigen ab. Sie konnte selbst denken; sie stritt häufig mit ihm und neckte ihn oft, wenn er ihr zu parteiisch war. „Vous êtes une tête lente,“ sagte sie einmal über Tisch zu ihm: „moi, je suis une tête vite.“ In ihrem Urtheile über die französische Tragödie wich sie vollständig von Schlegel ab.

Frau von Staël hat das Verdienst, die Erste zu sein, welche die französische Nation auf die Schönheiten der deutschen Poesie aufmerksam machte. Wenn nun gleich Vieles in ihren Aeußerungen flüchtig und schief ist, so muß man es ihr, einer Dame, einer französischen Dame, einer vornehmen und reichen Dame verzeihen, der täglich eine unendliche Menge Gäste nach dem Munde schwatzte. Vieles Geistreiche und Schöne hat sie über deutsche Verfasser geschrieben. Freilich fehlte ihr der tiefe, stillere, ernste Sinn, um eigentlich das Wesen der germanischen und nordischen Poesie zu erfassen. Es hat auch etwas Verletzendes, wenn man alle großen Männer die Revüe vor dieser poetischen Semiramis passiren sieht; doch behandelt sie die ausgezeichneten Schriftsteller mit genügender Achtung und geizt bei ihnen nicht mit Ehrenbezeugungen.