Ihr größtes Talent bestand darin, etwas Treffendes und Witziges über Das zu sagen, was sich ihre Aufmerksamkeit zuzog. Dieses Talent machte sie in Gesellschaften äußerst unterhaltend. Wohin sie kam, zog sie (trotz der Gegenwart der schönen jungen Damen) alle Männer von Kopf und Kenntnissen in ihre Nähe. Bedenkt man nun, daß sie außerordentlich reich und gastfrei war und fast jeden Tag prächtige Gesellschaften gab, so wundert sich gewiß Keiner darüber, daß sie, einer Königin oder Fee gleich, die Männer in ihr Zauberschloß lockte und sie zum Theil beherrschte. Man hätte fast glauben können, daß sie, um diese Herrschaft an den Tag zu legen, während der Mahlzeit immer mit einem kleinen Zweige in der Hand spielte. Der Diener mußte ihr einen solchen täglich neben ihren Teller hinlegen, denn er war ihr ebenso unentbehrlich, wie Messer, Löffel und Gabel.

Zacharias Werner.

Ich war einige Wochen in Coppet gewesen, als eines Tages Zacharias Werner mit einer großen Schnupftabaksdose in der engen Westentasche, die Nase voller Tabak und mit tiefen Verbeugungen in die Halle trat. Er sprach auch schlecht Französisch, aber dies genirte ihn nicht. In seinem Patois theilte er täglich über Tisch der Gesellschaft in einer Art von Vorlesungen seine mystische Aesthetik mit. Man hörte ihm sehr andächtig zu, und es fehlte nicht wenig, so hätte er Proselyten gemacht. Denn obgleich die Franzosen oft für fremde Natur taub sind, so leihen sie der fremden Unnatur doch gern das Ohr: was Cagliostro, Mesmer, Frau Krüdener u. A. bezeugen können. Selbst Frau von Staël hörte bewundernd Werner zu, und schalt mich, weil ich mir seine Ansichten nicht aufmerksamer zu Herzen nahm. — Es that mir leid, diese Verwandlung bei Werner zu entdecken. Mit Vergnügen hatte ich seine Söhne des Thals und seine Weihe der Kraft gelesen; obgleich bereits in diesen Werken der Keim zu seinem spätern krankhaften Wesen liegt. Aber nun ging es auf eine „Weihe der Unkraft“ los, in die ich mich durchaus nicht finden konnte. Er las uns seinen Attila vor, in dem schöne Scenen sind, obgleich hier die Schwärmerei deutlich hervortritt und mit der hierauffolgenden Katastrophe droht. Besonders graute mir vor der Replik: „Umarme mich Jüngling! Jetzt lasse man ihn von Pferden zerreißen.“

Frau von Staël bewunderte dies Alles enthusiastisch; ich konnte hierin nicht mit ihr sympathisiren. Sie hielt das vielleicht für Mangel an Verstand oder Geist, oder Gott weiß was. Noch kannte sie Nichts von meinen Schriften; denn diese waren noch nicht nach Coppet gekommen.

Werner's Persönlichkeit mochte ich gern, er war ein freundlicher Mann; offen, theilnehmend; mit einem gewissen Humor verstand er, über sich selbst auf eine liebenswürdige Weise zu scherzen; ich unterhielt mich gern mit ihm, wenn wir allein waren. Er hatte viel in der Welt erfahren und erlebt; selbst die sinnlich leichtfertige Weise, auf die er zu seiner frommen Erhebung gekommen war, hatte, psychologisch genommen, etwas Interessantes. Er war auch nicht arrogant, und wurde nicht böse, wenn man anderer Meinung war, als er.

Eine kleine Mißhelligkeit.

Eines Tages gingen wir auf der Landstraße zwischen Coppet und Genf spazieren. Ich hatte meinen Correggio im Kopfe und theilte ihm den Plan mit. Ich hatte gehört, daß auch er an einem neuen Stücke schreibe, und bat ihn, mir den Inhalt zu sagen. Wir waren unterdessen nach Hause gekommen. „Nein, verzeihen Sie mir, lieber Freund!“ sagte er, indem er eine Prise nahm, „das kann ich nicht! Ich habe bereits so oft Andern meine Pläne erzählt; aber das kommt in Wochenblätter und Journale, und hat mir vielen Verlust bereitet.“ — Ich hatte mich bereits so sehr an sein wunderliches Wesen gewöhnt, und er sagte mir das so gutmüthig und naiv, daß ich ihm nicht darüber zürnen konnte; ich scherzte über seine Weigerung und wiederholte mein Verlangen.

In demselben Augenblicke trat Frau von Staël in das Zimmer und fragte, wovon die Rede sei. Ich antwortete lachend: „Ich schelte Werner! Ich habe ihm meinen Plan zu einer neuen Tragödie mitgetheilt, und nun will er mir nicht den des Stückes mittheilen, das er zu schreiben beabsichtigt. Ist das nicht unrecht?“ „„Ah!““ antwortete sie ganz ernst und in zurechtweisendem Tone, — „c'est une autre chose! Vous êtes encore jeune; vous avez besoin de vous former!“ Ohne zu antworten, wandte ich ihr den Rücken und verließ das Zimmer. Sie wartete, daß ich wieder kommen würde; endlich sandte sie mir einen Diener nach, der erzählte, daß ich einpacke, um abzureisen. — Nun suchte sie mich sehr freundlich auf, bat mich zu bleiben und nicht böse zu sein. „„Ich wüßte ja, wie sehr sie mich achte; Werner habe sie seiner Gedichte wegen lieb, für mich aber fühle sie persönliche Freundlichkeit.““ — Ich antwortete, „daß ihre Freundschaft mich ehre und freue, und wenn ich noch Nichts weiter sei, als ein hoffnungsvoller Jüngling, so müsse dies mir genügen; aber ich hätte bereits ebenso lange und ebenso viel, wie Werner gedichtet; ich glaubte nicht, von ihm Etwas lernen zu können; er habe Genie und ein gutes Herz, aber keinen gesunden Geschmack; und wenn das so fortginge, so würde er zuletzt auch den gesunden Menschenverstand verlieren. Ich könne nicht verlangen, daß sie mich als Dichter schätzen solle, da sie noch nichts von mir kenne, nur möge sie auch deshalb ihr Urtheil über meine dichterische Berechtigung bis auf Weiteres aufschieben.“ — Sie gab mir Recht; und so wurde der Frieden geschlossen. — Kurz darauf las sie Aladdin und Hakon Jarl und fand nun selbst, daß ich nicht nöthig hätte, bei Werner in die Schule zu gehen.

Gedenkblatt von Zacharias Werner.

Werner fühlte wahrscheinlich dasselbe, und in meinem Stammbuch gab er mir (nun seiner Ansicht nach ebenbürtig) folgende Satisfaction: