In Turin hätte ich mich beinahe verirrt, weil alle Häuser und Straßen da einander gleichen; es ist Alles sehr prächtig, aber monoton und menschenleer. Ich ging ins Theater; das hatte nicht viel zu bedeuten. Am nächsten Tage besah ich das große Opernhaus zum Ersatz, weil keine Oper gegeben wurde. Ich guckte in den finstern ungeheuren Raum hinein. Um mich etwas zu amüsiren, zeigte man mir die Maschinerie. Das half nicht viel. Mein einziger Trost war eine große Trommel, auf der ich einige Donnerschläge und Kanonenschüsse, wie ein zweiter Jupiter oder Napoleon, anbrachte. — Draußen regnete es. Hier fand ich zwar die Sonne wieder; aber unecht vergoldet, in einen Winkel hingeworfen und ihre zerrissenen Pappstrahlen mit Staub bedeckt. — Darauf zeigte man mir ein Druckwerk, durch das man wirklich nicht blos poetisches Wasser auf die Bühne bringen konnte. Man konnte auch den Hintergrund öffnen und die Zuschauer in die wirkliche Welt hinausblicken lassen, wenn der allzulange Aufenthalt im Reich der Phantasie ihnen Heimweh nach Dem geweckt hatte, was sie „besser und bequemer zu Hause“ hatten. Denn es geht dem großen Haufen, wie den Seehunden: sie können sich wohl einige Stunden lang auf den Steinen sonnen, die am Strande der Poesie liegen, aber sie müssen bald wieder in das (nicht salzige, sondern süße) Wasser der Prosa. Am stolzesten war der Vorzeiger des Pferdestalls, von wo aus die vierbeinigen Komödianten (eigentlich Tragiker, denn sie spielen nur in der Opera-Seria) auf die Bretter hinauskommen und in den musikalischen Haupt- und Staatsactionen agiren. In Berlin und andern Orten hat man auch Theaterpferde; es war mir nichts Neues.

In Turin besuchte ich Herrn Bonzanigo, einen Sculpteur en bois, wie er sich nannte; aber er schnitt auch sehr hübsche Sachen in Elfenbein aus. Er hatte wahres Talent und viel Erfindungsgabe, ein artiger alter Mann. — „Man muß Genie haben, um solche Dinge hervorzubringen,“ sagte ich zu ihm. „„Ja gewiß,““ entgegnete er ernst und freundlich, „„viel Genie.““ — Es lag durchaus keine Arroganz, keine Prahlerei in seinem Tone. Er betrachtete das Genie als eine nothwendige Bedingung für Kunstwerke. Derjenige, der keines hätte, meinte er wohl, müßte es lieber unterlassen, und darin hatte der alte Mann Recht.

Die Reisegesellschaft nach Mailand.

Ich reiste mit einem Vetturin nach Mailand. Im Wagen traf ich wieder meinen französischen Kaufmann, und ein ganz wohlgekleidetes Frauenzimmer, eigentlich ein Dienstmädchen, die nach Mailand reiste, um — wie wir später erfuhren — Kindermädchen zu werden. Sie erzählte uns, daß sie in einer kleinen französischen Stadt geboren sei, die ihren Namen nach einem wilden Mann führe, welcher in alten Tagen ganz nackt im Walde gefunden worden sei.

Ein närrisches, kleines Ding von 38 Jahren! Als sie sah, daß wir höflich gegen sie waren, gab sie sich gleich Damen-Airs, und holte eine Schachtel heraus, in der ein Spiel Karten lag. Ihre Schürze heftete sie mit Stecknadeln an unsere Knie an und auf diesem Tisch lud sie uns ein, Mariage zu spielen. — Es schien, als ob sie Lust hätte um Geld zu spielen, um das Spiel interessanter zu machen; aus Eigennutz war es nicht, denn sie verlor beständig. Deshalb wollten wir auch nicht um Etwas spielen. Der alte Kaufmann, der sich darüber freute, eine Landsmännin in dem armseligen Italien zu finden, bat sie, etwas zu singen. „Sie haben gewiß eine schöne Stimme!“ — Das ließ sie sich nicht zwei Mal sagen. Mit einer Prise Tabak in der einen, und den Karten in der andern Hand, fing sie nun an, wie eine Nachtigall zu schlagen. Es war eine Romanze, in der viel von tendresse und einem traître vorkam, der seine Geliebte verlassen hatte.

Das „provisorische Kindermädchen.“

So singend und zuhörend kamen wir nach Chivasco, wo das provisorische Kindermädchen die Honneurs bei Tisch machte, aber mit den Zurichtungen unzufrieden war. Sie erzählte uns, daß sie lange in einem Kloster gelebt habe, ohne doch das Klostergelübde abgelegt zu haben, wo an den großen Festtagen das ganze Personal, von der Priorin bis zu der fille du bassecour (wahrscheinlich sie selbst), in dem großen Refectorium gespeist hatte.

In Cilano brachten wir einige Stunden in der Nacht zu. Hier schlief ich in einem großen Zimmer mit zwei andern Betten außer dem meinigen. In dem einen lag der alte französische Kaufmann, in dem andern ein junger, fremder Italiener. Hier hatte ich wieder meine alte Räubervision und sprang zum Bette heraus. — Glücklicherweise schrie ich nicht; denn sonst wäre gewiß das ganze Haus in Aufruhr gekommen, hier in einem Lande, wo Räuberabenteuer nichts ungewöhnliches sind. Freilich hörte man damals weniger, als jetzt von dergleichen; die strenge französische Polizei jagte den Verbrechern Furcht ein und verminderte zum Theil die Gewaltthätigkeiten und die Unsicherheit auf den Landstraßen. Endlich kamen wir nach Mailand und waren Alle froh, nur nicht unser Gesellschaftsfräulein; sie sollte nun in Dienst gehen, und das kurze Damenleben war vorüber; sie weinte, als sie Abschied von uns nahm.

Der „bezahlte“ Schlingel. — Das Gerücht.

Unser Vetturin, ein großer, langer, ernster Mann im grünen Ueberrock, mit einem schwarzen Zopf im Rücken, war auf der Reise einmal so nachlässig und langsam gewesen, daß wir erst lange nach dem Ave Maria in die Herberge kamen; was immer sehr gefährlich in Italien ist; denn nach dem Ave Maria sind die Landstraßen nicht mehr vor Räubern sicher. Ich hatte ihn deshalb einen Schlingel genannt. Kaum war das Wort gesagt, so that es mir leid. Er war sonst ein ehrbarer, gravitätischer Mensch und glich mehr einem Herrn, als einem Diener. Er schwieg und sah mich ernst an. Ich dachte an die italienische Rache und mir wurde darum nicht gut zu Muthe. Indessen ging Alles gut bis Mailand hin. Der Vetturin trat höflich ins Zimmer zu mir, um sein Geld zu holen. Ich grüßte ihn freundlich, bezahlte ihm die bestimmte Summe, darauf das Trinkgeld und legte noch einen Scudo obenein hin. Er strich das Geld ein, nahm darauf den einzelnen Scudo, sah erst ihn, dann mich an, und sagte, indem er fortging, mit einem gutmüthigen, bedeutungsvollen Lächeln und einer kleinen Verbeugung: „Das war für den Schlingel!“