Die Italiener haben ein zartes Ehrgefühl; man muß sich hüten, sie zu verletzen, und lieber ihre Faulheit und Nachlässigkeit ertragen. In Mailand erfreute es mich am meisten, den großen Marmordom, ganz gothisch, oder altdeutsch, jenseits der Alpen zu sehen, ein kräftiges Denkmal deutschen Einflusses hier im Mittelalter. Ich habe bereits gesagt, daß ich keine Reise, sondern mein Leben schreibe, und deshalb eile ich rasch über die Merkwürdigkeiten hinweg, über die man in hundert Büchern lesen kann. — Das kann ich mit Bestimmtheit sagen: Ich habe Vieles aufmerksam betrachtet und gefühlt, dessen ich hier nicht erwähne; was als Gegensatz manchem andern Reisenden dienen kann, der aus andern Werken über Dinge abschreibt, die er nie gesehen hat.

In Mailand. — Landsleute.

In Mailand traf ich den jetzt verstorbenen Theatermaler Wallich aus Kopenhagen; er führte mich im Schauspielhause in eine Loge zu mehreren vornehmen Damen, welche begierig waren, den jungen Dänen zu sehen, „der Frau von Staël Holstein heirathen sollte.“ Ich bat Herrn Wallich um Gottes Willen, den Damen diesen Traum zu benehmen, und begriff nicht, wie solch leere Gerüchte über die Alpen gekommen sein konnten. Aber je leerer ein Gerücht ist, desto leichter fliegt es. — Wie bekannt, empfangen die italienischen Damen in den Logen Besuche; auf das Schau- oder eigentlich Singspiel achten sie nur wenig, außer, wenn eine beliebte Bravourarie gesungen wird. Bei diesen schönen, artigen Damen traf ich auch den Maler Rossi, der das herrliche Bild, das Abendmahl, von Leonardo da Vinci copirte. Eigentlich mußte er rathen, wie es in Santa Maria della Gracia ausgesehen habe; denn erst mit Kalk überweißt, und dann wieder halb abgewaschen, sind die Farben kaum kennbar; nur die Umrisse haben sich einigermaßen erhalten.

Ich hatte das Vergnügen, noch einen Landsmann, Herrn Dalgas, zu treffen. In Mailand sah ich zum ersten Male eine Opera buffa: le nozze di Lauretta, sehr gut gegeben, mit allen Lazzis und dem lustigen Uebermuth der italienischen Laune. Dies ist echt italienisch! Ihre Seria ist eine schlechte, verzeichnete Copie der griechischen und römischen; und die Musik größtentheils gleich uncharacteristisch obwohl häufig prächtig und wohlklingend. Den Tag darauf sah ich eine Hinrichtung. Ein elender, bleicher, zitternder Räuber wurde guillotinirt. Der kräftige, rothwangige Scharfrichter, malerisch gekleidet, mit einem breiten runden Hute über dem grünen Haarnetze, stach wunderlich gegen jenes elende Geschöpf ab, das, in Lumpen gehüllt, auf einer hölzernen Trage herbeigeschafft wurde, während ein Mönch neben ihm herlief, und ihm einen Holzschnitt des Gekreuzigten, auf ein Stück Pappe geklebt, wie einen Fächer vors Gesicht hielt. — Als das Haupt des Sünders abgeschlagen war, nahm der Scharfrichter sein Taschentuch und steckte es unter sein eigenes Kinn, als ob er barbirt werden sollte. Aber er that es, um nicht blutig zu werden, indem er das Haupt auf eine Eisenstange steckte, unter der der Name und das Verbrechen des Hingerichteten mit großen Buchstaben stand. — Kaum hatte ich den Namen „Raphael“ gelesen, als ich von dannen eilte. Es schmerzte mich, den großen Namen entheiligt zu sehen. Ich hatte erst kurz vorher ein vortreffliches Bild von Raphael d'Urbino aus seiner ersten Periode: Joseph's und Maria's Abschied bewundert.

Hinrichtungen.

Es ist gewiß, daß ich, obwohl mir nicht Gemüth fehlte, in meiner Jugend Neigung hatte, den Hinrichtungen beizuwohnen. Das Entsetzen, welches damit verbunden war, hat etwas Stachelndes und Anziehendes. Die Phantasie trieb ihr Spiel. Die Menge der Frauenzimmer eilt gewöhnlich aus einem andern Grunde, einem falschen Gefühle, dorthin, welches sie bewegt. Sie gehen zu einer Hinrichtung, wie sie zu einer Tragödie gehen, um über Etwas weinen zu können. Ich aber weinte nicht. In einer frühern Periode war ich so eifrig auf dergleichen versessen, daß ich, als Herzlein (ein Goldschmied, der seine Geliebte aus Eifersucht erschossen hatte) geköpft werden sollte, auf einen großen sentimentalen Glasermeister schimpfte, der im Gedränge vor mir stand, und mich durch seine Bewegungen beinahe daran verhindert hätte, die Hinrichtung zu sehen. Aber ich sah sie; und als der Unglückliche im letzten Augenblicke verzweifelt sein Auge gen Himmel aufschlug, ehe er sich auf den Block legte, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Als ich nach Hause ging, fühlte ich mich so matt und abgestumpft, als ob ich all' meine Seelenkräfte verloren hätte, und als ein so vergängliches Nichts, wie das dürre Gras, auf das ich trat. Am Abend, als ich mich in der Sommerdämmerung im Dunkeln auskleidete und das Auge zufällig in den Spiegel fiel, erbebte ich vor mir selbst in den bloßen Hemdärmeln. Es war mir, als ob ich mich auskleidete, um hingerichtet zu werden. Es vergingen mehrere Tage, ehe ich mich fassen konnte. Und doch sah ich andere Hinrichtungen. Einen Mordbrenner, der nach dem Köpfen verbrannt wurde, wollte ich auch sehen; dieses Mal aber ging ich fort, ehe er kam, als ich den Scheiterhaufen erblickt hatte. Dagegen sah ich einen Seecapitain, den der Pöbel Capitain „Rührei“ nannte, weil er in diesem Gericht seinen Schwiegervater vergiftet hatte; zugleich mit einem andern Mörder, einem Matrosen, hinrichten. Man erzählt, daß, als sie zum Tode gingen und Abschied von einander nahmen, der Matrose mit einem frommen Gefühle sagte: „Lebewohl! Wir sehen uns droben bald wieder!“ worauf Capitain Rührei kalt antwortete: „Hm! das ist nicht so gewiß!“ — Ich glaubte, ich würde ein häßliches, finsteres Haupt auf der Stange sehen; aber es war ein hübsches Gesicht, fast wie das eines Mädchens, mit blondem, lockigem Haar.

Todesstrafe.

Man hat soviel für und gegen die Todesstrafe geschrieben. Mir scheint, daß die Nothwehr und die Selbstvertheidigung der menschlichen Gesellschaft sie unentbehrlich machen. Raubmorde würden freilich vermindert werden, wenn der Räuber bei dem einfachen Raube nicht mehr sein eigenes Leben wagte; aber der Rache- und Feindesmord würde vermehrt werden, wenn der Brutale und Böse wüßte, daß er durch den Mord des Verhaßten sich nur einer Gefangenschaft aussetzt, aus der eine gewandte Flucht ihn befreien kann. An die beständige Besserung des in Grund und Boden Verderbten zu denken, ist eine fromme Illusion. Der Verbrecher wird mit einem so guten Gefühle und so vortrefflichen Grundsätzen, wie ein frommer Geistlicher sie ihm geben kann, in das andere Leben hinübergeführt. Er wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen, deren Mitglied zu sein, er nicht mehr würdig ist! Aber wir glauben ja an ein ewiges Leben! Nur wer an der Unsterblichkeit zweifelt, findet die Todesstrafe in jedem Falle grausam und unmenschlich. Freilich kommt es dabei weit mehr auf die Beweggründe, als auf die Handlung selbst an, und deßhalb müssen edle, weise Richter hierbei prüfen und entscheiden.

Daß die Anwendung der Todesstrafe wegen Mordthat in Italien von außerordentlicher Wirkung war, so lange Napoleon's Gesetze galten, wissen Alle, welche Gelegenheit hatten, den Zustand im Lande damals und später kennen zu lernen. Ein Italiener versicherte mir, daß in seiner Jugend eine große Menge junger Leute in dieser Gegend Morde begangen und sogar damit geprahlt hätten. Nach Napoleon's Zeit wimmelte es wieder von Räubern und Mördern auf den italienischen Landstraßen. Der abscheuliche Menschenfang kam auf, und wenn sich die Fortgeführten nicht durch großes Lösegeld freikauften, so wurden sie gemordet, ja zuweilen erst gepeinigt. Damals, als ich reiste, wurden alle Räuber ohne Barmherzigkeit gleich hingerichtet und die Folge davon war, daß die Wege bald viel sicherer und die Reisenden viel seltener geplündert wurden. Indessen war es doch noch nicht vorbei. Einige Tage darauf, als wir von Mailand nach Lodi reisten, begegneten wir achtzehn gefangenen Räubern in Ketten, und als wir den Führer fragten, welches Schicksal ihrer harre, machte er mit dem Finger ein Zeichen um den Hals.