Die Dorfwirthshäuser.

Diese Gegenden sind gefährlich, obgleich weder Felsen noch Höhlen da sind; aber man fährt mehrere Meilen weit durch öde Gegenden mit dichten Weidenhecken an beiden Seiten. In dieser Einsamkeit können die Reisenden leicht überfallen werden; die Räuber verbergen sich gleich in den Hecken und die wenigen Bauern, welche hier und da wohnen, wagen es nicht, den Räubern hinderlich zu sein, stehen wohl auch oft mit ihnen im Bündniß.

Jetzt wurden wir in vielen Wirthshäusern vollständig von der schlechten Lebensweise des italienischen Landvolkes überzeugt, von der wir soviel gehört hatten, an die ich aber nicht recht glauben wollte. Konnten sie auch nicht Steine in Brot verwandeln, so verwandelten sie doch wenigstens Brot in Stein. Ein Wirthshaus führte in seinem Schilde eine Katze, die eine Maus zwischen den Krallen hielt. Sehr einladend! Und hätten wir uns daselbst mit Mäusen begnügen wollen, so hätte es uns auch nicht an Wild gefehlt.

In besseren Wirthshäusern mußten wir Freitag und Sonnabend fasten, doch wurden größtentheils Fleischspeisen auf einem besondern Tisch für die Ketzer und für Diejenigen angerichtet, welche Dispensation erhalten hatten. Es wurde dann gefragt: ob man magro oder grasso speisen wollte. In San Domino verführte ich eine junge Römerin, die sehr hungrig war, an einem Freitage Fleisch zu essen; aber meine Sünde wurde auch in der nächsten Nacht auf folgende Weise bestraft.

Bestrafte Ketzerei.

Wie ich im besten Schlummer lag, klopfte es an meine Thür, und der Hausknecht trat mit einer Laterne herein, um die Hiobspost zu verkünden, daß ich aufstehen müsse, der Kutscher wolle weiter fahren. Ich sprang aus dem Bett, und fing an, mich anzukleiden; aber als ich nach der Uhr sah, war es erst 3, und ich wußte, daß wir erst um 5 Uhr weiter sollten. Ich lief in den Hof hinunter, in der Hoffnung, daß ich wenigstens die Fuhrmannsscene aus Shakespeare's Heinrich IV. aufgeführt sehen würde. Aber da war kein Mensch. Endlich entdeckte ich den Irrwisch. — Er sagte ganz ruhig, daß wahrscheinlich eine andere Herrschaft fort müsse und ging seiner Wege. — Ich legte mich von Neuem zur Ruh; aber kaum war ich eingeschlafen, als der unruhige Kobold wieder vor meinem Bette stand. „Nun sei es richtig,“ meinte er. Ich sprang wieder auf, sah nach der Uhr und diese zeigte auf 4. Als ich sie ans Ohr gehalten und mich überzeugt hatte, daß sie richtig ging, fing ich an, den Kerl zu schelten, der so unrichtig ging; nahm mich aber doch in Acht, ihn beim rechten Namen zu nennen. Ich legte die Uhr wieder unter mein Kopfkissen und schwor darauf, daß ich nun nicht vor 5 Uhr aufstehen würde. Das Gespenst ließ sich nicht wieder sehen, und hätte ich nicht selbst aufgepaßt, so wäre der Wagen wahrscheinlich ohne mich fortgefahren. Ich nahm mir diese Warnung ad notam und habe es seitdem nie wieder versucht, Katholiken zur Ketzerei zu verführen.


Parma. — Correggio's Frescomalereien.

In Parma sah ich in San Giuseppe und San Giovanni Correggio's Frescomalereien. Während ich nach der herrlichen Wölbung, mit der Brille auf der Nase, hinaufblickte, füllte sich die Kirche nach und nach mit Andächtigen, welche rund um mich herniederknieten. Ich wollte kein Aufsehen erregen, und mochte auch nicht mit ihnen knieen, weil das affectirt ausgesehen haben würde; ich ging nun in einen Winkel, wo mich Keiner bemerkte, und da betete ich auch auf meine Weise. Ich finde dieses Gebet in meinem Tagebuche mit einigen Bemerkungen über Kunst niedergeschrieben, die hier unrecht angebracht sein würden. Das Gebet in San Giovanni war ungefähr folgendes: „Guter Gott! bewahre mein Herz offen und rein, daß es Deine Größe, Güte und Schönheit in Natur und Menschenwerken zu erkennen vermöge. Beschütze mein Vaterland, meinen König, meine Geliebte, meine Freunde! Laß mich nicht im fremden Lande sterben; sondern glücklich in meine Heimath zurückkehren. Gieb mir Munterkeit und Muth, meine Bahn auf Deiner schönen Erde zu wandeln, ohne krankhaft und bitter meine Feinde zu hassen, ohne mich sclavisch und feig den Vorurtheilen der Welt zu unterwerfen. Schenke mir stets Dichterkraft! Du hast meinen Geist für die Kunst geschaffen, und dies ist das stärkste Sehrohr, durch das ich Deine Herrlichkeit schauen kann. Laß mich nach meinem Tode in meinen Werken leben, gleich diesem guten Correggio, so daß, wenn ich Staub bin, noch manche jugendliche Brust durch meine Gesänge begeistert werden könne!“

So ungefähr betete ich unter Correggio's Kuppel; und damals entstand wieder der Gedanke klar in meiner Seele, ein Schauspiel über ihn zu schreiben. Die Idee dazu war mir bereits in Paris gekommen; und später in Modena, als ich das kleine Frescogemälde über dem Kamin in dem Palast des Herzogs sah, welches Correggio gemalt haben soll, als er erst siebenzehn Jahr alt war, wurde der Entschluß gefaßt.