Käthchen Stolberg. — Characterzüge Schimmelmanns.
Hier muß ich einen Characterzug von Schimmelmann erzählen. Er hatte eines Abends ein deutsches Buch politischen Inhalts erhalten, und bat mich, ihm daraus Etwas vorzulesen. Das Buch gefiel mir nicht, weil der Ton mir darin affectirt und schwülstig erschien. Ich las deshalb die übertriebensten Tiraden in einem lächerlichen geschraubten Tone, worüber Schimmelmann endlich böse wurde, mir das Buch aus der Hand riß und sagte: „Nein, so könne man auch die Bibel lesen!“ Ich schwieg, obgleich ich heftig bewegt wurde. Er schwieg auch. Die Gräfin knüpfte ein neues Gespräch an; wir setzten uns zu Tisch. Es ging ziemlich still zu, und ich ging nach Hause, nachdem ich höflich, aber verlegen gute Nacht gesagt hatte. Am nächsten Morgen, als wir auf Christiansholm beim Frühstück saßen, rief Christiane, die zum Fenster hinaus die schöne Allee vor dem Hause hinunterblickte: „Da kommt wahrhaftig Schimmelmann!“ — Der herrliche Mann kam, um es wieder gut zu machen, obgleich ich doch eigentlich erst unartig gegen ihn gewesen war, indem ich ein Buch lächerlich machte, das er gern hatte, und aus dem er mich bat, vorzulesen.
Noch einen andern Zug von ihm muß ich erzählen. Es kam einmal in meiner Gegenwart die Nachricht von seiner Baronie Lindenburg, daß daselbst ein Schiff gestrandet sei, worauf er das Strandrecht hatte. „Das ist ein eigner Fall!“ rief er, und fuhr fort, indem er auf mich zeigte: „das muß Aladdin haben!“
Daß es ein falsches Gerücht war, und daß Aladdin also Nichts bekam, dafür konnte Schimmelmann nicht; er hatte doch den guten Willen gehabt.
Geburt meiner Tochter Charlotte.
Im nächsten Frühjahr 1811 am 21. April wurde meine älteste Tochter geboren; die Gräfin Schimmelmann hielt sie über die Taufe, und sie wurde nach dieser „Charlotte“ genannt.
Wir brachten wieder eine kurze Zeit des Sommers auf Christiansholm zu. Aber dies war das Kometjahr, und das führte eine abscheuliche Hitze mit sich, die ich nicht vertragen konnte. Im Anfange hielt ich mich doch noch tapfer, und um meinen Landsleuten noch ferner zu beweisen, daß ich das Nordische nicht vergessen hatte, dichtete ich die Tragödie Stärkodder. Aber kurz darauf bekam ich das kalte Fieber und die Gelbsucht. Christiansholm ist wunderschön beim Thiergarten gelegen; aber von Sümpfen umgeben; diese hauchten in dem heißen Jahre wahrscheinlich stärkere Dünste als gewöhnlich aus; es lagerte ein weißer Nebel über ihnen, wenn ich in der Abendkühle spazieren ging. Der vortreffliche Arzt Callisen besuchte mich. Er hatte mich stets seit der Zeit lieb gehabt, wo ich ihm bei seinem Rücktritt von der Universität ein Abschiedslied dichtete. Aber ungeachtet seiner Hülfe kam das kalte Fieber doch immer wieder.
Ein seltsamer Besuch.