Eines seltsamen Nachmittags aus jener Zeit entsinne ich mich noch deutlich. Meine Frau war in Kopenhagen, es regnete heftig; ich ging in den großen einsamen Zimmern allein, unbarbirt und gelb, wie ein Zigeuner umher und fing an, die Fieberkälte zu empfinden. In demselben Augenblick trat das Mädchen ein und sagte: „Die Gräfin Schimmelmann stehe draußen mit einer großen Gesellschaft, die mir eine Visite machen wolle.“ — Ich sah durch das Fenster eine Menge wohlgekleideter, munterer, gesunder Menschen, die von einem guten Mittagstisch kamen, und nun zum Dessert den Poeten in der Waldwohnung sehen wollten. Es war mir unmöglich, sie zu empfangen; das Mädchen mußte der Gräfin sagen, daß ich mich niedergelegt hätte. Von einem Winkel aus sah ich die große Gesellschaft wieder durch die Bäume verschwinden, und trotz meines Fiebers athmete ich einen Augenblick leichter, als ich der drohenden Gefahr entgangen war, den Schöngeist in einem Augenblicke spielen zu müssen, wo ich nichts weiter, als ein armer, kranker Mensch war. — Ich setzte mich nun in den Lehnstuhl und wollte mich wirklich auskleiden und zu Bette gehen, als ich in demselben Augenblicke die Augen aufschlug, und einen fremden Mann vor mir in der Halle stehen sah. Er war ziemlich schlecht gekleidet, hatte ein sehr blatternarbiges Gesicht und eine sonderbare Miene. In meinem Fieberzustande fing ich an, an die Möglichkeit eines Räubers zu denken, als er in demselben Augenblicke sehr freundlich den Mund öffnete, und sagte, daß er vom Dr. S. gesandt sei, ob ich ihm nicht die Schrift leihen wolle? — Ich glaubte erst, er wolle die Bibel haben; aber als es zu näherer Erklärung kam, war es „Bürger Qvist,“ der den Harlequin im Thiergarten spielte und gehört hatte, daß ich seine Komödie in Verse gebracht hätte (Sct. Johannisabendspiel) und nun wünschte, sie in dieser Gestalt zu lesen. Ich hatte das Gedicht nicht zur Hand und mußte ihn unverrichteter Sache fortgehen lassen. — Als er fort war, verfiel ich in verschiedene traurige Betrachtungen. „Es waren andere Zeiten,“ dachte ich, „da du noch als Kind dich draußen an dem Harlequin erfreutest. Nun sitzest du hier, hast Fieber und Gelbsucht und blickst dem prosaischen Entrepreneur in die Coulissen. Die Illusion ist aufgehoben, die Kindlichkeit verschwunden; und was ist der Mensch ohne Kindlichkeit und Illusion?“ — Nun kam das kalte Fieber, und so denkt ein Fieberpatient. Dem gesunden, frischen Dichter fehlt es nie an Kindlichkeit, nie an freudiger Illusion. Selbst in seinen Wehmuthszähren spiegelt sich ein schönfarbiger Regenbogen, der den Himmel mit der Erde verbindet; und seine begeisterte Kraft erhärtet diesen lustigen Bogen zu einer Brücke, auf welcher Thor mit allen Göttern herabreitet.
Das kalte Fieber kehrte immer wieder; ich wurde immer matter und gelber, und hätte mich meine Frau nicht, nach Callisen's Rath, in einen wohlverwahrten Wagen eingepackt, und mich zur Stadt gefahren — so hätte ich mich vielleicht niemals erholt.
Die Tragödie Stärkodder.
In meiner neuen Tragödie Stärkodder hatte ich die Idee der Reue und der Besserung eingeflochten. Wenn diese Worte nicht nur ein hohler Klang sind, so muß eine solche Veränderung bei dem Menschen möglich sein. Hier ist nicht die Frage: konnte ein Mann, wie Stärkodder, eine ehrlose Handlung begehen? sondern die Frage ist: konnte ein Mann, der jene Handlung begangen hat, ein Mann wie Stärkodder werden? — Und das glaube ich zur Ehre der Menschheit. — Man muß sich in jenes Zeitalter versetzen. Ein Mensch, der ein solches Verbrechen jetzt beginge, wäre ein Elender, der ohne Zaudern dem Tode überantwortet werden müßte. — Aber was wünscht Stärkodder? Nur den Tod! Und wie wird er gestraft? mit dem Leben, das ihm eine drückende Last ist. In den heidnischen Zeiten war Mord und Todtschlag so allgemein, daß man sich nicht die Bedenken über dergleichen Handlungen machte, wie in unseren Tagen; Geldgier war das allgemeine Laster der industrielosen Barbarei, und die Industrie hat es nicht ausgerottet, obgleich sie sich seltner so plumper Mittel bedient. — Er hatte in einem übereilten Augenblicke im Rausche den Mord begangen. Das Gewissen verfolgt ihn während glänzender Thaten, „jede einzelne groß genug für einen Mann, um der Unsterblichkeit gewiß zu sein.“
„Hier steht ein andrer Mann, ein fremdes Wesen;
Ein Name nur: Stärkodder ist geblieben
In der Vergangenheit. Was ist Stärkodder?
Ein Laut, ein Klang, ein Nichts! Und doch muß er
Für jenes jungen Thoren Unrecht büßen!“
Doch endlich werden die Götter versöhnt, — und diese nordisch-heidnischen Götter — die (gleich den griechischen) mehr die ewigen Naturkräfte, als die moralischen Vollkommenheiten repräsentiren, bedenken sich nicht, den tapfersten Sterblichen in ihre Zahl aufzunehmen.
Diese dramatische Handlung verband ich mit Episoden, indem ich mich in Bezug auf Solches an die Shakespeare'sche Historie, sowie in den großen Situationen an die lyrisch-pathetische griechische Tragödie hielt. Ich glaube, daß diese Episoden, die, wie Aristoteles es verlangt, theils nach Nothwendigkeit, theils mit Wahrscheinlichkeit der Haupthandlung angeknüpft sind, diese unterstützen und das Stück interessant machen, was heut zu Tage keine Tragödie entbehren kann; obgleich ich wohl weiß, daß das Pathetische das Interessante überwiegen muß, und auch hoffe, daß dies im Stärkodder wie in meinen anderen Tragödien der Fall ist.
Knudsen spielte den Stärkodder; und obgleich diese Rolle außerhalb seines Faches lag, kam ihm doch seine Begeisterung, seine Kraft und sein nationales Gefühl zu Hülfe und war von Wirkung; doch war es erst einem Ryge vorbehalten, den eigentlichen Stärkodder darzustellen.