Unbedeutendere Dramen.
Meine folgenden Dramen waren unbedeutender. Ein Maler kann nicht immer große historische Gemälde schaffen; er malt auch zur Abwechselung, während der Geist zu größeren Werken ruht, kleinere Genrebilder. Ich hatte Lust, den leichten französischen Conversationston in gereimten Versen zu versuchen, und schrieb den Canarienvogel. Ein Scherz mit einem gutmüthigen, alten Manne, der ohne Ursache aus seine junge, schöne Frau eifersüchtig ist, und dafür von seinem eignen Bruder durch einen kleinen Schrecken gestraft wird. Wäre man damals ebenso, wie jetzt, in dieser leichten gereimten Diction geübt gewesen, so hätte das Stück vielleicht mehr Wirkung hervorgebracht. Ich habe es später umgearbeitet und verkürzt und glaube, daß es dadurch gewonnen hat. In „Ehrlich währt am längsten“ verlangte ich zu Viel von dem theaterbesuchenden Publikum. Ich hatte nicht an Göthe's Worte in dem Vorspiel zum Faust gedacht: „Wir wollen stark Getränke schlürfen.“ Ich wagte ein kleines naives Idyll ohne Musik, ohne Intrigue, aber — nach dem Urtheil der Kenner — nicht ohne poetisches Leben darzustellen. Ein einfältiger, alter Bischof, übrigens ein gutmüthiger Mensch, der an der Ehrlichkeit zweifelt, wird durch die natürliche Unschuld eines jungen Hirten beschämt; und die Rheingegend des südlichen Deutschlands dient dieser Skizze zum Hintergrunde. Diese kleinen Arbeiten zugleich mit Faruk wurden nun von meinen Gegnern als mißglückte Bagatellen betrachtet, welche deutlich zeigten, daß ich nicht mehr Der sei, der ich gewesen war.
Die Tragödie Hugo von Rheinberg.
Mehr Wirkung machte die Tragödie Hugo von Rheinberg (geschrieben im Jahre 1813), obgleich sie weder vaterländisch noch historisch ist. Hier ist Alles in der von mir selbst erfundenen, tragischen Hausscene auf Effect abgesehen. Ritter Hugo und Frau Bertha fliegen wie Nacht-Schmetterlinge in das Licht, das ein unglückliches Schicksal ihnen vorhält. Kunigunde und Ritter Walther sind trotz ihrer tugendhaften Eigenschaften durch Unvorsichtigkeit und Eigensinn selbst Schuld an ihrem Unglücke. Sie bringt unvorsichtiger Weise Bertha auf die Burg zu Hugo, nachdem Walther Bertha verlassen hat, um auf Abenteuer auszugehen. In ihnen Allen geht etwas Gutes zu Grunde, welches Rührung erweckt. Ein Don Quixote aus dem Mittelalter, Moritz, und sein plumper Vater Ruprecht, werfen in humoristischen Scenen Lichtpartieen in das dunkle Gemälde. Auch sie gehen durch eigne Schuld zu Grunde. Der Eine im eitlen Gezänke, der Andere durch blutigen Rachedurst. Der dänische Harald ist der vernünftigste. Die Scene, in welcher er im Snorro Sturleson liest, und wo der Harnisch herabfällt, ist immer von Wirkung, obgleich man im Voraus weiß, was geschehen wird. Einige werden meinen, daß er leben bleiben und zum Vaterlande zurückkehren müsse; aber er ist doch auch einseitig leidenschaftlich in seiner Freundschaft und wünscht selbst den Tod, um seinem einzigen Freunde zu folgen. So gehen alle heroischen Personen in diesem Gemälde starker Leidenschaften zu Grunde; nur idyllisches Glück, auf bescheidene Weise und Genügsamkeit gegründet, zeigt sich als tröstender Gegensatz bei ihren Dienern.
Eine Burschenschaft. — Der Conferenzrath Brandis.
Während dieser Zeit lernte ich in den vornehmen Zirkeln einen höchst interessanten Mann, den humoristischen, genialen Etatsrath (spätern Conferenzrath) Brandis kennen. Wenn ich ihn hörte, so war mir's, als ob Kästner und Lichtenberg wieder auflebten, um mehr Witze zu machen, aber als ob Göthe ihnen seine geistreichen Beobachtungen für die kleinen characteristischen Züge des Lebens und seine freundliche Ironie geliehen hätte.
Brandis und ich bekamen Lust, eine derjenigen ganz entgegengesetzte Gesellschaft zu gründen, in der wir unsere erste Bekanntschaft gemacht hatten, wo aber doch auch den Musen gehuldigt werden sollte. Er hielt medicinische Vorlesungen und es waren mehrere Kieler Studenten nach Kopenhagen gekommen, um ihn zu hören. Nun stifteten wir eine Burschenschaft; er, um diesen Spaß noch ein Mal in seinem Leben durchzumachen, ich, um ihn überhaupt ein Mal durchzumachen, da ich ihn nie vorher gekannt hatte. Sein ältester Sohn, der jetzige Professor Christian Brandis in Bonn, und unser Freund (späterer Conferenzrath) Bech, der in Deutschland gewesen war, nahmen Theil daran. Die Gesellschaft war bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, gerade so, wie ein Collegium politicum. Man saß da an einem langen Tische bei Butterbrod, Bier, Branntwein und Tabak. — Ich rauchte nicht mit, ließ mich aber gern von den Anderen einräuchern. Und nun kamen wieder alle alten, lustigen Geschichten an den Tag. Man konnte sich mit Rücksicht auf die Form keinen größern Unterschied zwischen diesem und dem feinen Damenzirkel denken; aber in der Hauptsache glichen beide Gesellschaften doch einander, in soweit, als sich geistreiche Menschen darin, zum Theil poetisch, unterhielten. Daß diese Burschenschaft übrigens von zahmerer Natur war, als die deutschen, war eine Folge der Ueberpflanzung auf dänischen Grund, und daß zwei Professoren als Mitglieder an derselben Theil nahmen.
Anekdoten von Brandis.
Von dem merkwürdigen Brandis muß ich etwas mehr erzählen. Er war von untersetztem, aber starkem Körperbau; sein außerordentlich ausdruckvolles, blatternarbiges Gesicht mit blauen Augen war voller Humor; sein großer, dicker Kopf mit buschigem, herabhängendem Haar glich etwas einem Löwenkopfe, weshalb Camma Rahbek ihn auch den Löwen nannte. Er war in seinen jüngeren Jahren Badearzt und Gastwirth in Driburg gewesen. In Hildesheim hatte er sich auch aufgehalten und in Göttingen studirt. Er wußte eine große Menge Geschichten zu erzählen, die sich alle mit ihm in diesen Orten ereignet hatten. In Holstein hatte er der Königin Maria Vertrauen gewonnen und war nun unter sehr günstigen Bedingungen ihr Leibarzt. In den erwähnten Kreisen war er oft zugegen gewesen, wenn ich meine Tragödie vorlas; aber er verstand nicht Dänisch und bemühte sich niemals, es zu erlernen. Doch gebrauchte er einmal in einem Wortstreit mit einem Dänen, der nicht Deutsch reden wollte, das Wort „Nidingsfärd“ (Bubenstück), und als sich dann seine Familie wunderte, wo er das Wort herbekommen habe, sagte er: „Hab' ich doch so viele Tragödien von Oehlenschläger hören müssen, muß ich doch Etwas davon behalten.“ Es war merkwürdig, daß er mich wirklich lieb hatte, und sich gern in Gespräche und Scherze mit mir einließ, während ihn meine Poesie, sowie überhaupt dänische Poesie durchaus nicht interessirte. „Diese Helge,“ sagte er einmal zu einem meiner Freunde, „mag ich nun gar nicht leiden.“ Und als ich nun später hierüber spottete und ihn darauf aufmerksam machte, daß er das verurtheilte Gedicht so wenig kenne, daß er glaube, Helge sei ein Frauenzimmer, lachte er selbst darüber. Er konnte es recht gut vertragen, wenn man ihn mit gleicher Münze bezahlte, wie ich es immer that. Einmal sagte er: „Mein Herr, wenn ich von Tugenden und Moralien hören will, gehe ich in die Kirche.“ Ich antwortete: „So hören Sie es ja gar nicht, denn in die Kirche kommen Sie nie.“ — Er lachte.