Einmal spielte man Shakespeare's Hamlet, und er kam mitten im ersten Acte. „Warum haben sie das Stück verstümmelt?“ fragte er, „es ist ja eine Scene vorher mit dem Geiste und dem Sohne.“ Ich antwortete: „Die Scene ist auch gespielt worden, aber Sie sind zu spät gekommen!“ — „So, so!“ sagte er. Darauf wandte er sich gegen das Parterre hin und sagte: „Warum sind denn so wenige Leute heute Abend hier? Die Leute haben keinen Geschmack.“ Und nachdem er das gesagt hatte, ging er selbst fort.

Einer seiner Söhne konnte ein wenig singen, und da er ein sehr zärtlicher Vater war, so arrangirte er seinetwegen zuweilen Abendconcerte, und lud Weyse und Kuhlau dazu ein; diese entschuldigten sich aber. Hierüber wurde Brandis böse. „Diese Musikanten,“ sagte er, „bilden sich so viel ein. In alten Tagen waren die Musikanten Kammerdiener.“ Es fiel mir zu spät ein, ihm darauf zu antworten: „Ja, und die Aerzte.“

Aus allen diesen Geschichten sieht man, daß Brandis unartig sein konnte; und wer ihn nicht persönlich kannte, wird nicht einsehen können, was etwa anziehend bei ihm war. Aber das war sein Witz, sein reicher Geist, seine Weltkenntniß und Beredsamkeit, obgleich er etwas stammelte, seine wissenschaftliche Bildung und sein Genie als Arzt. Wenn man gefährlich-krank war, so wandte man sich an Brandis, und die Aerzte selbst riethen dazu; aber gefährlich mußte es sein, sonst kümmerte er sich nicht darum. Als ich ihn nach dem früher erwähnten kalten Fieber eines Abends auf seinem Landsitze auf Oesterbro besuchte, wollte er durchaus spazieren gehen, und mit mir im Garten nach Sonnenuntergang plaudern. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich ein Fieberreconvalescent sei. „Ach, sein Sie kein Kind!“ sagte er. „„Wenn unser größter Arzt sagt, daß es keine Gefahr habe,““ fuhr ich fort, „„so bleibe ich; wenn ich meinem eignen Gefühl folgte, so ginge ich nach Hause.““ Ich hätte gut gethan, wenn ich diesem Gefühle gefolgt wäre; denn den Tag darauf bekam ich wieder das Fieber. — Einige seiner Witze will ich hier als Probe anführen. Von einem Manne, von dem man glaubte, daß er sich sehr viel Mühe gäbe, Orden zu bekommen, sagte er: „Er hat den Bandwurm.“ — Von einer Patientin, deren Verstand verwirrt gewesen war, und die nun wieder anfing, sich zu erholen, sagte er Einem, der fragte, ob sie nun bald wieder ganz vernünftig sein würde: „Ja, klüger, als sie war, ehe die Krankheit kam, kann ich sie nicht liefern.“ — Ein reicher Mann, der immer auf die finanziellen Zustände des Landes schalt, rief ein Mal in einem Gespräch mit ihm aus: „Ach, wir sind alle arme Hunde!“ — „Bitt' um Verzeihung, mein Herr!“ entgegnete Brandis, „Sie sind nicht arm, und ich bin kein Hund!“ — Als ein alter Mann, der sich mit einem hübschen jungen Mädchen verheirathet hatte, ihn fragte: „Darf ich Kinder hoffen?“ entgegnete er: „Nein — aber fürchten!“


Professor Schielderup.

Einen andern sehr witzigen Arzt, der noch mehr stammelte, als Brandis, muß ich bei dieser Gelegenheit nennen: den Norweger Professor Schielderup. Er war übrigens sehr verschieden von Brandis, lang und mager, mit einem sehr bescheidnen Wesen. Er befaßte sich nicht damit, Schöngeist zu sein, obgleich er das Schöne sehr achtete. „Ich bin solch' ein Vieh,“ sagte er ein Mal ganz ernst und bescheiden zu mir, „daß ich keine andern ästhetischen Schriften gelesen habe, als Wilhelm Meister und Benevenuto Cellini.“ Ich antwortete, daß der Anfang gut sei, er solle so fortfahren. — Eine Eigenthümlichkeit bei ihm war, daß er nicht stammelte, wenn er Vorlesungen hielt. Aber als er einmal in der skandinavischen Gesellschaft eine Abhandlung vorlas, kamen in derselben zuweilen Worte vor, über die seine Zunge ebenso wenig hinwegkonnte, wie ein Wagen über große Steine, die auf der Landstraße liegen. Ich brach beinahe in ein Gelächter aus, wandte mich in meiner Noth an meinen Freund, den Professor Thorlacius, meinen Nachbar, und sagte: „Ich kann mich vor Lachen nicht halten, meine Fingerspitzen sind ganz naß vor Anstrengung.“ Mit gutmüthigem Lächeln meinte Thorlacius, man dürfe keinen Naturfehler verspotten. „Ach, mein lieber Freund,“ sagte ich, „dieser Schonung bedarf ein so ausgezeichneter Geist, wie Schielderup ist, gar nicht. Eigentlich ist der Trieb, den ich zum Lachen fühle, nur eine Folge der Bewunderung und Achtung, die ich für ihn hege. Wenn ein Dummkopf stammelt, so ist das nicht lächerlich: es ist die rechte Melodie zum Text. Aber wenn es einem begabten Manne schwer wird, seltene Gedanken auszudrücken, wo ein Dummkopf sich mit größter Leichtigkeit äußert, so ist das eine Ironie, eine Schelmerei von der Natur, welche die muntere Fantasie zum Lachen zwingt.“ — Von Schielderup's Einfällen will ich nur zwei anführen. Er fuhr ein Mal in einer Leichenprocession nach dem Kirchhofe mit einem Spießbürger, den er nicht weiter kannte, der aber diese Gelegenheit benutzen wollte, um von Schielderup ohne Recept und Bezahlung zu erfahren, was er mit all' seinen Leuten zu Hause, die kränkelten, thun solle. Schielderup ließ ihn schwatzen und weitläufig Alles erklären, schwieg aber stockstill. Endlich, nachdem der Mann sich fast eine halbe Stunde expectorirt hatte, ohne Antwort zu bekommen, wurde er zuletzt ungeduldig und rief: „Aber Herr Gott, hören Sie denn nicht, was ich sage?“ — „Ja wohl,“ sagt Schielderup, „ich höre es.“ — „Aber warum antworten Sie denn nicht?“ — „Ich ha — habe keine Zeit!“ — „Was haben Sie denn zu thun?“ — „Ich fa — fahre!“ — Ein anderes Mal fragte ihn Einer mit einer rothen Nase, ob er ihm diese nicht fortschaffen könne? — „Ja,“ antwortete Schielderup, „es kommt nur darauf an, welche Cou — Couleur Sie lieber haben wollen?“


Meine beiden Söhne.

War ich so nun bald in vornehmer, bald in gelehrter Gesellschaft, so befand ich mich wiederum zu Hause, in häuslicher Ruhe in einem dritten, durchaus andern Kreise, in dem meiner Kinder. Lotte lief bereits wie eine kleine Puppe auf dem Fußboden umher, und unsere Wiegen waren, erst mit dem einen Knaben und dann mit dem andern in Bewegung. Johannes Wolfgang ist am 7. Februar 1813, William Conrad am 19. December 1814 geboren.