In diesem Jahre besuchte ich Frau Gyllembourg, frühere Frau Heiberg. Diese geistreiche, muntere Frau versammelte eine angenehme Gesellschaft um sich. Es kamen H. C. Oersted, Weyse und Pram zu ihr. Der junge Johann Ludwig saß als halb erwachsener Knabe da, und lernte damals wohl Manches von uns Aelteren. Ich ließ es mir am allerwenigsten träumen, daß ich wenige Jahre darauf so viel von ihm lernen würde.
Neue Umgangskreise.
In dieser Zeit erwarb ich mir ein paar Freunde, deren Verkehr mich viele Jahre hindurch erfreute, den Chef der Seekadetten, Capitain Peter Frederik Wulff (der als Admiral starb), und seine liebenswürdige Gattin. Wulff hatte sehr viel Liebe für die Poesie, schrieb selbst, gleich seinem Vorgänger Sneedorff, hübsche Verse, und übersetzte später mehrere von Shakspeare's Werken. Er nahm mich zuweilen mit auf das Kadettenschiff. Ich entsinne mich noch einer Partie, die wir zusammen nach Helsingör machten, wo ich einen angenehmen Abend in der Gesellschaft der Fräulein Tuxen (späteren Admiralinnen Rothe und Möller) zubrachte. Durch Wulff wurde ich auch mit dem Olsen'schen Hause bekannt, wo man stets einen lebendigen, muntern Kreis vieler Gäste fand. Etatsrath Olsen, ein kleiner, magerer, bleicher, leichtbeweglicher, sehr höflicher Mann, theilte die Gastfreiheit seiner Frau, und sie selbst hatte das liebenswürdigste Talent, Wirthin zu sein und Munterkeit und Zufriedenheit rund um sich her zu verbreiten. Ihre Schwägerin, Rittmeisterin Balle, war schön und anmuthig; was Wunder, wenn man gern dort in das Haus kam. Bei dieser Gelegenheit erneuerte ich eine alte Bekanntschaft. Ich traf nämlich bei Olsen's den Bischof Balle, mit dem ich nicht gesprochen hatte, seitdem ich als kleiner Junge von sechs Jahren zwischen seinen Knieen stand und hersagte, was ich auswendig gelernt hatte. Es war eigenthümlich, diesen alten Mann, der durchaus einer dahingeschwundenen Zeit angehörte, feierlich still, fast wie ein Gespenst, im Priesterrock mit steifem Kragen und gepuderter Perücke, mitten in den lärmenden, modernen, lustigen Cirkel hineintreten zu sehen und wie er sich an den Abendtisch setzte, wo fast von nichts Anderm als von dem Schauspiele und den Stücken gesprochen wurde, die kurz vorher gegeben waren; denn Olsen war Theaterdirector und die Damen hatten jeden Abend freies Entrée in der Directionsloge. Der alte Bischof kam nie ins Theater, sprach nie von diesen weltlich eiteln Dingen, und obgleich er nicht, wie sein Vorgänger Pontoppidan in seiner „Erklärung“ über „Comödien, Wirthshausgehen, die stets an und für sich Sünden sind, an Feiertagen aber doppelte Sünden,“ geklagt hatte, so war der Ton von Balle's „Lehrbuch“ doch nicht sehr verschieden von dem in Pontoppidan's „Erklärung.“ — Ich gewann übrigens sein Herz dadurch, daß ich ein Mal, als wir allein im Zimmer waren, ihm am Clavier viele der alten Psalmen, die ich auswendig wußte, vorsang; woraus er ersah, daß der Zucker, den ich von ihm am Altare bekommen hatte, doch nicht ganz ohne Wirkung gewesen war.
Der Schauspieler Dr. Ryge.
Bei meiner Schwester, die den Sommer immer in Friedrichsberg wohnte, bei meinem Vater auf dem Schlosse, und bei Rahbeks auf dem Hügelhause erneuerte ich das Andenken an liebe, verschwundene Tage, und sang mit Baggesen: „Ach, nie vergißt das Herz doch der ersten Jugend Kreis!“
Im Uebrigen sangen Baggesen und ich nicht mehr viel zusammen. Er besuchte mich oft, aber ich bemerkte bald, daß der Wurm des Neides an seinem Herzen nagte.
Ich hatte ein mächtiges Organ für meine Tragödien in Dr. Ryge gefunden, der Schauspieler geworden war und einen seltenen Beweis dafür abgab, was Enthusiasmus für die Kunst über weltlichen Vortheil und Ansehen vermag. Er war Stadtphysikus in Flensburg gewesen und hatte ein sehr einträgliches Amt, als er es plötzlich niederlegte, — einzig und allein, um dem Triebe seines Herzens als Tragiker zu genügen. Er war ein vortrefflicher Eleve Brandis'. Obgleich nun Brandis, selbst ein Mann von Geist, Sinn und Interesse für die schönen Wissenschaften hatte, so konnte er doch, in einer ältern Zeit gebildet, gewisse Vorurtheile gegen den Schauspielerstand nicht überwinden, und darüber ließ er sich auf seine gewöhnliche, derbe Art Ryge gegenüber, der hierin natürlich durchaus nicht mit ihm sympathisirte, aus. „Wissen Sie wohl,“ sagte Brandis einmal zu ihm, „daß Sie ein ausgezeichneter Arzt hätten werden können, wenn Sie Ihre Wissenschaft ferner gepflegt hätten?“ — „Es giebt Ihrer genug, die Menschen todt schlagen,“ antwortete Ryge; „wissen Sie wohl, daß ich lieber Statist beim Theater, als der ausgezeichnetste Arzt sein will?“ — Wie sonderbar geht's doch in der Welt zu! Hätte mir Jemand im Voraus gesagt, daß ein Stadtphysikus aus Flensburg bald als ein echter Hakon Jarl, Palnatoke, Wilhelm, Michel Angelo, Stärkodder u. s. w. auftreten würde — so hätte ich geglaubt, Holberg's Geert Westphaler erzählte verrückte Flensburgsgeschichten von seiner großen Reise von Hadersleben nach Kiel. Und doch war es so! Ryge's Liebe für die Kunst war außerordentlich. Ich entsinne mich noch, wie wir an einem herrlichen Frühlingstage zusammen nach Friedrichsberg hinausgingen und über eine Rolle sprachen, die er in einem meiner Stücke spielen sollte. Der Frühling war gerade in seinem schönsten Glanze erwacht; obwohl mich das Gespräch in hohem Grade interessirte, zog doch auch das herrliche Maigrün meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich wollte, daß Ryge an meiner Bewunderung Theil nehmen sollte. Aber er würdigte vor lauter Verliebtheit in Melpomene, die Flora nicht eines Blickes (obgleich er seine Brille aufhatte); und als ich ihn fragte: „Aber erfreut denn die Natur nicht auch Sie?“ antwortete er auf seine gewöhnliche humoristische Weise: „Nein, beim Teufel, das thut sie nicht! Sprechen wir nun wieder von der Kunst.“