Der Kritiker Baggesen. — Zwei neue Singspiele.
Das Glück, welches meine Tragödien besonders durch Ryge's ausgezeichnetes Spiel machten, verdroß Baggesen. Er, der sich früher nie mit dramatischer Kunst abgegeben, und in seinen eigenen Versuchen gezeigt hatte, wie wenig er davon verstand, setzte sich auf das hohe Pferd und führte das große Wort. Aber in den ersten Kritiken zeigte er nur Unkenntniß und übertriebenes Selbstvertrauen, ein gewöhnlicher Fehler bei Recensenten; der Ton in seinem Tadel hatte noch nicht die Grenzen des Anstandes überschritten, obwohl man es wohl merkte, daß er es nicht gut mit mir meinte. Ich hatte einige Antikritiken, ohne alle Persönlichkeiten, nur wissenschaftliche Prüfungen der Baggesen'schen Sophismen, geschrieben; aber Benzon, der von Westindien nach Kopenhagen gekommen war und meine anderen Freunde riethen mir ab, mich in eine literarische Fehde einzulassen. Ich unterließ es also, habe dies aber später bereut; denn es würde Baggesen vielleicht auf seinem Wege aufgehalten und ihn verhindert haben, sich dann so stark zu verlaufen.
Weyse wünschte damals (1814) wieder ein Singspiel zu componiren und der herrliche Kuhlau, der nur erst durch seine Instrumentalmusik bekannt war, bat mich gleichfalls, ihm ein solches zu schreiben. Ich überlegte, was sich für das Genie Beider eignen könne. Kuhlau schien mir mehr lebendig und effectvoll zu sein; in Weyse's Musik hatte mich stets eine tiefe ahnungsvolle Phantasie mit ihren holden Träumereien hingerissen. Ich schrieb die Räuberburg für Jenen, Ludlam's Höhle für Diesen. Die Räuberburg hat ein buntes und trotz ihrer Darstellung von Gefahr und Grausamkeit, munteres Colorit. Die Scene spielt in der Provence; die provencalische Rose sticht sich in den Kranz der Liebenden, Töne aus der Zeit der Troubadoure klingen in einzelne Partien herüber; aus dem nahen Spanien schenkt Calderon ein wohlklingendes Versmaß um leicht über die Räuberscenen hinwegzueilen, in denen man mehr über die naive Grausamkeit der Räuber erstaunt, als sich über ihre Abscheulichkeit entsetzt. Ich wollte nicht die deutsche philosophirende Leidenschaftlichkeit, das merkwürdige phantastische Zähneknirschen, die sentimentale, hohe Verzweiflung nachahmen, die wir in Schiller's Räubern bewundern. In der Räuberburg sehen wir südliche Räuber, die so wenig an Gewissensscrupeln und dem Kampfe mit moralischen Gefühlen leiden, daß sie im Gegentheile mit Mord und Todtschlag, wie Knaben mit ihrem Steckenpferde spielen. Brigitte und Camillo sind die merkwürdigsten Charactere im Stücke. Das teuflische Element der ersten ist ganz natürlich; Wollust geht eben so leicht zu Grausamkeit, wie zu phantastischer Schwärmerei über, und das Leben ist für sie nur ein nervenerschütterndes Spiel, welches um so genußreicher ist, je stärker es erschüttert.
In Ludlam's Höhle verschmelzen sich zwei verwandte Mährchen aus den „Neuen Volksmährchen der Deutschen“ mit einander. Die Idee von der Versöhnung hat der romantischen Mythologie Veranlassung zu solchen Darstellungen, wie die von Ludlam und der weißen Dame, gegeben. Ein Sünder konnte sich in seiner letzten Stunde bekehren und Verzeihung finden; wenn aber der Tod ihn überrumpelte, so fand er keine Ruhe im Grabe. Nun schauderte das Herz doch bei dem Gedanken an eine ewige Verdammung, die eine glückliche Reue zu rechter Zeit hätte verhindern können. Deshalb glaubte man, daß solche Todte als Geister umgingen, um Errettung zu finden. Und sowie Christus die Sünden der Menschen gesühnt hatte, so hielt man es für möglich, daß ein lebender, frommer, christlicher Verwandter durch seine Tugend und seine Unschuld die Sünde des Verstorbenen sühnen könne. Diese fromme Phantasie, die aus einem Gefühl der Barmherzigkeit für den Unglücklichen entstand, hat gewiß nichts Abstoßendes für unser Gefühl, und wenngleich unsere Philosophie nicht mehr daran glaubt, so können wir uns doch wohl mit poetischer Illusion auf einige Stunden in den Glauben einer alten Zeit versetzen und ihre Anschauungsweise theilen. Etwas Aehnliches thun wir ja auch immer, wenn wir uns in irgend einen andern Character und in Anderer Denkweise, als unsere eigene versetzen. Ich sehe also nicht ein, warum ein sinnreiches Gespensterspiel strenger von der Poesie und der Bühne ausgeschlossen sein soll, als das Zauberspiel. Es ist doch tragisch, und spricht unsere ernste, moralische Natur, sowohl in der Zeit, wie in dem nationalen Elemente mehr an. Es währte etwas lange, ehe das Stück angenommen wurde, und ich schrieb deshalb an Rahbek (der einer der Censoren war) einen Reimbrief, in Folge dessen es kurz darauf gegeben wurde.
Weyse's und Kuhlau's Musik entsprach ganz meiner Erwartung, die Stücke machten Glück auf der Bühne und wurden immer bei vollem Hause gegeben. Aber Baggesen riß sie herunter, wurde immer gröber und gröber und fand immer mehr und mehr Anhänger; denn da ich stillschwieg, glaubten Viele, daß doch wohl Etwas an seinem Tadel wahr sein müsse; obgleich die Meisten, selbst unter seinen Freunden, fanden, daß derselbe übertrieben sei.
Mißhelligkeit mit Rahbek.
Madame Händel-Schütz in Kopenhagen.
Mein Verhältniß zu Rahbek in dieser Zeit war mißlich. Wir konnten in Sachen des Geschmacks nicht sympathisiren, obgleich ich zu seiner Ehre sagen muß, daß er der Einzige aus der alten Schule war, der meine Arbeiten mit Beifall und Achtung aufnahm. Hätte ich seine Bewunderung für die junge Schauspielerin theilen können, die nicht nach meinem Geschmacke war, und wenn ich einmal im Theater nicht über einen zwar unverzeihlichen aber komischen Scherz über seinen Geschmack gelacht hätte, der von einem Professor Schütz gemacht wurde, so hätte sich wohl auch die Freundschaft nicht abgekühlt. Früher war ein deutscher Adliger hier gewesen, der die scenische Kunst unter dem angenommenen bescheidenen Namen Patrik Peale pflegte, wahrscheinlich um seiner Familie nicht Schande zu machen. Er hielt auch ästhetische Vorlesungen, die Rahbek mit vieler Andacht und großem Wohlbehagen anhörte. Das misfiel mir; denn Herr Peale war meiner Ansicht nach eine verschrobene langweilige Person. Kurz darauf kam die berühmte Madame Händel-Schütz mit ihrem Manne, Professor Schütz, nach Kopenhagen und zeigte ihre Copieen nach Raphael, Correggio, Guido Reni u. s. w., die alle durch Shawls, Tücher, andere Gewänder und fromme Stellungen ausgeführt wurden. Alles, was auf diese Weise darzustellen möglich war, stellte Madame Händel-Schütz wirklich mit vielem Geschmack und Studium dar. Aber da ihr gesundes, recht hübsches Gesicht durchaus nicht ideal, da ihr natürlicher Character munter und lebenslustig war, so konnte sie trotz der äußern, flüchtigen Aehnlichkeit doch vor wahren Kunstkennern niemals als ein Modell der unsterblichen Werke jener großer Meister gelten. Indessen amüsirte es die Leute doch eine kurze Zeit und mich auch, da ich sie von meiner ersten deutschen Reise her kannte. Und als ihr Mann, der durchaus nicht besser war, als Patrik Peale, über Rahbek wegen eines abschlägigen Bescheides, den dieser ihm gegeben, entrüstet, ihn auf dem Theater verspottete, indem er eine kleine ironische Vorlesung in seinem Geschmacke hielt, so lachte ich und daran that ich Unrecht. — Kurz daraus benutzte ich die Gelegenheit, indem ich einige von ihm entliehene Bücher zurücksandte, mich ihm durch ein freundliches versöhnendes Gedicht, das ich der Sendung beilegte, wiederum zu nähern.