Rückblick. Steffens.
Ein echter Richter des Geschmacks konnte er also nicht sein, er hatte nicht die Ruhe, die Besonnenheit, die Liebe zu dem vielseitig Objectiven, welche dazu gehört, um sich dieses als sein Eigenthum zu erwerben. Steffens brachte seine Abstractionen hinüber in das Reich der Kunst, gewisse Ideen, d. h.: Ansichten, eine gewisse Art zu denken und zu fühlen, wollte er überall wiederfinden; hiervon hing sein Lob oder Tadel ab. Mit einzelnen Zügen, aus der Geschichte und Poesie herausgerissen, construirte er sich beide nach seinem Kopfe, aber er irrte sich oft in historischen Daten, und viele poetische Werke be- und verurtheilte er, ohne sie recht zu kennen. Begeisterung für mich hatte er nur so lange, wie ich sein Schüler war; doch muß ich hierbei eine Ausnahme machen. Als Max in Breslau, wo Steffens Professor war, später meine deutschen Schriften herausgab, schenkte er ihm ein Exemplar und er las sie. Dadurch erwachte die alte Liebe für den dänischen Dichter, zu dessen Bildung er selbst beigetragen hatte. Er schrieb mit einen sehr freundlichen Brief und einen sehr schmeichelhaften Artikel in den Blättern für literarische Unterhaltung, worin er mit der Aeußerung endigte, daß es Deutschland noch obliege, ein gründliches und klares Urtheil über meine Werke zu fällen. Aber von diesem klaren Urtheile gab er selbst nur mittelmäßige Proben, als er mehrere Jahre darauf in seinem: „Was ich erlebte“ Tieck's alte, von mir gestochenen Trümpfe gegen meinen Correggio wieder ausspielte und die Scene, in der Cölestine den Correggio krönt, als meiner durchaus unwürdig erklärt. Ich selbst glaube, daß sie eine der hübschesten ist, die ich gedichtet habe. — Als ein Characterzug von Steffens' Auffassung des Objectiven kann angeführt werden, daß er an derselben Stelle in dem Buche, wo er dem Leser ein Bild von mir, seinem mehrjährigen, täglichen Umgangsfreund geben will, von meinen kleinen, „schwarzen“ Augen spricht.
Rückblick. Tieck.
Tieck, mit mehr Genialität und Originalität als Steffens, genirte trotz der großen Einseitigkeit in seinem Geschmacke nicht im täglichen Umgange. Er hatte Nichts von nordischer Gereiztheit, wie Steffens und ich; er imponirte im Gegentheile durch eine persönliche Ruhe, welche mit einer großen Beredsamkeit und einer gewissen Vornehmheit, die ihre Wirkung that, verbunden war. Aber seine Urtheile und Ansichten waren oft sehr übertrieben. Es ging uns umgekehrt: ich vertheidigte das Billige und Milde mit Leidenschaft, er das Bittere und Strenge mit Besonnenheit. Die Deutschen haben oft diesen Character, den ein gewisser Buchhändler, als man von einem gewissen Dichter sprach, die „stille Wuth“ nannte. Ich darf sagen, daß ich all' das echt Geniale und Dichterische bei dem herrlichen Tieck bewunderte und noch bewundere. In meinen Uebersetzungen seiner Werke habe ich das gezeigt, obgleich ich wagte, sie zusammenzuziehen und zu verkürzen. Aber Tieck wollte eigentlich Nichts von mir wissen. Wenn ich bei ihm war, ihm selbst Etwas vorlas, gewann ich ihn; aber was sonst von mir herausgegeben wurde, las er nicht. Es ist merkwürdig: die Verachtung und der Mangel an Sympathie, der sich in der neuesten Zeit in Deutschland im Großen gegen Skandinavien gezeigt hat, äußerte sich regelmäßig im Voraus in der Literatur. Die Deutschen konnten es nicht leiden, daß wir eine Literatur hatten, die es wagte, mit der ihrigen zu wetteifern, daß wir eine Geschmacksbildung und eine poetisch-entwickelte Sprache ebenso früh besaßen, wie sie. In der spätern Zeit schlug Tieck's Geistesrichtung eine sonderbare Volte. Anstatt romantisch-phantastisch und witzig ausgelassen zu sein, wurde er kalt verständig. Er schrieb eine Reihe von Novellen, in denen sich schöne Stellen vorfinden, und der „Aufruhr in den Sevennen“ ist der vortreffliche Anfang zu einem unvollendeten Werke; aber im Ganzen genommen wurden diese Novellen doch das Organ für ziemlich einseitige ästhetische Betrachtungen und eine etwas an Pedanterie grenzende Lebensphilosophie, welche eine Zeitlang sehr gelobt wurde. In einem von Tieck's letzten Werken, Vittoria Accorombona, ist mehr Geist und Kraft, als in den meisten früheren Novellen; es herrscht Leidenschaft darin; aber auf merkwürdige Weise werden in ihnen abscheuliche Verbrechen als Ausschweifungen großer Geister mit einer Art Bewunderung und Entschuldigung à la Victor Hugo und mit einer zwar nicht geradezu ausgesprochenen aber doch deutlichen Verachtung gegen den gewöhnlich prosaisch-moralischen Abscheu vor Lastern, die mit großen Eigenschaften verbunden sind, geschildert. Dies stand nun wieder in einem wunderbaren Gegensatze zu der Liebe, welche Iffland, im Anfang eine Zielscheibe des Tieck'schen Spottes, in dessen späteren Tagen fand, wo er als Theaterdirector in Dresden unablässig die Iffland'schen Stücke aufführen ließ.
Rückblick. Göthe und Schiller.
Von Göthe schied mich nun die unglückliche Geschichte mit Correggio. Aber wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte Göthe, wie er jetzt war, mir doch kaum noch in der dramatischen Kunst zu Nutz und Frommen sein können. Ich habe nie recht erfahren, weshalb Correggio ihm so sehr misfiel. Wenn er ihm zu weich und gefühlvoll war, so lag das im Stoffe. Ich habe vor und nach diesem Stücke in einer langen Reihe nordischer Tragödien Heldenkraft geschildert, aber um diese Stücke kümmerte er sich auch nicht, und hat — außer Hakon Jarl — wahrscheinlich kein einziges recht gekannt. Ich konnte Göthe nicht mehr als Lehrer in meiner Kunst betrachten. Ich war nach eigenen Grundsätzen, eigenem Gefühle fortgeschritten und suchte in meinen Dramen auf keine Weise, ihm oder Schiller nachzuahmen; so sehr ich ihr Genie in ihren vorzüglichsten Werken liebte und bewunderte, so war doch die Richtung, welche sie am Schluß ihrer dramatischen Dichterperiode einschlugen, meiner Ansicht nach eine Abweichung vom Rechten. Das Rhetorische, das Raisonnirende, die Lust, sinnreiche Sentenzen aufzustellen, hatte zu sehr überhand genommen. Es ist gewiß, daß der Vers in der Tragödie bedeutend zur Kraft und Würde des Werks beiträgt; aber man muß sich in jeder Kunst, sowie im Leben selbst, vor Vornehmheit und Pedanterie hüten. Indem man die Sprache allzu abstract nur mit Rücksicht auf Ausdruck, Gedanken und Bilder betrachtet, verliert sie die Naivetät, die Einfalt, welche das Große und Schöne nicht entbehren können.
Schiller und Göthe bewunderten mit Recht die Griechen, und glaubten in ihnen die wahren Vorbilder für ihre Kunst zu finden. Schiller beklagte sich bei Humboldt, daß er nicht Griechisch könne, und wollte es auf seine alten Tage lernen; aber Humboldt rieth ihm davon ab und meinte, das sei nicht nöthig. Wahrlich es muß ein großer Genuß für einen Schöngeist sein, den Aeschylos und Sophokles mit Leichtigkeit in der Ursprache lesen zu können. Zwei Dinge habe ich besonders in meinem Leben entbehrt: Griechisch zu können und gut vom Blatt auf dem Fortepiano zu spielen. Dies würde nicht schwierig gewesen sein, wenn es zur rechten Zeit gelernt worden wäre. Aber man hilft sich, so gut man kann; durch Hülfe guter Uebersetzungen eignet man sich den Geist und das Wesen des Dichters an; Compositionen, Characterzeichnungen, Gedanken, Bilder, all' dieses kann die Uebersetzung geben, das Einzige, welches fehlt, ist die Diction; aber die Sprache ist gerade des Dichters eigenes Element, und den Mangel des Fremden erstattet ihm die Natur. Merkwürdig! Weder Thorwaldsen noch ich konnten Griechisch; aber wenn ich meinen „Baldur,“ „Yrsa,“ „Die Longobarden,“ „Das Land gefunden und verschwunden“ in sein Museum lege, so wage ich zu fragen, ob Viele, die Griechisch verstehen, es viel besser, als wir hätten machen können. Es ging dem Dichter hier mit dem Griechischen, wie Peter in Jakob von Tyboe mit dem Deutschen: „er könnte es wohl schreiben, aber nicht lesen.“ — Göthe wußte etwas Griechisch, und was ihm fehlte, das wußte Dr. Riemer, sein Secretair und seine rechte Hand.
Aber nun die Griechen! Finden wir nicht Einfalt und Naivetät in ihren Dialogen? Ganz gewiß! In den Chören finden sich zusammengedrängte Wortwendungen, Gedanken und Betrachtungen; aber die Gespräche sind viel weniger geschmückt, fallen viel mehr in den gewöhnlichen Unterhaltungston. Wo das Pathetische herrscht, tritt das Lyrische besonders in den Chören hervor. Schiller verliebte sich so sehr in diese Chöre, daß er sie an unpassendem Orte in seiner „Braut von Messina“ anbrachte, wie ich bereits im zweiten Theile dieses Buches erwähnt habe. Schiller beging einen noch größern Fehler: er wollte in dem Vorworte zu seinem Stücke beweisen, daß es so sein müsse, daß die dramatische Kunst erst ihre rechte Bedeutung erlangte, wenn der Chor wieder eingeführt würde. Wie würde Jodelle, der erste Franzose, der französische Tragödien nach griechischem Zuschnitte zusammenflickte, sich gefreut haben, wenn er solche Aeußerungen von einem großen Dichter einer Nachbarnation erlebt hätte, die später so lange für das Natürliche kämpfte. Aber Schiller bedachte sich und ging in sich. Er schrieb glücklicherweise seinen meisterhaften „Wilhelm Tell“, ehe er starb, und damit machte der Dichter alles Das wieder gut, was der Philosoph verbrochen hatte. Jene abstracte Dictionsvergötterung, diese Vornehmheit im Style, daß die dramatische Bewegung sich dem Menuette nähert, und die einförmige Ausdrucksweise, welche das Characteristische verwischt, liebte Göthe auch sehr und sie kam zum Ausbruch in seiner „Natürlichen Tochter,“ die so vornehm und kalt ist, als ob sie von Stein wäre; noch mehr in seinem „Elpenor“ und „Epimenides.“ Obgleich Göthe als Jüngling oft das Burschikose mit dem schönen Derb-Natürlichen verwechselte, scheint er mir doch mehr Sinn für das echt Heroische in seinem „Götter, Helden und Wieland,“ als in seiner „Natürlichen Tochter“ zu haben, wenn er den Herkules munter von Wieland sagen läßt: „Der kann nicht begreifen, wie ein Gott ein Flegel sein kann, und sich betrinken, seiner Gottheit unbeschädigt.“
Die neue Schule verwarf Schiller und erkannte ihn nicht für einen großen Dichter; aber das Volk trug ihn auf den Händen, und Göthe, den die neuere Schule vergötterte, fühlte doch, was Schiller war. Glückliche Umstände hatten eine — wenn auch nicht gerade warme Freundschaft (denn sie wurden nie Kameraden, wie Göthe später mit Zelter) — so doch ein auf Wissenschaftlichkeit, Kunst, persönliche Achtung und Wohlwollen schön gegründetes Verhältniß zwischen ihnen gestiftet. Schiller und Göthe hatten die Xenien geschrieben, in denen sie muthwilliger, als es sich für ihr Alter geziemte, manche Persönlichkeit unvorsichtig angegriffen und Veranlassung zu einem Tone gegeben hatten, den sie selbst später haßten. Sie glaubten gegen ein wildes, rohes Wesen ankämpfen zu müssen, welches in seiner Plumpheit die deutsche Tragödie verderben könnte. Was sie hiermit meinten, ist nicht leicht zu sagen; denn es gab ja damals keine anderen Dichter von irgend einigem Einfluß, als Tieck, der seine „heilige Genoveva“ und „Octavian“ (Letzterer mehr Komödie als Tragödie) geschrieben hatte; aber keines von diesen beiden Stücken war für das Theater; daß sie trotz vieler Ausschweifungen viel Genie und Natur zeigten, ist gewiß. Schlegels schrieben „Ion“ und „Alarkos,“ worin sie sich mehr als Philologen und Stylisten, denn als Poeten zeigten, und für sie war keine Gefahr; denn Göthe brachte selbst Ion auf die Bühne. Aber Tieck trat, von Schlegels unterstützt, auf eine sonderbare Weise als Shakespeare's Apostel auf. Nun genügte nicht die Bewunderung und Liebe für die besten Werke des großen Dichters, welche Garrik, Lessing, Schröder und Göthe gelehrt hatten; sondern man sollte Alles bewundern, und selbst Das, was bisher für verfehlt und geschmacklos, der Zeit angehörend betrachtet wurde, in der Shakespeare lebte, sollte nun für Schönheiten und Muster gehalten werden, die man bisher aus Mangel an Fähigkeit, recht in Shakespeare's Geist einzudringen, übersehen und lächerlicher Weise verkannt habe. Diese Kritik, welche Tieck sehr vornehm aussprach, wobei er sich zugleich selbst zu einem Theil von Shakespeare's geistigem Ich machte, war nun freilich tadelnswerth. Aber es half Nichts, daß Schiller, als er den Macbeth übersetzte, die Hexenscenen modernisirte und sie zu philosophischen Reflexionen machte; er verwischte dadurch das Romantische, Volksthümliche, Poetische, tragisch-Grauenhafte, obgleich seine eigne herrliche Dichternatur sich nicht verleugnete, da er in seiner Umarbeitung das herrliche Lied vom Fischer hineindichtete. Noch weniger half es, daß Göthe und er auf den wunderlichen Einfall geriethen, Voltaire's „Mahomed“ und „Tancred“ und Racine's „Phädra“ zu übersetzen. Das Beste in diesen Stücken ist ohne Zweifel die lebendige und rasche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung, die sich in den anapästischen, französischen Alexandrinern ausspricht. Indem man diese in ehrbare, gravitätische deutsche Jamben verwandelte, stutzte man den französischen Adlern die Flügel, ohne Löwen aus ihnen zu machen. Das Gedicht, welches Schiller bei dieser Gelegenheit an Göthe schrieb, ist sehr merkwürdig.
„Nicht in alte Fesseln uns zu schlagen
Erneuerst Du dies Spiel der alten Zeit,
Nicht uns zurückzuführen zu den Tagen
Characterloser Minderjährigkeit. —
Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,
In seinem Raume drängt sich eine Welt.
Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,
Nur der Natur getreues Bild gefällt;
Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,
Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.
Die Leidenschaft erhebt die freien Töne
Und in der Wahrheit findet man das Schöne.
Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,
Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn:
Nur Schatten und Idole kann er tragen;
Und drängt das rohe Leben sich heran,
So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.
Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,
Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.
Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,
Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist:
Ein Führer nur zum Bessern soll er werden.
Er komme wie ein abgeschied'ner Geist,
Zu reinigen die oft entweihte Scene,
Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.“