In diesem Gedicht hat der oft so tief denkende, philosophische Schiller sich wirklich der größten Widersprüche schuldig gemacht.

„Du führst uns nicht zurück zu den Tagen characterloser Minderjährigkeit“ (d. h. zu Ludwig's XIV. verschrobener sclavischer Zeit); das würde nun auch nichts helfen, „da nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge, nur der Natur getreues Bild gefällt;“ da „der Mensch fühlt und handelt menschlich, und man in der Wahrheit nur das Schöne findet.“ Mehr Lob kann man der Zeit nicht geben, die man tadelt, mehr die Zeit nicht tadeln, die man loben will. Aber was sollte denn nun geschehen? Das Gespenst der Kunst, „woraus kein lebendiger Geist spricht,“ sollte wiederkehren, um die Bühne zu reinigen, um mit seinem conventionellen Besen die Apfelsinenschalen und faulen Aepfel wegzukehren, die von der Galerie der Gegenwart auf das Theater herabgeworfen sind. Das bessere Theater wird mit dem Karren der Thespis verglichen, wo die ersten rohen, tragischen Versuche gemacht wurden, und wo die Schauspieler sich das Gesicht mit Hefe beschmierten. Das gute Theater wurde einem schwachen, schwankenden Boote verglichen, auf dem Charon die Todten zur Unterwelt führt. Eben erst war davon die Rede, daß „nur der Natur getreues Bild gefällt;“ nun heißt es: „siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.“ Ich glaubte immer, daß die Natur gerade ihren schönsten Sieg in der Kunst fände; denn die Kunst ist ja nichts Anderes, als die verschönerte Natur, kein todtes Schattenbild, welches fürchten muß, daß das Boot umwerfe, so daß also die Todten in Gefahr schweben zu ertrinken, und aufs Neue zu sterben.

Aber wie gesagt, bei Schiller war diese schiefe Richtung nur die Frucht eines übrigens zu billigenden Grolls, als er sich verschmäht und verkannt fühlte. Sein herrlicher „Wilhelm Tell“, der allen folgenden Zeiten zum Muster dienen kann, ist ein Meisterstück und in der „Braut von Messina“ finden sich, ungeachtet der erwähnten Fehlgriffe, herrliche Dinge und Scenen, die des großen Meisters vollkommen würdig sind. Schiller hatte seine Dichterkraft nicht verloren, als er starb; sein Körper, nicht sein Geist unterlag. Obgleich zuweilen etwas zu streng (z. B. gegen Bürger), war er doch der edelste Mensch, der liebevollste Mann und Vater. Sein schöner Tod ist äußerst rührend; das Menschliche, das Humane beseelte ihn; selbst den eine Zeit lang zu großen Hang zur speculativen Philosophie bekämpfte er, um naiv zu bleiben. Er beklagt sich selbst oft in seinem Briefwechsel mit Humboldt darüber, daß sie seinen freien Dichtergeist zu sehr in spitzfindige Labyrinthe gebracht habe. Hätte Schiller länger gelebt, so bin ich gewiß, daß ich in ihm einen Freund, einen Vater gefunden haben würde; dessen versicherte mich seine edle Gattin so oft.

Aber mit Göthe? Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ergriff jeden Gegenstand, der ihm begegnete, mit aufmerksamer Genialität. So gefiel ihm auch mein Wesen, — der junge, fremde, ihn bewundernde Lehrling. Aber als ich, auch als deutscher Dichter, auf meinen eigenen Füßen stand — als Deutschland anfing, aufmerksam auf mich zu werden, war es vorbei. Ueber meinen Palnatoke, den ich ihm früher gesandt hatte, sprach er kein Wort. Correggio konnte er nicht leiden, der war zu sentimental. War Palnatoke auch zu sentimental? Nein! Göthe konnte nun das Heroische ebenso wenig, wie das Gefühlvolle, leiden. Helden hat er eigentlich nie geschildert. Der kräftigste, liebenswürdigste Mann, den er gezeichnet hat, ist Götz von Berlichingen, der doch auch meist in idyllischen Verhältnissen auftritt und an rathloser Unbestimmtheit zu Grunde geht. Göthe's Frauen sind stets die genialsten, frischesten, naivesten, hinreißendsten Personen in seinen Dramen, die weit über seinen Männern stehen: Clärchen, Gretchen, Philine, Mignon, Iphigenia, die Prinzessin in Tasso, Dorothea! Man hat so viel von Göthe's Vollkommenheit in der Form gesprochen. Keiner kann sein göttliches Genie mehr bewundern, als ich — aber — Vollkommenheit in der Form? Ja, die deutsche Sprache brachte er in seinen besten Werken dahin; aber er übertrieb die Art, Worte zusammenzudrängen und umzubilden, zuletzt so, daß die Sprache mit der Natur und Klarheit zugleich ihre Ehrlichkeit verlor und er bewegte sich endlich dergestalt in vornehmen oft verschrobenen Redensarten, daß man nicht weiß, was er sagen will. Vieles trug dazu bei, seine Dichterkräfte zu zersplittern. Ich zweifle nicht daran, daß er auch als Physiker Proben seines seltenen Talents gegeben hat; aber — wäre es vielleicht doch nicht besser gewesen, wenn er uns mehrere gute Dichterwerke statt der weitläufigen Farbenlehre u. s. w. gegeben hätte? Göthe hat viel geschrieben; rechnet man aber alle die wissenschaftlichen Betrachtungen, Abhandlungen und Studien ab, so ist die Anzahl der Dichterwerke nicht so groß für einen Mann, der in seinem 83sten Jahre starb, und seine volle Kraft bis zuletzt behielt. Aber nicht allein die Wissenschaft war es, die ihn von der Kunst abzog; eine sonderbare, allzugroße Vorliebe für das Fremde: das Altgriechische, das Römische, das Italienische und endlich das Orientalische zogen ihn fast in dem Moment von dem Nationalen ab, wo das Schicksal den excellenten Göthe nach Weimar rief und ihn zur Excellenz machte.

Manche werden vielleicht finden, daß ich hier allzu lieblos und unehrerbietig über Göthe spreche; aber ich lasse ihm gewiß in Allem Recht widerfahren, was Recht ist; ich spreche hier nicht aus Rache als der von ihm Verschmähte; über das Geschehene sind bereits 40 Jahre dahingegangen. Ich bin nun selbst ein Greis von 70 Jahren, nur wenige Jahre vom Grabe entfernt, in welchem er bereits ruht. Hier kann also nicht die Rede von eitlem Grolle sein; ich liebe ihn beständig, habe nie aufgehört, ihn zu lieben; und Baggesen's bitterste Feindschaft zog ich mir kurz nach meiner Heimkehr von Göthe dadurch zu, daß ich ihm seinen unwürdigen Spott über den großen Mann vorwarf. Aber in einem Dichterleben ist das Verhältniß, in dem ein Dichter zu irgend welchem andern von Bedeutung steht, von Wichtigkeit; denn dies ist theils aus früheren Werken hervorgegangen, theils hat es zu späteren Veranlassung gegeben und somit auf den Geschmack und die ästhetische Bildung des Zeitalters eingewirkt, was wichtiger ist, als viele kleine Züge des täglichen Lebens, in denen die meisten Menschen einander gleichen. Ich muß mich deshalb bei dieser Gelegenheit aussprechen. Von dem Verfasser der natürlichen Tochter, des Epimenides, Elpenor; vom Verfasser des zweiten Theiles des Faust und dem Bewunderer des italienischen Manzoni konnte ich keine Sympathie für meine nordischen Begeisterungen und Arbeiten erwarten. Dies fand sich denn nun auch mehrere Jahre darauf, als Göthe's und Zelter's Briefwechsel erschien, vollkommen bestätigt. In einem Briefe des Letzteren an den Ersteren beklagt Zelter sich darüber, daß die Theaterdirection in Berlin ihm ein Stück von mir gegeben habe, um Musik dazu zu schreiben. Nachdem er zuerst das Stück wie das elendeste Zeug von der Welt durchgegangen ist, schließt er: „Das Stück hat auch barbarische Namen: Axel und Valborg.“ Göthe giebt ihm vollständig Recht und sagt: „Wenn diese Nordländer ihre Bären auf den Hinterfüßen zu tanzen gelehrt haben, glauben sie was Rechts gethan zu haben. Dieser gute Oehlenschläger ist auch einer von diesen Halben, die sich einbilden, ein Ganzer zu sein, und noch Etwas drüber. Ich habe von dem Gezücht viel ausstehen müssen.“

Rückblick. Göthe und Zelter.

Dieses „Ausstehen“ bestand nun darin, daß er sich darein finden mußte, als ich ihn etwas spät des Abends in der Nachtjacke überraschte, ihm um den Hals fiel und ihm auf ewig Lebewohl sagte, nachdem er sich geistig von mir getrennt hatte. Doch darf ich nicht vergessen, daß er ganz freundlich sagte: „Nun, leben Sie wohl, mein Kind!“ worin doch wieder eine Annäherung lag. Aber ich kannte ihn; Explicationen konnte er nicht leiden. Hätte ich ihm später geschrieben, ihm einige andere Arbeiten gesandt, so wären wir vielleicht wieder in ein freundliches Verhältniß zu einander getreten. Aber — ich war zu stolz — nicht den ersten Schritt zu thun, sondern um mich in seine Gnade hineinzubetteln. Saumselig im Briefschreiben war ich immer; ich schrieb meinen besten Freunden nicht, viel weniger nun ihm.

Was übrigens die starken Expressionen zwischen ihm und Zelter in Bezug auf mich betrifft, so betrachte ich diese gar nicht als eine Beleidigung; denn weder Göthe noch Zelter haben diese Briefe selbst herausgegeben, und es ist ein sehr schlimmer Gebrauch, einen jeden Wisch, den ein ausgezeichneter Mann geschrieben hat, nach seinem Tode herauszugeben, um Geld zu verdienen. Wenn das immer geschähe, so könnte man ja kein vertrauliches Wort mehr schreiben. Tritt man öffentlich auf, so soll man bedenken, was man sagt und seine Ausdrücke abwägen; aber das Sprüchwort: „Gedanken sind zollfrei“ erstreckt sich auch auf die Vertraulichkeit zwischen Freunden; und man sagt Vieles in der Verstimmtheit, was man gar nicht so böse meint. Hätte Göthe an Schiller oder Humboldt geschrieben, so hätte er seine Worte gewiß mehr abgewogen; aber mit Zelter genirte er sich nicht. Dieser natürlich aufgeweckte Kopf, aber ohne wahre Bildung, obgleich er Baumeister und Musicus war, hatte sich vollständig in Göthe vergafft und liebte ihn, wie ein Pudel seinen Herrn liebt. „Wenn er einen D... macht,“ soll er gesagt haben, „ist es besser, als was alle die Andern machen.“ Als sein Sohn starb, vergaß er bald seinen Kummer darüber, als Göthe ihn Du nannte, und ferner immer mit ihm auf Du und Du stand. Ein Beweis seiner sonderbaren Unwissenheit (aus der hervorzugehen scheint, daß der Baumeister nicht viel mehr war, als Mauermeister) war, daß er Göthe einmal in einem Briefe fragte: „Was war Byzanz? Wo war es? — Kannst Du mir hierüber nach Deiner und meiner Art in kurzen und wenigen Worten Aufschluß geben?“ Man sieht hieraus, daß Zelter wenigstens kein Architekt der byzantinischen Schule gewesen ist. — Ein Mal, als er Göthe Samson's Geschichte als ein vortreffliches Süjet zu einer Oper empfiehlt, findet er sich sehr geduldig darein, daß Göthe Samson den dümmsten Lümmel nennt, der sich jemals von einer gemeinen Dirne narren ließ. Aber Zelter componirte schöne Melodien zu einigen göthe'schen Liedern, z. B. zu „Gott und die Bajadere“ und seine Composition zu „Johanna Sebus“ ist herzergreifend schön.

Das Plumpe in Göthe's Aeußerungen über mich in diesen Briefen beleidigte mich also nicht, aber diese abgerechnet sah ich doch in Allem deutlich, wie gering er meine Arbeiten achtete, und wie wenig ihm daran lag, sie zu kennen.