Ein deutsches Gedicht, welches ich vor ein paar Jahren über Göthe geschrieben habe, in welchem ich ihn in dem Ton zu characterisiren suche, in dem er selbst dichtete, mag diese Betrachtung über den großen Mann schließen.
Ein Gedicht über Göthe.
Erstes Bild.
Da steht der junge Wolfgang schön,
Gar lieblich, treulich anzusehn.
Von Leipzig nach Dresden will er wandern
Aber allein, und nicht mit Andern;
Genießen will er Natur und Kunst
Ohne Geschwätz und falschen Dunst.
Er will sich bei Freunden nicht einquartiren,
Die Freiheit würde dabei verlieren;
Im Gasthof auch nicht gern er steckt,
Davon hat der Vater ihn abgeschreckt.
So kehrt er bei einem Schuster ein,
Als könnt es gar nicht anders sein.
Da ruhet er aus und geht nicht weiter,
Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter.
Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt,
Und als er nach dem Schlaf begehrt,
Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett,
Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'.
Da hängt ein Bild ihm unbekannt,
Dem Bette nah, dort an der Wand.
Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs;
Der Wolfgang freut sich dessen stracks,
Und eingeschlafen ist er kaum,
So hat er einen schönen Traum
Von Hans Sachs und dem Sängerwesen,
Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen.
Früh nächsten Morgen auf er steht,
Und in die Galerie hingeht.
Zwar stand er da vor den Meisterstücken
Der Italiener, die ihn entzücken,
Doch fühlt er sich gezogen bald
Zu der Deutschen und Holländer Aufenthalt,
Dem heitern Wesen, der frischen Natur,
Die schon er kennt, geht er auf die Spur;
Und was entsprungen aus diesem Geist,
Bei ihm die größte Kraft beweist.
Und als er steht in des Schusters Laden,
Glaubt er noch Schalken und Ostaden
Zu sehn, so lustig und heiter mild
Steht Alles vor ihm als gutes Bild.
Es kommt die Nacht, und schlafend kaum
Entzücket ihn ein schöner Traum.
Es spricht zu ihm im Ton der Geister
Vom Holzschnitt her der alte Meister:
„Es hat Natur Dich auserlesen
Vor Vielen in dem Weltwirrwesen,
Daß Du sollst haben klare Sinnen,
Nichts Ungeschickliches magst beginnen;
Die Welt soll kräftig vor Dir stehn,
Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn;
Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihre innere Kraft und Ständigkeit,
Der Natur Genius an der Hand,
Soll Dich führen durch alle Land.“
Da öffnet sich das Zimmer weit
Und steht gar in hoher Herrlichkeit
Der Straßburg da, der Riesenthurm,
Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm.
Doch auch ein Geist mit seltner Macht,
Weil selbst es seine Hand vollbracht,
Da sieht er Götz mit der Hand von Erz,
Doch mit dem menschlich warmen Herz:
Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, —
Correggio, Rafael malen nicht
Gesichter schöner, und doch vollbracht,
Als hätte sie Dürer selbst gemacht.
Da spricht Hans Sachs: „Das sollst Du singen,
Den Eichenkranz wird es Dir bringen.“
Der junge Wolfgang es treu verspricht,
Daraus entstand manch schön' Gedicht.
Zweites Bild.
Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter,
Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt,
Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden,
Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ;
Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch;
Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht;
„Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
„Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah:
„Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter!
„Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.“
Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen?
Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt.
Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational sein
Muß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein.
Waren denn Iphigenia nicht und die beiden Lenoren
Schön? O ja, recht schön kann die Kreolin sein
Aus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch.
Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstand
Dorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen.
Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!
Rückblick. Jean Paul Friedrich Richter.
Aber ehe ich diesmal Deutschland verlasse darf ich doch nicht vergessen, daß ein großer deutscher Dichter, den ich gar nicht persönlich kannte, und der, was Genie und Intelligenz betrifft, Göthe und Schiller nicht nachstand, meinen Aladdin auf das Schmeichelhafteste in den „Heidelberger Jahrbüchern“ besprach. Dies war Jean Paul Friedrich Richter! Dieser eigenthümliche Genius, der die schönsten Schilderungen des Lebens und des Menschenherzens in humoristische Ausschweifungen kleidet, voller Phantasie, Witz und Weisheit, aber leider auch oft so eingehüllt in neblige Extravaganzen und ermüdende Weitläufigkeiten, daß es große Mühe und Anstrengung kostet, sich durch diese Sümpfe, Dünste und Dornhecken zu den schönsten Waldpartieen und Feenschlössern durchzuarbeiten. Dieser eigenthümliche Genius, der, obgleich es ihm in seinen eigenen Werken nicht möglich ist, lange bei einer Vorstellung zu bleiben, ohne sie gleich durch andere, oft himmelweit verschiedene zu unterbrechen, doch im Stande ist, mit Tiefe und Gründlichkeit in die menschlichen Charactere einzudringen, sie bei Anderen aufzufassen, sie selbst zu zeichnen und zu erfinden und dies Alles durch jene Engelgutherzigkeit zu verbinden, die ihn zu einem würdigen Bruder von Claudius und Pestalozzi macht. In seiner Aesthetik, in seiner Levana, seinen Recensionen hat er gezeigt, mit welcher Feinheit und Richtigkeit er im Stande war, in das Wesen der Poesie und fremder Dichterwerke einzudringen. Ihm fiel es nun auch ein, meinen Aladdin zu recensiren, und ich will hier einige seiner eigenen Aeußerungen mittheilen: