„Der Däne Oehlenschläger giebt hier die Wunderlampe, das bekannte Mährchen aus Tausend und Einer Nacht. Er habe Dank für diese Um- und Empordichtung eines Gedichts. Gedachte Tausend und Eine Nacht wäre ganz zu theatralisiren, wenn es mehrere Oehlenschläger gäbe. Ein rührend schönes Gedicht an Goethe — eine nach dem Phöbus gewandte Sonnenblume — und eine Vorrede voll reiner, heller Aesthetik öffnen, wie eine Eingangsmusik, dem Leser Ohr und Auge für das schöne Schauspiel. Das Schauspiel zerfällt in zwei Spiele, Thalia und Melpomene, indeß folgte jene dieser weit genug auf die Bühne nach. Er durfte sich dies als ein Schüler und Freund Shakespeare's, Goethe's und Gozzi's erlauben. Wenn der Schuster Sindbad vor dem Bösewicht Hindbad, dessen ruchlose Predigt sammt den Predigerkritiken humoristisch genug ist, sich selber zu einem Hofnarren abzurichten und einzuschulen sucht, und auf mehrere Einfälle fällt, um damit anzufragen, ob diese einen Narren versprechen, so besteht, neben diesem Lachen, doch die Erhabenheit und Fürchterlichkeit der nächsten Zukunft. Uebrigens hat dem Verfasser der Himmel Sinn und Kraft für das Komische bescheert; ein rein komisches Gedicht von diesem Dänen wäre eine schöne Weinlese für uns. — Mit dem glücklichen Ohre für den Wechsel seiner Versgebäude überwindet er in seinen Terzinen und Stanzen die Schwierigkeiten, welche die meisten Dichterlinge, ja Dichter der neuern Schule stehen lassen als Zugabeschönheiten. Das Werk beginnt mit komischen Menschen und Scenen, spielt sich durch zarte romantische Dichtungen weiter, bis es wie ein Tag beschließt mit immer mehr hier aufgehenden Sternen des Erhabenen und Schauerlichen; und man träumt der reichen Farben- und Lichtwelt noch lange nach“.

Rückblick. Jean Paul über Aladdin.

In diesem ehrenden Lobe findet sich doch auch ein gerechter Tadel. „Allerdings verschwamm sich der Verfasser zuweilen in jene italienische, ja oft in Tieck'sche Weitschweif- und Weitläufigkeit. Nur die Sache ergreife den Dichter, nicht das selbstsüchtige Genießen und Ausdehnen seiner Empfindung derselben. Shakespeare war in die Sache verloren, und daher bei aller Fülle von Bildern und Kräften, nirgends zum Verschwender zerflossen“. Hauptsächlich tadelt Jean Paul mit Recht zwei Gedichte: „Die Verwesung“ und ein Gespräch zwischen den beiden Fee'n „Unschuld und Rache“, die nicht in dem dänischen Aladdin stehen.

Jean Paul endigt seine Recension mit folgender Aeußerung: „Dank gebührt der Kraft, welche, ohne einen Uebersetzer, gleichsam auf einer Landesgrenze gepflanzt, über zwei Nationen zugleich den Ueberhang seiner Blüthen und Früchte ausbreitet. Die Zeit wird ihn noch mehr, gleich einem Diamant, zugleich verdichten und verdurchsichtigen, und er wird immer mehr, statt des Zauberspiegels, den Zauberstab halten lernen.“


An Jean Paul.

Und diesem Manne schrieb ich nicht, und dankte ihm nicht aus vollem Herzen für eine solche Anerkennung. Es ist unverzeihlich! Diese üble Gewohnheit, meinen Freunden nicht zu schreiben, hat mir in meinem Leben sehr geschadet, mich manches schönen Genusses beraubt, manch edles Verhältniß abgekühlt und zerstört. Ich vergaß sie nie, ich gedachte ihrer oft; aber — ich mochte keine Briefe schreiben. Einige Entschuldigung mag darin liegen, daß ein Verfasser, der viel schreibt, nicht das Bedürfniß, das Vergnügen am Briefschreiben, wie Andere empfindet. In welcher Stellung auch der gebildete Mensch im Leben sein mag, treibt es ihn doch zuweilen, seinen Gedanken, seinen Gefühlen Luft zu machen. Aber diese läßt der Dichter in seinen Werken ausströmen, und wo die Anderen sich nach Mittheilung sehnen, sucht er Ruhe. So wird es eine Gewohnheit bei ihm, es zu unterlassen; und wie schwierig es ist, eingewurzelte Gewohnheiten abzulegen, weiß Jeder. Doch kann ich mich durchaus nicht ganz entschuldigen. Auch mochte ich niemals recht gern Visiten machen; doch freute es mich sehr, wenn meine Freunde zu mir kamen. Ich war von Kindheit, von der Jugend an daran gewöhnt, größtentheils allein zu sein, und zu schweigen. „Mein Herr,“ sagte Frau Staël-Holstein einmal scherzend in ihrem deutschen Patois zu mir, „Sie sind gar zu selbständik.“ Eine gewisse Verlegenheit überkam mich immer in Gesellschaften. Mein Gesicht war nicht scharf, mein Gehör nicht fein, mein Gedächtniß im Augenblick nicht sicher; traf ich Animosität und einen Ton mir gegenüber, dem es an Freundlichkeit und Zutrauen fehlte, so verlor meine Geistesruhe das Gleichgewicht; in der Jugend verlief ich mich dann oft; als ich älter wurde, schwieg ich, um es nicht zu thun. Aber — um auf Jean Paul zurückzukommen, that ich denn Nichts für ihn? Nein! aber ich hatte bereits, ein paar Jahr ehe er jene Recension schrieb, ein Lied auf ihn gedichtet, das erst acht Jahre, nachdem Aladdin erschien, in meiner deutschen Gedichtsammlung gedruckt wurde. Ob Jean Paul es jemals gelesen hat, weiß ich nicht, denn ich hörte Nichts mehr von ihm. Seine liebenswürdige Tochter, Frau Förster, deren Bekanntschaft ich im Jahre 1844 in München machte, kannte es nicht, und wurde sehr erfreut als ich es ihr mittheilte. Hier ist es:


Der Wunderbaum.

Es stand ein großer Baum im großen Garten;
Ihr glaubt es kaum,
Doch Blumen, Früchte trug von allen Arten
Der Wunderbaum.
So groß wie eine königliche Eiche
Der Stamm erschien;
Im Laub da blühten Rosen, roth und bleiche
Durch's Rosmarin.
Die Blätter wickelten sich mannigfaltig
So grün und dicht;
Die Aeste breiteten sich aus gewaltig
Im Sonnenlicht.
Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue,
Wie Lindenzweig';
Bald schossen sie die Flügel weit in's Blaue
Cheruben gleich.
Bald schwarz und dick und knotig war die Rinde
Voll Schwamm und Kraut;
Die zarten Zweiglein waren glatt und linde,
Wie Mädchenhaut.
Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden,
Wo man nur las;
Die Aeste schüttelten in Sommerwinden
Die Frucht in's Gras.
Des Tag's da krochen Affen in den Zweigen
Und neckten sich;
Des Nachts da stand der Baum so still und eigen
Und schauerlich.
Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade.
Erschrak und schied;
Denn in dem Stamm sang zaubernd die Dryade
Ihr Todtenlied.
Von Vielen ward der Baum geliebt; genossen
Von Wen'gen ganz.
Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossen
Im Sonnenglanz.
Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ich
Den Apfelbaum;
Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ich
Zum Frühlingstraum.
Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühet
Mein Blumenstrauß;
Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühet
Mein Vogelhaus.
Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwinge
Dein Plaudermaul!
Wer Alles liebte, sagte: Singe, singe
Noch lang, Jean Paul!