Die Periode der Opposition.

Ich wende mich nun zu der Epoche, in der sich die Opposition gegen mich am stärksten erwies. Die Erfahrung, daß ich nicht mehr zur romantischen deutschen Schule gehörte, und keine Unterstützung bei deren Führern fand, daß Göthe den Correggio getadelt und mir den Rücken gekehrt hatte, trug gewiß nicht wenig dazu bei, meinen Gegnern und Neidern Muth zum Tadeln zu geben. Hierzu kam, daß auch Grundtvig mich mit seinen vielen Anhängern verlassen, und daß ich selbst mir geschadet hatte, indem ich einige Kleinigkeiten schrieb, die freilich an Werth weit unter den Hauptwerken standen.

Die Baggesen'schen Angriffe.

Baggesen griff mich an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er hierzu von Anderen angetrieben wurde; denn seine Umgebung hatte immer großen Einfluß auf seine Handlungen.

Baggesen's Betragen war wirklich so kindisch, daß das Ganze jetzt, wo es vorbei ist, mehr wie eine Comödie, als eine Tragödie zu betrachten sein würde, wenn es nicht so weit gegangen wäre, daß er selbst dadurch um alle Achtung kam.

Alles, was Baggesen bisher unternommen hatte, war in einer Art geistigen Spieles geschehen, das ihn und die Andern amüsirte, so lange es dauerte. Seine besten Gedichte, die Frucht einiger Vormittage, waren Kleinigkeiten, die er später in der Tasche umhertrug und seinen Freunden vorlas. So lange er nicht beißend und erbittert wurde, war er eine höchst interessante angenehme Persönlichkeit. Er konnte einen großen Theil des Geistes der großen Männer, mit denen er umging, nachahmen und sich aneignen; wie ein Chamäleon empfing er die Farbe; sie verschwand aber bald wieder vor einer andern. Mit Wieland war er Wieland, mit Fichte Fichte, mit Jakobi Jakobi, mit Reinhardt Reinhardt, mit Jean Paul Jean Paul, mit Voß Voß. Aber gründlich hatte er sich Nichts erworben und mit eigener Originalität gestempelt. Das, was er am Allerwenigsten verstand, worauf er sich am Allerwenigsten gelegt und wozu die Natur ihm das geringste Talent verliehen hatte, war das Dramatische, und nun beschloß er doch, dramatischer Recensent und Geschmacksrichter für die Bühne zu werden. Ich war nicht der Einzige, den er herunterriß; es ging auch über Holberg her, dessen plumpe Sprache er tadelte und dessen Schilderungen der Sitten und Verhältnisse er modernisirt haben wollte. Hier trat ein Anonymus auf, Peter Wegner (Adolf Boye), der ein gefährlicher Feind für Baggesen wurde. Das Einzige, was den hohlen Kritiken dieses Letztern noch etwas Salz verlieh, war der witzige Ton der ungerechten Angriffe. Man sagte: „Baggesen habe die Lacher auf seiner Seite.“ Nun bekämpfte Peter Wegner ihn von einem vernünftigen und wahrheitsliebenden Standpunkte aus mit gleichen Waffen, aber mit viel größerer Kraft, welche das Bewußtsein der guten Sache giebt, und mit seiner satyrischen Fregatte schoß er das Baggesen'sche Seeräuberschiff in den Grund.

In allen Literaturen findet man Beispiele genug, daß ausgezeichnete Schriftsteller aus Neid von weniger Begabten, ja selbst von Pfuschern angegriffen wurden. So sehen wir in der Vorrede zur zweiten Hälfte des Don Quixote, daß Cervantes über einen Anonymus klagt, welcher behaupte, einen andern bessern Don Quixote, als der Dichter selbst, herausgegeben zu haben. Was hat Shakspeare nicht verdauen müssen, ehe er zu Ehre und Würden gelangte? Lessing wurde von Klotz und Götze; Göthe von Kotzebue von Menzel und Pustkuchen als ein schlechter Poet heruntergerissen. So hatte ein gewisser Paulli in Holberg's Zeit den politischen Kannegießer umschrieben. An und über diesen Paulli und Consorten schrieb Holberg witzige Vorreden unter dem Namen von Hans Mikkelsen und Just Justesen. Peter Wegner versetzte sich ganz in den Holberg'schen Ton und schrieb: „Ein kleines nützliches Unterhaltungsbuch“ an Baggesen, in welchem Holberg selbst die Baggesen'schen Angriffe mit der Geißel der Satyre widerlegt.

Auch Thaarup und Rahbek wurden plump von Baggesen angegriffen. In der sogenannten Judenfehde, welche darin bestand, daß man, durch das Beispiel fremder Nationen dazu aufgemuntert, ein paar Abende hindurch mehreren Juden die Fenster einschlug, übersetzte Thaarup eine mittelmäßige Farce: „Unser Verkehr“ gegen die Juden. Das hätte er unterlassen sollen. Aber in Folge dessen warf Baggesen ihm vor, daß er nicht Dänisch schreiben könne. In seinen besten Werken hatte Thaarup stets ein sehr reines und gutes Dänisch ohne Einmischung von Germanismen geschrieben, was man nicht von Baggesen und während meines Aufenthalts in Deutschland auch nicht von mir sagen konnte, weil es fast unmöglich ist, sich bei längerem Aufenthalt in einem fremden Lande vor jeder Einmischung einzelner fremder Worte zu hüten. Baggesen gebrauchte immer deutsche Redensarten. — Das Lob, welches Rahbek seinen Reimbriefen gespendet hatte, mußte ihm zu bitteren Angriffen gegen Rahbek dienen. Er kehrt stets zu diesem Lobe zurück, als ob es nie früher so gehört worden wäre, und thut, als ob er aus Groll über so übertriebenen Ruhm, das Bedürfniß fühlte, Rahbek zu verhöhnen. Das Wunderlichste war, daß er mitten unter diesen unbefugten und bitteren Angriffen gegen Andere sich selbst mit Mitleid, wie ein armer verfolgter Mann betrachtete. Er schrieb unter Anderm hierüber eine Elegie, welche Peter Wegner gleichfalls in seinem Unterhaltungsbuch unter dem Namen von Just Justesen verspottete; er nannte es ein weinerliches Stück, das gut zu allen Instrumenten paßt, besonders zur Sackpfeife und Drehorgel.

Diese Persiflage Peter Wegner's darf nicht als der freche Angriff eines jungen Menschen gegen einen Mann von Renommé und unbezweifelten Verdiensten betrachtet werden; selbst einem unbedeutenden Schriftsteller gegenüber ist die Persiflage eine schlechte Waffe; nur Eins giebt es, das sie mit Recht angreift: das ist die Persiflage selbst; sowie man Skorpionstiche durch zerdrückte Skorpionen heilt. Daß Baggesen diese Waffe vorher leider in hohem Grade gebraucht hatte, daß es besonders über mich herging, ja zuletzt bis zu den gröbsten Beleidigungen, Unwahrheiten und Schmähworten gesteigert wurde — es wäre Feigheit von mir, wenn ich dies verschweigen und in meiner Biographie nicht erwähnen wollte, jetzt, wo alle Menschen diese Angriffe lesen können und sie aufbewahrt sind, nicht in den ersten Tagesblättern, denn da würden sie mit dem Tage verschwunden sein, und dann würde ich ihr Andenken gewiß nicht auffrischen; aber sie sind neuerdings in Baggesen's gesammelten Werken erschienen, und, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine lange Zeit aufbewahrt. Doch allzu lange will ich bei dieser unangenehmen Angelegenheit nicht weilen und nur bemerken, daß Baggesen mich nicht wie einen übrigens verdienstvollen Dichter behandelte, der nur einige seiner Ansicht nach mißglückte Arbeiten hervorgebracht hatte, sondern wie einen dummen und unwissenden Jungen, der unbegreiflicherweise zu seinem frühern Renommé gelangt war; der nicht richtig über die gewöhnlichsten Dinge denken konnte und durchaus nicht im Stande war, seine Muttersprache zusammenhängend zu schreiben. So recensirte er Ludlam's Höhle, wo er unter Anderm über die Charactere des Stückes sagt, daß „die in der Suppenmalerei angebrachten rothen Krebse des Dichters nicht allein verzeichnet, sondern grau sind.“ Peter Wegner hat ihn auch in Veranlassung dieser Recension das ganze Uebergewicht seiner gesunden, ehrlichen, witzigen Kritik fühlen lassen. Auch der kecke, geniale Carsten Hauch griff Baggesen an und hieb seinen Geierschnabel in Dessen kritische Leber. Paul Möller schrieb die vortreffliche Parodie auf Baggesen's: „Als ich klein war.“ Zwölf ausgezeichnete Studenten glaubten Baggesen wegen seiner unwürdigen Aufführung gegen ihren Geschmackslehrer zur Rechenschaft ziehen zu müssen und forderten ihn auf Lateinisch heraus, um seiner eingebildeten Gelehrsamkeit zu spotten. Obgleich ich selbst ihm nicht antworten mochte, und es dessen auch nicht bedurfte, da die Anderen mir die Mühe ersparten, so schien es mir doch eine Pflicht gegen mich selbst zu sein, ihm öffentlich meine Verachtung gegen seine tiefe Beleidigung zu zeigen. Ich schrieb im „Fischer“ einen Chor, in dem ich ihn und Consorten auf aristophanische Weise geißelte. Es war natürlich, daß er also über den Fischer mit verdoppelter Erbitterung herfiel.