Baggesen's Art, mich zu recensiren war, wie gesagt, ohne alle ästhetische Bedeutung und befaßte sich nie mit dem Poetischen; dessen Mangel setzte er als Etwas voraus, das sich von selbst verstand. Seine Angriffe waren lauter Klagen über den Mangel an Ordnung und Zusammenhang in dem Materiellen, zu dessen Beobachtung es doch nur des einfachen Menschenverstandes bedurfte, und bei dessen consequenter Durchführung das Stück doch ganz unpoetisch sein konnte.
Einen starken Gegner fand Baggesen noch im Verfasser der zwölf Paragraphen. Wenn Peter Wegner Baggesen mit Büchsenkugeln traf, so schoß dieser ihn mit Kartätschenkugeln nieder; nur Schade, daß er in seinem Zorn auch das Gute und wirklich Dichterische angriff, das Baggesen hervorgebracht hatte; denn dadurch schwächte er seinen Angriff und seinen Sieg, wo er Recht hatte.
Hagbarth und Signe. — Helge.
Ehe ich den Fischer schrieb, dichtete ich im Winter 1813–14 Hagbarth und Signe, ein Seitenstück zu Axel und Valborg. Ungeachtet sie einander darin gleichen, daß Beides nordische Liebestragödien, ziemlich kurz, ohne Episoden, mit der Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung sind, suchte ich doch im Wesentlichen diese Bilder sehr verschieden von einander zu zeichnen: Axel und Valborg im Geist des christlichen Mittelalters und Hagbarth und Signe in dem des nordischen Heidenthums; beide natürlich idealisirt und mit dem Gepräge von des Dichters eignem Herzen, seiner Phantasie und seinem Gedanken. Die Leidenschaft der mit Tapferkeit und Verwegenheit verbundenen Liebe, die sich plötzlich in den Herzen Hagbarth's und Signe's entzündet und ihnen Muth verleiht, das Leben zu wagen, und mit Heldentrotz den Tod für einander zu dulden, war der Gegenstand des einen Stückes; das durch das Christenthum gemilderte Gefühl, von den Jahren der Kindheit an gestärkt, das die Blume der Treue und Hingebung in Axel's und Valborg's Herzen zur Reife brachte, ist der Gegenstand des andern. So gleicht Hagbarth und Signe einem Nachtstücke, mit Tannen über dem Abgrunde, wo der Mond halb hervorbricht; Axel und Valborg ist ein mildes Gemälde blühender Natur in der Abendröthe. — In der Zeit, wo ich kleine Stücke und Singspiele geschrieben hatte, war Ingemann aufgetreten und hatte sich wohlverdienten Beifall durch seine lyrischen Gedichte erworben; auch bewunderte das Publikum seinen Masaniello und Blanca. Letzteres hatte Furore gemacht. Hagbarth und Signe machte doch auch Glück und nun fühlte ich mich gestärkt und begeistert, wieder ein großes Bild des Altnordischen zu malen, in dessen Geist ich mich durch Hagbarth und Signe wieder hineinversetzt hatte.
Um mich dieser Begeisterung recht ungestört zu überlassen, miethete ich mir ein Zimmer auf Friedrichsberg in der Küsterwohnung, und hier saß ich, wo nur eine Wand mich von der Schule trennte, in der ich meinen ersten nothdürftigen Kinderunterricht genossen hatte, und schrieb Helge. Ueber dieses Gedicht ist bei dänischen Lesern nur eine Meinung gewesen und Baggesen wagte nicht, es anzugreifen; er schwieg stockstill darüber. So hatte ich nun also, was nordische Heldendichtung betraf, meine Autorität wieder gewonnen; aber meine Tadler hatten doch viele Leute zu dem Glauben gebracht, daß die nordische Heldendichtung die einzige Sphäre sei in der ich mich mit Glück bewegen könne, und daß dem Verfasser des Sanct Johannisabendspiels, der Langelandsreise, Freia's Altars und Aladdin's von der Natur kein Beruf für das Komische und Witzige verliehen sei. Daß dies mich verstimmte, war natürlich. Nach Allem, was ich in der Kunst gewirkt hatte, noch wie ein Schulknabe betrachtet zu werden, der in seinen Zeugnissen bald Mittelmäßig, bald Schlecht erhielt, war ein trauriger Lorberkranz. Hiezu kam, daß sich meine ökonomischen Verhältnisse auch verschlechterten, theils durch Mangel an sicherer Einnahme, denn ich hatte nur 1200 Thaler Gehalt mit Weib und drei Kindern, theils durch mein schlechtes Buchhändlertalent. Die ersten meiner Werke, die reißend abgegangen waren, hatte ich den Buchhändlern fast für Nichts gegeben; nun verlegte ich selbst Werke, die von Baggesen und seinen Anhängern heruntergerissen wurden, und obwohl ich an ihnen Etwas hätte gewinnen können, wenn ich sie verkaufte, so verlor ich nun und gerieth in Schulden, die sich um Vieles steigerten, als im Jahre 1813 die Geldreorganisation eintrat, die nicht allein mich, sondern viele reichen Leute zu Bettlern machte!
Verfehlte Buchhändlerspeculation.
In solchen Stimmungen wird die Begeisterung für das Hohe und Große bei der Nation und zugleich bei dem Dichter geschwächt. Was dazu beitrug, diese allgemeine Verstimmung zu vergrößern, war Napoleon's Fall. Die Dänen hatten es stets mit ihm gehalten und theilten nicht die Freude der heiligen Alliance, als er das unglückliche große L'hombrespiel mit Blücher und Wellington gespielt, mit Spadille quaskirte, und, obgleich er beinahe gewonnen hätte — durch ein dreistes, unvermuthetes Ausspielen von Blücher, der in der zweiten Hand saß und das erste Mal gestochen war, es Wellington ermöglichte, Napoleon in der Hinterhand bête ja sogar codille zu machen.
Man weiß, daß es nicht meine Art ist, viel zu politisiren, das heißt, mich groß mit den Staatsbewegungen der Zeit und des Augenblickes zu beschäftigen. Hierzu gehört, daß man dem Journallesen einen so großen Theil seiner Zeit opfert, daß es dem Künstler und dem Dichter schadet, dessen Beruf es ist, nicht für den Augenblick, sondern, so gut er kann, für die Ewigkeit zu wirken, indem er die Erinnerungen der Vergangenheit und die Ahnungen der Zukunft mit der Zeit verbindet, in der er lebt. Aber ein Dramatiker, ein historischer Tragiker ist kein Kind, das nur in seinen eigenen Träumen dahingeht. Jede historische Tragödie ist politisch und in den Staatsverhältnissen der Zeitalter, der Nationen begründet. Diese braucht er nur nicht aus ermüdenden, weitläufigen Verhandlungen, sondern in der Quintessenz zu kennen. Diese Quintessenz war mir stets von Wichtigkeit, auch in der neuesten Periode meiner eignen Lebenszeit, und deshalb giebt es wenige historische Hauptwerke, die ich nicht gelesen.
Gedanken über Napoleon.