Es ging mir nicht wie vielen Anderen: ich lernte Napoleon im Anfange nicht von der brillanten Seite kennen; im Gegentheile von der Schattenseite. Während der Schlacht bei Jena war ich in Weimar von dem Haß der Deutschen gegen ihn umgeben. Ich lernte ihn bald als den herrschsüchtigen Unterdrücker kennen, später aber auch seine großen Eigenschaften schätzen. Das Große bei Napoleon bestand darin, daß er ein Genie war; und das Schöne seiner Zeit darin, daß das Genie herrschte. Denn das Mißverhältniß, in dem gewöhnlich die unterdrückten geistigen Kräfte zu der zufälligen oft kleinlichen Macht stehen, fand unter ihm nicht Statt; jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, die sich ihm anschloß, konnte ziemlich gewiß sein, Glück zu machen. Napoleon war ein mathematisches Genie und ein großer Held. Aber er war auch Welt- und Menschenkenner, und verband mit seinem Genie in hohem Grade den unentbehrlichen (und doch so oft fehlenden) praktisch gesunden Menschenverstand. Kraft, Fleiß, Aufmerksamkeit, Ueberblick waren bei ihm außerordentlich, und machten ihn zu einem ebenso tüchtigen und seltenen Fürsten im Frieden, wie Helden im Kriege. Unglücklicherweise war er, wenn ich es so nennen darf, auf dem einen Ohre taub: das heißt, ein großer Theil des Lebens sowie auch der Zeit, die er nur halb verstand, entging ihm. Zwei wichtige Dinge fehlten ihm: er konnte nicht Deutsch und war kein Schöngeist. Als Repräsentant der neuern Zeit hätte er auch die letzten Kapitel der vorhergegangnen Zeit lesen sollen, und das hatte er nicht gethan; den ganzen Fortschritt der Intelligenz in Deutschland kannte und achtete er nicht. Er hatte Recht, sich von spitzfindigen, philosophischen Verschrobenheiten abzuwenden; aber er haßte alle tiefdenkenden, frei fühlenden Schriftsteller; er sonderte die Spreu nicht vom Weizen, und unter dem ihm verhaßten Namen von Ideologen verwarf er sie alle. Ehrgeiz hatte ihn stets hingerissen; nun auf der Höhe seiner Gewalt bekam leider Eitelkeit das Uebergewicht. Er begann als Vertheidiger der Freiheit, und endigte damit, Alleinherrscher sein zu wollen. Ganz Europa hätte er gern unter sein Scepter gebeugt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß er den Ländern Wohlstand und gute Einrichtungen gebracht und unzählige Mißbräuche abgeschafft hätte; aber er hätte auch die schöne Verschiedenartigkeit der Nationen verwischt, deren es, um sie zu begreifen, zu schätzen, zu beurtheilen, eines poetischen Geistes bedarf. Und wenn er auch in sich selbst die Kraft fühlte, ein solcher Herrscher zu sein; was sollte nach seinem Tode werden? Sein Egoismus war unendlich, und die Eitelkeit untergrub seine Macht. Er gab Oesterreich nach und benutzte nach der Schlacht bei Austerlitz seine Vortheile nicht. Er wollte sich durch Verheirathung einem alten Herrschergeschlechte anschließen. Er hatte Nichts dagegen, obgleich er darüber lächelte, daß man ihn in die griechische Kaiserfamilie der Komnenen hineinlügen wollte. Es giebt ganze Nationen, die fast aus lauter Edelleuten bestehen: Die Isländer, die Hochschotten, die meisten Polen und Ungarn, und die Corsikaner wollen auch alle adelig sein. Diese Forderung wurde auf der kleinen Insel auf 400 Familien eingeschränkt, deren eine Napoleon's war. Aber es tröstete doch den Kaiser Franz ein Wenig, daß sein Schwiegersohn kein vollständiger Roturier war. Napoleon's Mangel an poetischem Sinn veranlaßte ihn, alle Menschen über einen Kamm zu scheeren; auf das Characteristische, das die Handlungen bestimmt, verstand er sich nicht. Deshalb täuschte er sich so sehr in den Spaniern, den Russen, und als die Begeisterung in Deutschland von den Universitäten her und durch die Dichter geweckt worden war, in den Deutschen. Er hatte kein warmes Herz; man konnte es nicht klopfen fühlen, wenn man ihm die Hand auf die Brust legte; aber er war freundlich und oft liebenswürdig im Umgang, wenn er nicht böse war; er konnte Scherz, selbst Neckerei (z. B. von der Herzogin von Abrantes) vertragen; er ließ sich, selbst ein Gelehrter, gern in Gespräche mit ausgezeichneten Gelehrten ein; auch vorzügliche Künstler und Dichter achtete er, aber es hatte doch keine rechte Art damit. Er sagte wohl einmal, hingerissen von Corneille's beredter Schilderung der Heldenkraft, daß er ihn zum Herzog machen würde, wenn er noch lebte; aber nun war Corneille glücklicherweise todt, und er wagte also Nichts bei diesem Versprechen. Daß er nicht den Muth hatte, seinen Freund Talma (der ihn so viel schöne Manieren gelehrt, und ihm in den Jünglingsjahren als armen Lieutnant Geld geliehen hatte) zum Ritter der Ehrenlegion zu machen, und so das elende Vorurtheil gegen den Schauspielerstand auszurotten, ist bekannt. Als er dem an den Felsen gefesselten Prometheus gleich war, liebte ich Napoleon wieder. Ich sagte wie Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar: „Joy, for his fortune; honour for his valour; and death, for his ambition!“ Grausam war er nicht; denn daß er viele Jahre hintereinander die Menschen tausendweis auf dem Wahlplatz tödten ließ, kann nicht Grausamkeit genannt werden; dies war eine Kampflust, welche er mit dem ganzen Heere theilte, und bei welcher er sein Leben jedes Mal ebenso sehr aussetzte, wie das jedes Andern. Er entschuldigte sich hier mit Gründen, vor denen das fühlende Herz Abscheu empfindet, die aber Vernunft und poetisches Gefühl schwerlich angreifen konnte: „der Krieg stärkt Kraft und Muth des Mannes, rottet das Kleinliche aus und bietet Gelegenheit, Unzählige zu beschäftigen, die die Armuth sonst zu Grunde richten oder entsittlichen würde.“ Zu Napoleon's Zeit drohte kein Proletarier; kein Cartouche oder Mandrin wurde gerädert; unter Bonaparte wären sie vielleicht Generale geworden. Aber als er gegen das Ende hin seine Aufgabe übertrieb und Alle merkten, daß er nicht mehr für Frankreich, sondern für sich kämpfte, da verlor er auch das Zutrauen und die Liebe der meisten seiner Generale. Napoleon schlug seine Feinde in drei Lebensperioden auf drei Arten: erstens durch seine eigne und die Begeisterung und den Muth der französischen Revolutionsmänner; dann durch seine Kriegskunst, wie ein großer Schachspieler auf dem europäischen Schachbrette; endlich durch die Masse, durch das Uebergewicht der Truppen. Diese letzte Art war die am wenigsten ehrenvolle und richtete auch das Land zu Grunde, das er vertheidigen sollte; es raubte Frauen und Kindern ihre Männer und Väter; zwang halb erwachsene Knaben, die kaum das Gewehr schleppen konnten, mit in den Krieg zu ziehen; und die Felder konnten nicht hinreichend bebaut werden. Wenn der Krieg zu Ende war, fühlte Napoleon Mitleiden mit den verwundeten Kriegern. Aber das Leiden, welches das Gefühl zu augenblicklichen Thränen durch die Einwirkung eines sinnlichen Bildes auf die Phantasie rührt, ist nicht das wahre Mitleiden, das in dem Herzen und der Liebe wurzelt und dem verwandt ist, welches der Erlöser für die ganze Menschheit empfand. Dieses höhere Gefühl kannte Napoleon nicht. Deshalb war er sich auch trotz seines stolzen Ehrgeizes nicht der höhern Menschenehre bewußt. Mit dieser hätte er nicht angefangen, sein Heldenglück auf eine demüthigende Weise durch den Einfluß eines Weibes zu machen; hätte er nicht die Freundin des Revolutionsmannes Barras geheirathet, um weiter zu kommen; mit diesem Gefühle hätte er seine Macht nicht durch das gemeine Spioniren von Talleyrand und Fouché, zweier Elenden, die er selbst verachtete, gestärkt; mit diesem Gefühl hätte er nicht die unverzeihlichen Justizmorde an Palm und dem Herzog von Enghien begangen.
Aber ich weiß sehr gut, daß weder Alexander der Große, noch Julius Cäsar moralisch besser waren, als Napoleon; und wenn wir mit Alexander und Cäsar gelebt hätten, so würden wir sie trotz all' ihrer Fehler doch sehr vermißt haben, wenn sie dahingegangen wären und die Mittelmäßigkeit wieder in ihr altes Recht eingetreten wäre, und ihr einfältiges Haupt wieder erhoben hätte.
Wie bereitwillig ist das Herz nicht, den großen unglücklichen Mann zu entschuldigen und ihm zu vergeben, der, indem er außerordentliche Kräfte an den Tag legte, die Menschennatur zu unsterblicher Ehre führte? „Führe uns nicht in Versuchung,“ beten wir Alle; dem Dichter und Künstler ist es leicht, das zu entwickeln, was die Natur ihm gegeben hat; er braucht als Material nur das Bild der Natur, die Geschichte und seine eigne Phantasie. Aber der Held und der Staatsmann findet seinen Stoff in der Nation, in den bürgerlichen Institutionen und den Lebensverhältnissen. Die soll er ausbilden; und hier führt die widerstrebende Natur der Dinge ihn oft auf Irrwege, oft dahin, Mittel zu wählen, die vor dem Richterstuhle der Moralität nicht vertheidigt werden können, und doch die einzig möglichen waren, um das Ziel zu erreichen. Die Spitzfindigkeit, der Macchiavellismus entschuldigt sie; der Jesuitismus vertheidigt das Mittel des Zweckes wegen; aber dies ist eine gefährliche Philosophie, welche zu den größten Lastern und Verbrechen führt.
Der Gräfin Mynster letzte Tage.
Ich hatte gerade Helge, als eine Frucht meiner stillen Stunden in der einsamen Küsterstube, beendigt, als eine traurige Begebenheit mir den Aufenthalt daselbst zuwider machte, und mich veranlaßte, meine Sommerwohnung nicht mehr in dem schönen Septembermonat zu benutzen. Meine Freundin, Gräfin Mynster, hatte lange an einer tiefen Melancholie gelitten, welche anfing gefährlich zu werden, weil sie sich immer mehr und mehr dem stillen Wahnsinn näherte. Ich hatte sie lange nicht gesehen, als Frau Brun mich bat, nach Sophienholm auf Frederiksdal hinauszukommen, wo Gräfin Mynster versprochen hatte, sie zu besuchen. Frau Brun meinte, daß wenn es Jemanden gäbe, der die Gräfin Mynster aufmuntern und in eine heitere Laune versetzen könne, ich dies sein müsse, ich, dem es früher oft durch poetischen Scherz und freundschaftliche Liebe, zuweilen selbst durch einen etwas dreisten Spott gelungen war, die allzuweit in den höheren Regionen zwischen kalten Wolken umherschwebende Seele des edlen Weibes in die tieferen Thäler herabzuziehen, wo Wärme, Schatten, Blumen und Früchte waren. Ich kam also hinaus und fand sie im Sopha sitzen; aber kaum hatte ich sie gegrüßt und mein Auge auf das ihrige gerichtet, als ich sah, daß — es vorbei sei; es war nicht mehr die geistreiche, freundliche, nur allzu gefühlvolle Dichterin; es war das Gespenst der Dahingegangnen, das mit einem todten, träumenden Nebelblicke auf mich hinstarrte. Die Unterhaltung war matt und inhaltslos; sie antwortete kaum mit den nothwendigsten Worten, dann schwieg sie wieder und starrte vor sich hin. Wir gingen im Garten beim Wasser spazieren und ich achtete sorgfältig auf sie, doch ohne daß sie es merkte, weil ich fürchtete, daß sie hineinspringen würde. Als wir wieder ins Haus kamen, nahm ich mit einem Gefühle Abschied, welches ich unterdrückte, und in der festen Ueberzeugung, daß sie sich nie wieder erholen würde.
Dies war nur allzuwahr und ich sah sie nie wieder. Als Hofdame der Königin war sie mit nach Friedrichsberg hinausgefolgt; sie wohnte neben den anderen Hofdamen, die sie Alle liebten und sorglich beobachteten. Aber eines Tages hatte sie sich von der Tafel dispensirt, weil ihr nicht ganz wohl sei. Gleich nach aufgehobner Tafel eilte Fräulein Levetzau zu ihr — fand aber die Thür verschlossen. In Angst eilte sie zur Herrschaft zurück und theilte ihre Befürchtungen mit. Der König ging selbst zum Zimmer der Unglücklichen, ließ die Thür aufbrechen und fand sie — todt!
Leichenbegängniß der Gräfin Mynster.
Keine Leiche, welche nicht königlich war, durfte der Etiquette zufolge auf dem Schlosse bleiben. Man war in Verlegenheit, wohin man die Leiche bringen solle. Als ich dies hörte, sagte ich: „Bringt sie in meine kleine Küsterwohnung, dort kann ihr Sarg stehen, bis sie begraben wird und von da sind es nur wenige Schritte bis zum Kirchhofe.“ Damit war man auch sehr zufrieden und von hier aus ging auch der Zug, dem sich ihre Verwandten und alle Hofcavaliere anschlossen. Brandis und ich folgten auch; wir gingen zusammen. Wäre ich abergläubisch gewesen, so hätte ein eigenthümlicher Zufall mich unruhig machen können; aber ich kümmerte mich nicht darum und es hatte auch keine Folgen. Als der Sarg in das Grab hinabgesenkt war, wollte ich ihn noch einmal sehen, strauchelte aber über einen Erdhaufen, fiel und schlug mir den Nagel am rechten Daumen, so daß er blau unterlief. Ich zeigte ihn Brandis, der mir natürlich mit ernster Miene ein Unglück prophezeihte.