Die Professur in Gefahr.
Ich muß bei Gelegenheit meiner Anstellung als Professor eines Mißverständnisses von Seiten meines Gönners, des Herzogs, gedenken, das mich fast um das Amt gebracht hätte, ehe ich es erhielt. Als ich ihn besuchte, um ihm zu danken, glaubte ich, daß ich ihm aus Dankbarkeit Etwas von meinen Plänen über meine bevorstehenden poetischen Arbeiten mittheilen müsse. Ich sagte ihm also, daß ich einen Roman schreiben wolle (aus dem nie Etwas geworden ist), in dem ich den Character der vier Religionen: des Christenthums, des griechischen und nordischen Heidenthums und des Muhamedanismus, darzustellen beabsichtige. Kurz darauf rief mich Schimmelmann zu sich, und sagte mir ganz betrübt, daß der Herzog befürchte mich zum Professor zu machen, weil ich meine Vorlesungen in einen Roman einkleiden wolle; daß ich durchaus zu ihm hineilen müsse, um dieses Mißverständniß zu heben, das das Schiff meiner Hoffnungen leicht stranden machen könne. Ich eilte also zum Patron, und erklärte ihm, daß das, was ich erzählt hatte, durchaus nicht meine Vorlesungen berühre: daß das der Plan zu einem Gedicht sei, welches ich im Kopfe hätte. Dies beruhigte ihn wieder; „denn,“ sagte er, „wenn das wäre! —“ Hierin lag gewissermaßen noch eine Warnung. Und als ich ihn verließ, mußte ich an den Kutscher denken, der auf die Polizei beordert war, weil er einen Menschen übergefahren habe, daselbst aber bewies, daß er es nicht gewesen sei; worauf der Actuarius, der doch meinte, daß er ihn nicht so ganz frei durchschlüpfen lassen könne, sagte: „Da Du es nicht gewesen bist, so mag es diesmal so hingehen; daß es aber nicht öfter geschieht!“ Uebrigens war der Herzog von Augustenburg mir stets geneigt, erwies mir Achtung und schrieb mir einen freundlichen Brief, als er sein Universitätspatronat niedergelegt hatte, in welchem er mir für den Correggio, den ich ihm gesandt hatte, dankte.
Eine Genugthuung.
Bei Schimmelmann's wurde eine Abendgesellschaft nach der andern gegeben, in denen ich Axel und Valborg, das in Kurzem aufgeführt werden sollte, und Correggio Deutsch vorlas; dieser letztere war noch nicht übersetzt. Alles Vornehme und zum Hof Gehörige (bis auf den König und die Königin) war zugegen. Eines Abends nach beendigter Vorlesung kam der Graf Baudissin, der einer der Zuhörer gewesen war, auf mich zu. Ich hatte ihn seit dem kurzen Besuch vor fünf Jahren in Berlin, wo er Minister war, nicht gesehen. Er begrüßte mich mit vieler Achtung, und manövrirte um mich her, indem er mir auf eine höfliche Weise zu Leibe rückte, bis er mich in einen Winkel des Saales gedrängt hatte. Er stellte sich fest und steif vor mich hin; ich merkte deutlich, daß Etwas in ihm gähre, womit er kämpfte, konnte aber nicht begreifen, was es sei; endlich zwang er sich, rasch und bestimmt zu sagen: „Ich habe Ihnen Unrecht gethan, ich bitte Sie um Verzeihung!“ Nun verstand ich ihn, und es rührte mich, diesen adelstolzen, strengen, militärischen Mann (er war damals Gouverneur von Kopenhagen) seiner Humanität (wegen deren er ebenso bekannt war, wie wegen seines Stolzes) dieses ihm gewiß nicht leichte Opfer bringen zu sehen. „Ew. Excellenz haben mir kein Unrecht gethan,“ sagte ich, „aber ich Ihnen, weil ich als ein junger Mann, der die herkömmlichen Formen nicht beachtete, es vergaß, Ihnen in Berlin meine Aufwartung zu machen, wo Sie Gesandter waren. Ich muß also Sie um Vergebung bitten!“ — Damit war der Frieden geschlossen; und nun hätte ich ihm freilich den Besuch machen sollen, den ich in Berlin vergaß, und von dem ich ihm selbst zugestanden, daß ich ihn ihm schulde, — aber — ich unterließ es wieder, und wir kamen wieder auf einen gespannten und fremden Fuß mit einander. Warum unterließ ich es denn? War es Hochmuth von mir oder Undankbarkeit? Nein, gewiß nicht; aber ich fühlte, daß dieser Mann und ich nicht sympathisirten, daß das aristokratische Vorurtheil ihn so sehr beherrschte, obgleich er ein sehr rechtschaffener Mann war, daß es früh oder spät mich wieder verletzen würde; und daher fand ich es für besser, gleich abzubrechen. An dieser stolzen Schwäche, die aus Eigenliebe und Eitelkeit entspringt, leiden viele Menschen; alle Stände sind davon geplagt. Zu einer Zeit, wo der Adel noch Etwas zu sagen hatte, war es natürlich, daß dieses Gefühl des Geburtsstolzes — eigentlich ein Unding — oft selbst edle Seelen beherrschte. So hat selbst der Sohn dieses braven Mannes, ein genialer, kenntnißreicher und höchst gebildeter Jüngling, der einem spätern, mehr aufgeklärten Zeitalter angehörte, Shakespeare's Uebersetzer, Tieck's Freund, u. s. w., einmal eine Abhandlung darüber geschrieben: daß kein Unadliger eigentlich das Gefühl der Ehre haben könne; worin er ganz Recht hatte, wenn er hiemit die falsche Don Quixottische Ehre meinte, welche das Mittelalter beherrschte.
Adelshochmuth und Pöbelplumpheit.
Obgleich ich als Dichter zu allen Ständen gehörte und mit ihnen umging, habe ich mich doch stets ebenso wenig in den Adelshochmuth, wie in die Pöbelplumpheit finden können; ich suchte das schön Menschliche im Palast wie in der Hütte, d. h. das Poetische; die höflichen Uebertreibungen gingen mich Nichts an; doch entschuldigte ich stets leichter die Plumpheit des Armen, als den Hochmuth des Vornehmen, weil der Mangel an Erziehung, der Beides hervorruft, bei jenem, nicht aber bei diesem verziehen werden könne. Das Rohe kann außerdem auch reif werden, nie aber das Verweste; selbst Barbarei kann sich zur Schönheit erheben, Luxus aber ist die ausgeartete, verirrte Schönheit; und im schlimmsten Falle ist es weniger gefährlich für die Gesundheit, in der Nähe eines Wagens zu stehen, der voller Dünger ist, als in einem Treibhause voll blühender stark riechender Blumen zu sitzen; der Gestank kann trotz des Widerlichen gesund sein; aber der übertrieben starke, feine Wohlgeruch ist tödtend.
Als einen Beweis, wie ich trotz meines freundlichen Umganges mit den Großen, stets Lust hatte, dem Adelsstolze, wo er sich geltend machte, mit dem meiner Ansicht nach nothwendigen Trotze des gesunden Menschenverstandes zu begegnen, will ich hier eine kleine Geschichte erzählen. Unter Denen, welche mir in diesen Kreisen ganz besondere Freundlichkeit erwiesen, befand sich der Kanzleipräsident Friedrich Moltke. Er war einer der Menschen, die selbst im Greisesalter Jünglinge bleiben. Für die Poesie hatte er eine ungeschwächte Liebe. Ewald war sein Lehrer gewesen und hatte ihm die schöne Ode: „Des Schwertes Sausen und der Lärm der Schilde“ gewidmet, welche so endet:
„Deshalb lächelnder Tugenden, reichen
Wissens glühender Freund, der die Erde
Liebet! Deshalb, mein edelster Moltke!
Füllst Du mir mächtig die Brust und der Harfe
Zitterndes Gold!“
In Ewald's letzten schwachen Tagen war Moltke Kammerjunker, ich glaube bei der Königin Witwe, und hatte ihm eine kleine Pension verschafft, indem er mit Begeisterung von ihm sprach. Bei alle Dem war Moltke Aristokrat, und man sagte, daß er sich nie mit dem kräftigen Demokraten Christian Colbiörnsen vertragen konnte, der Deputirter in der Kanzlei war, welcher Moltke als Präsident vorstand, und die Folge davon war, daß Moltke endlich aus der Kanzlei austrat und Stiftsamtmann in Aalborg wurde.