Der gefeierte Dichter.

Kurz nach meiner Heimkehr wetteiferten Viele der Großen, ebenso wie Schimmelmann's, mir Gesellschaften zu geben, z. B. der Staatsminister Graf Christian Reventlow, Graf Christian Bernstorff, Geheimrath Moltke und die Hofdamen Fräulein v. d. Maase, Gräfin Mynster und Fräulein Levetzau. Eines Abends war auch Moltke auf Friedrichsberg bei einer dieser Damen; er hatte dem König und der Königin seine Aufwartung machen wollen; diese aber waren bei dem Geheimrath Rosenkrone in der Friedrichsberger Allee. Rosenkrone's waren die Einzigen, welche der König und die Königin besuchten; das weckte vielleicht Moltke's Eifersucht ein Wenig und er machte nun seine Bemerkungen darüber, daß Rosenkrone's nicht aus alter Familie seien. Dies reichte hin, um mich den Bogen spannen zu lassen, und ich sagte: „Ew. Excellenz meinen, daß Rosenkrone ein Londemann ist! Ganz gewiß; sein Vater war Bruder des Schauspielers Londemann, der die dänische Bühne verherrlichte, und das Zwergfell der guten Kopenhagener unablässig erschütterte; aber vielleicht wissen Ew. Excellenz nicht, daß der vortreffliche Darsteller des Holberg'schen Henrik ein viel älterer Adelsmann war, als Sie selbst sind, obwohl ich weiß, daß Ihr Adel alt ist, und daß bereits zu Erik Menved's Zeit von einem Moltke gesprochen wird.“ — Moltke sah mich verwundert an und gestand: „Nein, das wisse er nicht.“ — „Das ist leicht zu beweisen,“ sagte ich, „Sie brauchen nur in der Vorrede zu der Folioausgabe des Snorro Sturleson nachzuschlagen, wo Sie sehen werden, daß Londemann gerade vom Snorro Sturleson abstammte; Snorro Sturleson stammt von Harald Schönhaar, und dieser von Regnar Lodbrok.“ — „Ja das ist sehr möglich!“ sagte Moltke artig und lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Moltke war ein hübscher Mann, leicht und schlank, sehr rasch in seinen Bewegungen und trotz seines schneeweißen Haares glühten seine braunen Augen doch in jugendlichem Feuer.

Eine Anekdote von Thorwaldsen.

Das Schlimmste, was man dem Geburtsstolze anthun kann, ist, daß man auf Länder hinweist, wo es von Adligen wimmelt, wie Island, Schottland, Corsica, Ungarn, Polen. — Als Thorwaldsen mehrere Jahre nach diesem Gespräche heimkehrte, wollten ihm gern Alle, Jeder auf seine Weise, huldigen. Ich war eines Vormittags gerade bei ihm, als er auf ein Paar Stiefel wartete, mit denen der Schuhmacher ihn im Stiche ließ. Da trat der brave Finn Magnussen sehr ernst und feierlich ins Zimmer herein und legte Thorwaldsen eine Stammtafel vor, auf welcher bewiesen wurde, daß er (ebenso wie wahrscheinlich Finn Magnussen selbst) von dem norwegischen Könige Magnus Barfuß abstamme. „Das will ich glauben,“ sagte Thorwaldsen lächelnd zu mir, „darum bekomme ich heut auch keine Stiefeln!“

Reventlow. Bernstorff. Die Gräfin Mynster.

Um Thorwaldsen's willen gerieth ich doch etwas mit dem alten, feurigen Minister, Grafen Christian Reventlow ins Unklare, wie die Seeleute sagen. Ich war auch bei ihm eines Abends, saß an seiner Seite, und er machte mir das Compliment, daß ich für den Correggio verdiente Mitglied der Akademie der Künste zu werden. Aber als wir später von Thorwaldsen sprachen und Reventlow Canova weit über ihn stellte, nahm ich mir die Freiheit, durchaus der entgegengesetzten Ansicht zu sein. Reventlow glaubte, dies sei Parteilichkeit für einen Landsmann; aber ich antwortete: „Ew. Excellenz! in zehn Jahren wird Das, was ich jetzt sage, für eine Trivialität angesehen werden.“ — Der vortreffliche Bauernfreund Reventlow hatte viel mehr Sinn für das Oeconomische und Nützliche, als für das Schöne, und er bewunderte deshalb auch Rumford als einen der größten Männer der Zeit. Christian Bernstorff war durchaus entgegengesetzter Art, und das Aeußere dieser Herren entsprach ihrem Wesen. Reventlow groß, beweglich und stark, sah trotz seiner Sterne und Bänder wie ein sinnreicher, tüchtiger Handwerksmeister aus. Der rasche, feine Bernstorff war edel in allen seinen Bewegungen, wie ein englischer Lord. Er war nicht enthusiastisch wie seine Vetter, die Stolberg's, nicht schwärmerisch, aber ebenso poetisch in Bezug aus den Eindruck, und in seiner Ruhe billiger und vielseitiger. Sein Herz war vortrefflich. Es bildete sich zwischen uns eine auf geistige Sympathie gegründete Vertraulichkeit. Als ich einmal in einem solchen Augenblicke zu ihm sagte: „es sei doch ein schöner Beruf, Staatsminister zu sein,“ entgegnete er: „Ich habe nie Lust dazu gehabt; die Umstände haben mich dazu gemacht.“ Man hat ihm später vorgeworfen, daß er den Engländern zu viel getraut habe, und daß er ein Aristokrat gewesen sei. Dies letztere war gewiß stets auf eine sehr edle Weise, mit Bewunderung und Anerkennung alles Großen und Guten, der Fall. Er hat auch Gedichte hinterlassen, in denen seine edle Seele sich ausspricht. Seine schöne junge Gattin war seiner würdig und durchaus liebenswürdig. Ich besuchte sie oft auf Schloß Bernstorff.


Unter meinen neuen Freundinnen zeichnete sich die Gräfin Mynster, geborne Ompteda, Hofdame der Königin, aus. Sie war in ihrer Jugend sehr schön gewesen und sah noch gut aus. Sie war selbst deutsche Dichterin und übersetzte einige meiner Gedichte, unter andern „Die heimliche Stimme.“ Ich habe es mit einigen Veränderungen in der Ausgabe meiner deutschen Gedichte benutzt. Sie litt an einem schlimmen Uebel: einer überspannten Sentimentalität. Oft besuchte sie uns, und dann lasen wir gewöhnlich Gedichte mit einander. Sie strebte stets nach dem Hohen und ich versuchte oft, theils um sie wieder in's Gleichgewicht zu bringen, theils aus schelmischer Neckerei, sie in das Alltägliche herabzuziehen. Als wir einmal Schiller's „Lied an die Freude“ gelesen hatten, und sie zwischen den Sternen und den Millionen umherschwärmte, sagte ich: „Nun zur Veränderung ein anderes kleines Lied,“ und recitirte das Göthesche:

„Mich ergreift, ich weiß nicht wie,
Himmlisches Behagen.
Will mich's etwa gar hinauf
Zu den Sternen tragen?
Doch ich bleibe lieber hier,
Kann ich redlich sagen,
Beim Gesang und Glase Wein,
Auf den Tisch zu schlagen!“