Aber als sich die Stunde des Abschieds näherte, wurde mir das Herz schwer, und mich erfüllte eine tiefe Wehmuth, weil ich meine Familie verlassen sollte. Ich lag am Abend auf dem Fußboden im Zimmer beim Kaminfeuer, und ließ die Kleinen um mich herkrabbeln; ich spielte mit ihnen, wie ein Kind; sie lachten und waren lustig und merkten nicht, daß mein Gesicht jeden Augenblick in Thränen schwamm.

Mir war, als ob wir uns nicht Alle wiedersehen sollten. Aber in der Liebe liegt stets Furcht vor dem Scheiden, und ein wehmüthiges Gefühl folgt dem Gedanken an irdische Trennung und himmlische Wiedervereinigung, deshalb erweckt jeder Abschied auf lange oder kurze Zeit die himmlische Liebe in der Menschenbrust, und selbst in dem täglichen Lebewohl, einem Freunde gegenüber, liegt ja Etwas von diesem heiligen Gefühle.


Auszug aus meinen Reisebriefen 1817.

Beginn der Reise.

Es war kein Spaß für einen gegen Frost und Wind nicht sonderlich abgehärteten Dichter, der sich eben erst von einem ziemlich starken Anfall des Podagra erholt hatte, sich in den kalten Decembernächten auf offene Wagen zu setzen, dann in einem Boote von Laaland über das Meer und von Heiligenhafen durch Holstein zu reisen, bis wir an die Diligencen kamen; denn damals hatte man noch keine Eisenbahnen und keine Dampfschiffe. Ich beschloß deshalb so gekleidet zu reisen, daß ich nicht frieren konnte, und dies setzte ich auf folgende Art ins Werk. Ueber meinen täglichen Kleidern hatte ich folgende Kleidungsstücke. Ein Paar dicke mit Leder besetzte Reithosen gingen hoch auf die Brust hinauf. Dann ein Paar Seehundsstiefeln, die bis über die Kniee reichten. Ueber dem Rock, dem Ueberzieher und dem Mantel einen großen, dicken Bärenpelz. Auf dem Kopf eine Mütze von Bärenfell, die unter dem Kinn zugeknöpft werden konnte und den Nacken bedeckte. So hätte ich Parry und Roß auf ihrer Reise nach dem Nordpol, den ich ebenso wenig, wie sie, fand, begleiten können. Von der Kälte spürte ich also auf der ganzen Reise Nichts, außer, wenn ich in eine sogenannte warme Stube kam, wo ich mich auskleiden mußte. Von Friedrichsberg aus, wo ich von meinem Vater, der erst lachte und scherzte, aber in dem letzten Augenblick weinte, Abschied nahm, fuhr ich noch im geschlossnen Wagen und nicht so stark gegen die Kälte gewaffnet. Feldborg hatte Lust bekommen; mich ein Stück Wegs zu begleiten. Er hatte nichts Anderes mit, als ein kleines in ein Stück Papier gewickeltes Buch. Es war kein Platz im Wagen, da ich einen Reisegefährten hatte; ich gab ihm meinen Pelz und er setzte sich auf den Bock, wo sich der Schwager doch breit machte, weil ihm Feldborg's Liebkosungen nicht gefielen, der ihn, aus Furcht herabzufallen, zu fest und innig umarmte. Wir fuhren nach Kiöge. Am Morgen, als wir weiter reisen sollten, hielt ich meinem Gefolge eine Rede und sagte: „Meine Herren! Wenn man von einer fremden Stadt fortreist, so muß man erst all' die Dinge laut nennen, die man bei sich hat, um Nichts zu vergessen.“ Um ihnen nun gleich ein Beispiel meiner Lehre zu geben, nannte ich Alles, was mir an losen Reiseeffekten gehörte, vergaß aber meinen Hut, weil ich glaubte, ich hätte ihn auf dem Kopfe; das war aber unglücklicher Weise meine Mütze, und so vergaß ich auch wirklich den Hut. Jetzt verließ uns Feldborg. Wir gingen erst ein langes Stück dem Wagen voran, und er stolperte sehr gutmüthig mit seinen schwarzen Gammaschenstiefeln auf den gefrorenen Erdklumpen umher, um mich in dem bequemeren Geleise zu lassen. In schönem Wetter fuhr ich über Gaabensee nach Laaland. In meinen Pelz eingepackt litt ich weder von der Kälte noch von der Seekrankheit.

Ankunft beim Kammerherrn Bertouch.

Bei dem Kammerherrn Bertouch und seiner Gattin brachte ich angenehme Tage zu, und lernte den jungen, freundlichen Mann kennen, mit dem ich reisen sollte. In Wasserstiefeln watete ich mit dem Kammerherrn in Wald und Feld umher. Die Natur gewinnt nicht, wenn man sie im Winterkleide sieht, doch hat jede Jahreszeit ihren eignen Character; das Grün verschwindet nicht ganz. Laaland ist doch ein sehr flaches Land, und wenn man dort ist, bekommt man Lust, mit Hieronymus in Erasmus Montanus zu glauben: Die Erde ist flach.


Ankunft in Hamburg.