Ich bin nun in Hamburg, „sechzig Meilen weit von meinem Herzen,“ wie der Dichter Kruse sang. Meinen letzten dänischen Abend brachte ich in Kiel bei meinem alten Landsmanne Fischer, dem Gastwirth in der Stadt Kopenhagen zu. Er ist Däne mit Leib und Seele, erzählt den Holsteinern, daß er in der kleinen Königsstraße geboren sei, und an den Wänden hängen lauter nationale Bilder. Hier sieht man den Thurm der Frauenkirche von englischen Bomben in Brand geschossen, dort arbeiten Matrosen auf einem Schiffe, hier wieder steht der Schauspieler Knudsen an der Zollbude und singt vor dänischen Seeleuten. Ich war in Kiel auch Mittags beim Grafen Bernstorff; ich sah die liebenswürdige Frau Berger Weihnachtsgeschenke für die Kinder zubereiten und dachte an die meinigen. Einen angenehmen Abend brachte ich bei dem feurigen, witzigen Professor Pfaff zu. Hier traf ich Falk und Dahlmann, der seine literarische Laufbahn mit einer Abhandlung über meine Schriften, welche, ins Dänische übersetzt, gedruckt wurde, begann. Später scheint er sich nicht viel um dänische Literatur bekümmert zu haben, doch war er sehr höflich und artig.


Wir schliefen in Bramstedt. Am nächsten Morgen war Glatteis. Wir schnallten den einen Wagenstuhl rückwärts gegen den Wind; das milderte. Von Kiel nach Hamburg geht es über die Haide. Am ersten Tage ging ich über eine Meile in gutem Wetter zu Fuß; aber je mehr wir uns Hamburg näherten, desto schlimmer wurde es. Die Alster war weit über ihre Ufer hinausgetreten. Einige Bauern mußten uns den Wagen aus dem Morast und dem Eise herausholen. In der Nähe lag ein gestürztes Pferd auf dem Eise, das sich todt geschleppt hatte und der Karren stand umgeworfen daneben. Endlich kamen wir an den neuen, halbfertigen Landhäusern vorüber, die sich wieder aus ihrer Asche erhoben.


Heute war der erste Weihnachtstag; er fing mit einem außerordentlichen Nebel an, wie man ihn selten in Kopenhagen sieht. Es kommt daher, daß Hamburg nahe am Meere und bei der Alster und Elbe liegt. Gegen Mittag wurde es etwas klarer; ich hörte das Glockenspiel vom Kirchthurm. Man hat oft bei uns das Glockenspiel verspottet; nun haben wir keins. Es ist wahr; die Melodien lösen sich fast in Klingklang auf, aber sie tönen doch über die ganze Stadt, vor Aller Ohren, und das ist feierlich. Auf den Straßen begegnete ich Rathsherren mit Allongeperücken, wie in dem politischen Kannegießer; die Reutendiener gleichfalls mit Modesten, Pumphosen und Bratspießen an der Seite, wie die Alkalden in den spanischen Stücken. In der Kirche hörte ich die Kinder einen Weihnachtspsalm singen. Ich höre Kinder gern, und besonders zu Weihnachten in der Kirche singen. Der Organist spielte schön. Ich dachte an meinen Vater, der auch Organist war, und daß meine Vorältern es ununterbrochen viele Glieder hindurch in Schleswig und Holstein gewesen waren. Ich dachte an den großen Bach, der hier wahrscheinlich gespielt hat, an die Orgelkraft und an die tiefe Musik, die von dem Geschlechte Bach's über die weite Welt ausging.


Theaterbesuch. Bekanntschaft mit Perthes.

Wir haben uns einen Wagen von dem Juden Lazarus gekauft, der für dessen Tüchtigkeit einstehen will. Gestern hörte ich Don Juan und bewunderte Madame Becher als Anna; aber ich hätte beinahe das Stück nicht zu sehen bekommen, da ich meine Brille vergessen hatte, wenn nicht ein gutmüthiger Mensch mir ein Perspectiv geliehen hätte. Madame Becher singt gut; aber ich hätte fast über Mozart's Musik alle ihre Triller und Rouladen überhört.


Gestern Abend spielten sie das Käthchen von Heilbronn von Kleist. Walthers und Käthchens Charactere sind vortrefflich durchgeführt und zeigen sich in schönen Situationen. Den Cherub, der Käthchen beschützt, hätte ich lieber fortgewünscht; der liebe Gott hätte ihr doch helfen können; ebenso hätte ich gern gesehen, wenn sie Bürgerin geblieben wäre, und wenn Graf Strahl seine Eitelkeit ihrer seltnen Persönlichkeit geopfert hätte, statt daß sie nun, wie in allen Mährchen, des Kaisers Tochter wird.