St. Menehould ist bekannt dafür, daß man dort Kalbsfüße so weich kocht, um selbst die Knochen mitessen zu können. Der arme Ludwig Capet aß sie auch mit vielem Appetit kurz ehe man ihn erwischte und zur Richtstätte hinschleppte.

Wechsel der Reisegesellschaft.

Unsere Officiere hatten wir verloren und bekamen dafür stumme Personen in den Wagen; der Eine mit gelbseidnem Tuche um den Kopf und geflochtenen Bambouchen an den Füßen; der Andre mit einem Flecken auf dem linken Auge und seinem Rock auf dem Schooße. Er wunderte sich mit Recht über meine ungeheuer dicke Bekleidung; aber ich war ein langes Stück gegangen, und hatte den Pelz wieder angezogen, weil ich warm geworden war, und mich nicht erkälten wollte. Mit einer verdrießlichen Miene fragte er, nachdem er einen halben Tag geschwiegen hatte: „Aber mein Herr! wie gehen Sie denn zu Hause, wenn Sie hier so gehen?“ Ich antwortete ihm: „So kleiden wir uns Alle in Kopenhagen, mein Herr, wenn wir uns warm gegangen haben, uns in den Wagen setzen und uns nicht erkälten wollen. Ich wundere mich ebenso sehr, Sie mit Ihrem Rocke auf dem Schooße zu sehen, wie Sie sich über meinen Pelz auf dem Körper wundern.“ Er meinte das komme daher, daß die Franzosen wärmeres Blut hätten und Strapazen besser ertragen könnten. Ich antwortete: „Der Wallfisch hat warmes Blut, obgleich er mit einem ellendicken Thranpelz umherschwimmt; der Häring hat kaltes Blut, obgleich er nur in einen dünnen Silbermoireeshawl eingehüllt ist.“

Endlich roch das schlechtgegerbte Seebärenfell doch mir selbst zu arg; ich sprang aus dem Wagen und verkaufte dasselbe für zwei Napoleonsd'or an den Conducteur.

Zweites Eintreffen in Paris.

In den ersten Nächten hatten wir in Wirthshäusern geschlafen, nun fuhren wir die letzte Nacht ganz durch. Die Dame wollte durchaus, daß das einzige offne Fenster geschlossen würde. Ich schnappte nach Luft, wie eine Maus unter der Luftpumpe. Alle zwölf Lungen (wir waren sechs Personen) verrichteten ihre Blasebalgdienste, um das Bischen Sauerstoff zu verzehren, das noch übrig war. Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn; ich sprang aus dem Wagen und setzte mich zum Conducteur hinaus. So fuhr ich in Paris hinein, wo halb vergessene Erinnerungen mir von der Vorstadt an bis zum Hôtel de Brétagne in der Rue Richelieu hin, wo ich jetzt wohne, entgegentraten.


Wie erfreute es mich, den vortrefflichen Fleury im Théâtre français wiederzusehen; daß er viel zu alt für seine Rolle war, vergaß man über das gute Spiel. Fleury verbindet Verstand, Gutmüthigkeit und Naivetät mit Feinheit und Lebensart, ohne welche die sogenannte höhere französische Comödie ein elendes Machwerk ist. Er ist der Einzige in ganz Frankreich, der noch den Marquis du vieux bon-temps spielen kann. Ein noch größeres Schauspielertalent als Fleury ist Mademoiselle Mars, voller Leben, Grazie, Anmuth, obgleich schon ein gutes Stück über die jungen Jahre hinaus.


Wir sind bei unserm Minister, General Waltersdorff gewesen, der uns freundlich empfing und uns zu Mittag einlud. Hier traf ich meinen alten Bekannten, den Legationssecretair (spätern Legationsrath) Vogt, und erfuhr, daß der Capitain (später General-Kriegscommissär) Abrahamson noch in Paris sei. Ich habe ihn später getroffen, und erfreue mich sehr an dem Umgange dieses talentvollen und dienstfertigen Landsmannes.