Frau von Staël-Holstein.

Ich bin auch bei der Baronesse Staël-Holstein gewesen. Sie wohnt in der Rue royal, einer der schönsten Straßen in Paris, und wie ich mir denken konnte, in einem großen Palast. —

Während ich die Treppe hinaufging, zogen mir die Tage im Geiste vorüber, wo ich das erste Mal in Paris war, als sie auf dem Lande in Auberge en ville wohnte und nicht zur Hauptstadt kommen durfte. Nun hatte sie den Hafen ihrer Wünsche erreicht. — Der Diener, der mich melden sollte, hörte meinen Namen, den er natürlich ganz verdreht der gnädigen Frau mittheilte. Er kam wieder und sagte: „Sie kenne Niemanden dieses Namens“. Ich war gerade im Begriff, ihn mit Bleistift auf einen Zettel zu schreiben (denn ich hatte, wie gewöhnlich meine Visitenkarten vergessen), als ich eine junge Dame im Morgenkleide und in einem Capüchon an mir langsam in einiger Entfernung vorübergehen, und mich aufmerksam betrachten sah. Als ich näher kam, war es die Herzogin von Broglio, die ich von ihrer Kindheit her kannte. Als ich ihr meinen Namen nannte, beklagte sie, daß ihre Mutter mich nicht gleich empfangen könne, da sie nicht angekleidet sei, und ging dann auch hinein. Kurz darauf kam der Diener, der meine Karte hineingebracht hatte, zurück, und sagte: die Baronesse ließe mich bitten, am Abend zwischen Acht und Neun wiederzukommen. Es war also eine Soirée, und ich konnte nicht vorher mit meiner alten Freundin allein sprechen, in deren Hause ich neun Jahre vorher fünf Monate in Coppet zugebracht hatte. — Am Abend kleidete ich mich also in Schuhe und Strümpfe und ging hin. Ich fand einen Theil besternter Herren, zwischen denen ich mich durcharbeiten mußte, um Frau von Staël auf dem Sopha bei einem Kamine zu finden, wo sie, wie gewöhnlich mit einem Turban auf dem Kopfe, saß, und mich mit einem Scherz empfing, als ob wir uns erst gestern gesehen hätten. Sie stellte mich Alexander von Humboldt vor, mit dem ich zehn Jahre vorher in Berlin gesprochen hatte. Ich entdeckte auch A. W. Schlegel in der Menge, und sprach mit ihm, aber nur kurz. Die Conversation war nicht frei und allgemein; es herrschte ein steifer und stiller Ton daselbst, und — darauf verstehe ich mich nicht. Frau von Staël lud mich ein, den nächsten Montag bei ihr zu speisen. —


Ich bereitete mich darauf vor, zur bestimmten Zeit um sechs Uhr einzutreffen; aber da unser Diener Christian mir Bertouch's Schuhe gegeben, und meine eigenen eingeschlossen hatte, so währte es etwas lange, sodaß es ungefähr sieben Uhr wurde, als ich bei Frau von Staël eintraf, um Mittag bei ihr zu speisen. Sie saß an einem kleinen runden Tisch mit ihrer Tochter, der Herzogin, und zwei anderen älteren Damen; für mich war ein Platz frei gelassen. Ich entschuldigte mich, erzählte mein Mißgeschick, beeilte mich, die Speisenden einzuholen, die bereits beim Fische waren, und gab mir alle Mühe, bei dem Französisch-Sprechen nicht verlegen zu werden. Wir sprachen von verschiedenen Dingen. Frau Staël machte mir ein Compliment, weil ich im Norden bekannt geworden sei, und ich sagte: „Was ist der Norden gegen die Erde?“ womit ich den Kreis ihres Ruhms meinte. Wir sprachen von Friedrich Schlegels Buch über die Geschichte, mit dem wir Beide nicht zu sympathisiren schienen, trotz des Guten, welches sich darin befindet, weil wir es gegen die Aufgabe der Geschichte fanden, zu beweisen, was man beweisen will, indem man einzelne Züge hervorhebt und die anderen in den Schatten stellt. Sie fragte mich nach Frau Brun, und es freute sie, zu hören, daß diese frisch und gesund sei. Von dem Dichter Werner sprachen wir auch, und waren Beide darin einig, daß die Frömmigkeit bei unserm guten Freunde sehr weit gegangen sei, und daß der Deutsche Recht habe wenn er sage: „Allzuviel ist ungesund!“ — Sie hatte den Correggio noch nicht gelesen, fand es aber sonderbar, daß ich einen Stoff gewählt, wo der Held unter der Last eines Geldsackes stürbe. Ich entgegnete, ich hätte gerade Lust bekommen, das Stück dieses Zuges wegen zu schreiben, und daß ich es als eine Allegorie behandelt hätte, da der Künstler größtentheils arm ist, und den Nahrungssorgen unterliegt. Dies drückte ich im Gespräche nicht so ganz richtig Französisch aus, und sagte: „Unter der Last des Geldes,“ was ihr Veranlassung zu einem Scherz gab, indem sie sagte: „Mais, mon Dieu, comment peut-on tomber sous ce qu'on n'a pas?“ Ich antwortete: „Ce n'est pas l'argent sous lequel il tombe, c'est le cuivre.“ Und nun schien sie mich zu verstehen. — Sie rieth mir Voltaire's Tancred zu sehen, der an diesem Abend gegeben wurde. Ich folgte ihrem Rath, fühlte mich aber nicht sonderlich erbaut. Der gute Lafond schreit außerordentlich, und scheint mir affectirt, überspannt und unnatürlich.


Ich muß hier (nach Verlauf von 31 Jahren) erzählen, was ich 1817 in meinen Reisebriefen übersprang, wo Frau von Staël-Holstein noch lebte, und ich nicht wollte, daß es wie eine Klage oder Rache aussehen sollte. Ich stand damals in Paris in einem etwas gespannten Verhältniß mit der Frau von Staël; ein Brief, den ich ihr einmal in der langen Zwischenzeit geschrieben, war unbeantwortet geblieben. Indessen veränderte dies nicht den freundlichen Ton zwischen uns, und daß ich das letzte Mal so spät zu Tisch gekommen war, hatte ich entschuldigt und sie vergeben. Aber nun lud sie mich dieses letzte Mal ein, sie am Nachmittage zu besuchen. Als ich ins Zimmer kam, trat gerade eine große Gesellschaft von Herren und Damen aus dem Speisesaal, wo die Mahlzeit geendigt war, herein. Ich wurde fast ohnmächtig vor Erbitterung über die Beleidigung, mich nach Tisch zu sich zu laden, sie, die mich vor wenigen Jahren in Coppet auf den Händen getragen hatte. Ich wollte gleich wieder aus dem Zimmer gehen, blieb aber doch noch einen Augenblick, weil ich eine englische Dame traf, die ich von Coppet her kannte, und der ich meine Gefühle mittheilte, worauf ich ging. Und von dem Augenblicke an sah ich Frau von Staël nie mehr. Sie schickte nicht zu mir (vielleicht wußte sie nicht, wo ich wohnte) und ich besuchte sie nicht wieder. Nicht einmal zu A. W. Schlegel mochte ich gehen, der nie einer von meinen Leuten gewesen war, und der mich früher nicht leiden konnte, weil Frau von Staël mir so viel Freundlichkeit erwies. Dieses ihr Benehmen ist mir stets ein Räthsel geblieben. Als ich Waltersdorff die Geschichte erzählte, sagte er scherzend: „Sie hat dieses Mal vielleicht mit Ihnen wenig Umstände gemacht, weil Sie es letzthin mit ihr ebenso machten.“


Die Benefizvorstellung Fleury's.