Wenn Talma und Mademoiselle Duchenois in einer Tragödie und Fleury und Mademoiselle Mars in einer Comödie spielen, so ist das Théâtre français stets überfüllt. — Dann stellen sich die armen Leute in langen Reihe hin, um Billets zu kaufen und ihre Plätze an die Theatergänger zu verkaufen, wenn diese zu spät kommen. — An einem der ersten Abende, als ich im Palais royal spazieren ging und in die Nähe des Théâtre français kam, wußte ich gar nicht, was der Auflauf zu bedeuten habe. Ich hatte mich noch nicht recht gefaßt, als zwei Poissarden herbeiliefen, mich rasch unter die Arme nahmen, sagend: „Venez, Monsieur, venez, à la tête!“ und mit mir davon liefen. Sie wollten ihren Platz dicht beim Eingang für 8 Sous verkaufen.

Fleury hat dieser Tage sein Benefiz für 43jährige Dienste gehabt; und alle Theater wetteiferten, diesem vorzüglichen, ältesten Schauspieler Liebe und Huldigung darzubringen. Zu seiner Vorstellung wurde ihm das große Opernhaus eingeräumt, da das Théâtre français bei weitem keinen so großen Raum für Zuschauer bietet. Er spielte in Molière's „le bourgeois gentilhomme,“ und hier war Gelegenheit, um durch Tanz und Gesang Scenen zu seiner Ehre zu arrangiren. Da waren Schauspieler, Sänger und Tänzer, als Deputirte aller Theater, welche an dem Divertissement Theil nahmen, das, obgleich für Monsieur Jourdan eingerichtet, doch zugleich eine Bedeutung in Bezug auf Fleury hatte. Ich spürte große Lust, bei dieser Vorstellung zugegen zu sein; aber unglücklicher Weise hatte ein Sprachlehrer, den ich von meinem frühern Aufenthalte in Paris her kannte, mich gebeten, mir Billets verschaffen zu dürfen, und es nicht gethan, sonst wäre es mir leicht gewesen hineinzukommen. In der letzten Stunde lief er zu Fleury, zu den Cassirern und den Controleuren; er zog mich nutzlos in das Gedränge hinein, um ein Billet zu kaufen, nachdem alle vergriffen waren. Doch verlor er noch nicht den Muth, und sagte, nun habe er einen Plan, der gewiß glücken würde. Ich ließ es ihn versuchen; wir bestimmten einen Ort, wo wir uns treffen sollten; aber sobald er fort war, ging ich nach Hause, und freute mich, ihn zur Strafe für seine Unzuverlässigkeit mich vergebens suchen zu lassen[1].

Théâtre français.

Beim Théâtre français sind noch einige sehr gute Schauspieler: eine vortreffliche Soubrette; die beiden Baptist's, Michaud, Thénard u. s. w. In den zwei Brüdern nach Kotzebue spielte der älteste Baptist den Seecapitain und Michaud den Matrosen mit unendlicher Wahrheit. Der jüngere Baptist ist eine vortreffliche Maske in Molière'schen Stücken. Er spielte letzthin le malade imaginaire. In diesem Stücke tritt das ganze Theaterpersonal, Herren und Damen, im Nachspiel als Doctoren auf. Die Schauspielerinnen tragen ihr Haar als Allongeperücken in langen Locken über die Schulter frisirt. Während ein Marsch gespielt wird kommen sie zu Zwei und Zwei in Procession nach einem Compliment vor dem Publikum, und gegenseitig vor einander, werden mehr oder weniger applaudirt, je nachdem sie beliebt sind, und setzen sich auf ihren Platz. Mir kommen stets die Thränen in die Augen und es ergreift mich jedes Mal ein feierliches Beben, wenn es in der Doctorcreation zu der Stelle kommt, wo Argan sagt: Juro! Denn bei diesem Worte fiel Molière ohnmächtig auf der Bühne um, wurde nach Hause getragen, und starb wenige Stunden darauf. — Liegt nicht etwas Schönes, Großes und Rührendes in dem Zufall? Dieser seltne Dichter wurde vor Aller Augen in einem seiner lustigen Stücke abgerufen, gleich als ob das Volk recht empfinden sollte, was es in ihm verloren! Dieser ausgelassne, burleske Aufzug, an dem das ganze Theaterpersonal Theil nahm, um als Doctoren den neuen Doctor einzuweihen, wurde zu einer rührenden Mythe, zu einer die Thränen hervorlockenden Ironie. Wenn man es umgekehrt betrachtet, so versteht man den Sinn: Nicht der junge Doctor wurde von den ältern eingeweiht; der alte Meister wurde in seinem letzten Augenblicke von seinen Schülern gekrönt. Und er schwor noch wie ein ehrlicher Sohn zur Fahne der hohen Thalia, als ihn ein freundlicher Engel in ein besseres Leben hinwinkte. So wurde seine Todtenscene ein Fest; so verwandelte das Burleske sich in eine feierliche Handlung und Melpomene verbarg sich einen Augenblick unter der Maske Thalia's, um, wenn sie dann die Maske abriß, eine ganze Nation durch ihr bleiches Antlitz zu erschüttern.


Die Pariserinnen.

Man trifft hier selten schöne Frauengesichter. Die Pariserinnen sind graziös und haben besonders schöne Füße. Sie kleiden sich sehr geschmackvoll, aber ihre Züge sind, im Ganzen genommen, grob; ein weißer Teint und rothe Wangen sind eine Seltenheit, doch verstehen sie es sehr gut, sich durch Schminke, Spitzen, Rosabänder und pomadeglänzende Locken Frische zu geben. — Obgleich es auf der Straße ganz rein war, standen doch alte Weiber und Jungen mit Besen (an den Stellen, wo es schmutzig ist, wenn es geregnet hat), fegten ein Wenig die Erde mit ihren Besen und baten dann um eine Kleinigkeit, weil sie die Straße gereinigt hätten. Andere boten hübsch gebundene Veilchen zum Verkauf. Ich kaufte einen kleinen Strauß, und mir war's, als ob mich Primavera zuerst im Jahre 1817 mit diesem milden Dufte begrüßte. Ich ging von dem Tuileriengarten über den Platz Ludwigs XV. und stand einen Augenblick auf der Stelle, wo Louis Capet, Marie Antoinette und ihr Mörder Robespierre dasselbe Schicksal getheilt haben. Aber so entsetzliche Mordthaten hier auch begangen sind, so hat der Ort selbst doch nichts Schreckliches. Es ist ein schöner, offener, freundlicher Platz mit fortwährendem Menschengewimmel. Man muß sich historisch in das Schreckliche zurückversetzen; und das macht ungefähr dieselbe Wirkung, als wenn man davon liest. — Eine elende Richtstätte auf dem Felde, wo ein armer Sünder geendet hat, erschüttert viel mehr. Die Einsamkeit, das Abgelegene, das gräßliche Rad auf der Stange weckt diese finstere Wehmuth, dieses feierliche Beben. Jüngst war ich auf dem Greveplatz, empfand aber auch dort keine Erschütterung mehr. Nicht was geschehen ist, sondern wie es geschah, wirkt auf das Herz und die Vorstellungen des Menschen. Wenn die verdammte mechanische Leichtigkeit nicht dagewesen wäre, wäre die Hinrichtung mit der Guillotine nicht zu einer Manufacturarbeit geworden, sondern hätte der Scharfrichter seine alte Würde in dem rothen Mantel und mit dem breiten Schwerte bewahrt, dann wäre es nicht so weit gekommen.


Physiognomie von Paris.

Der weiße Kalkstein spielt auch eine große Rolle in Paris und der Umgegend und ist von keiner guten Wirkung fürs Auge. Er macht den Weg und die Stiefeln weiß, und blendet das Auge; die Gebäude sind außerordentlich bleich, wo sie nicht angestrichen sind; und das sind sie in Paris nur hie und da bis zur ersten Etage. Die Häuser, wenn man einzelne Gebäude ausnimmt, sind durchaus nicht hübsch; sie sind außerordentlich hoch und schmal; die Fenster liegen innerhalb der Mauer und machen die Gebäude hohläugig-melancholisch. Nützliche, aber häßliche Brandmauern steigen an jeder Seite des Daches empor, und berauben das Haus seines Ansehens. Wenn man von einem hohen Punkte aus eine Straße in Paris betrachtet, sieht sie wie lauter unregelmäßige Felsenstücke aus, wie große Kreidefelsen mit einer schmalen Kluft in der Mitte. Erst wenn man in die Straßen kommt, so daß man keine Uebersicht hat, wird der Blick auf eine angenehme Weise durch die brillanten Läden beschränkt, die fast wie Glashäuser mit lauter Kostbarkeiten, aussehen. Häufig findet man auch das unterste Stockwerk mit einer hochrothen Farbe angestrichen. Unzählige Inschriften machen fast jedes Haus zu einem Titelblatt mit einer Vignette.