Beethoven.
Beethoven habe ich gesehen aber nicht mit ihm gesprochen. Er hat schwarze Haare, rothe Wangen und sieht recht tüchtig aus, aber er ist sehr taub, der arme Mann! Ein großes Unglück für einen Musiker. Beethoven wollte gern, daß ich ihm ein Singspiel dichten sollte, was ich auch gern gethan haben würde, wenn ich mich dazu aufgelegt gefühlt hätte. Er soll eine sehr schöne Oper componirt haben.[3]
Wir sind noch hier in Wien; aber Wien ist nicht hier; das ist auf's Land gereist, und kommt erst wieder, wenn wir fort sind.
Schöne Aussichten.
Kleine Leiden.
Das kaiserliche Lustschloß Laxenburg liegt ungefähr zwei Stunden von der Stadt. Man geht durch schöne Alleen dorthin, und hat nach allen Seiten Aussichten auf Bergpartieen. Breuß nahm Bertouch und mich zu seinem Freunde, dem Schloßhauptmann Riedel, mit. Er führte uns erst auf das Schloß, das hübsch, einfach und freundlich ist. Die Zimmer sind ungefähr wie bei einem wohlhabenden Privatmanne auf dem Lande. Von da mußten wir in der Mittagshitze in den Garten hinunter. Eine ungewöhnliche Menge Rosen waren bei der starken Wärme bereits verblüht. Die Gluth war unerträglich. Ich ging mit Castelli, der auch nicht gerade für Aussichten schwärmt. Wir bewunderten die Lusthäuser, während die Andern, ich weiß nicht Was bewunderten, und ich sagte zu Castelli: „Könnte ich wählen, wollte ich lieber Hausarrest haben, als diese Freude jetzt genießen.“ Indessen mußte ich gute Miene zum bösen Spiel machen, verbindlich lächeln und sagen: „Das ist ganz scharmant, allerliebst!“ was es auch wirklich war. Stets wollte ich in den Schatten, und stets mußte ich im Sonnenschein bei den anmuthigen Aussichten stehen bleiben. Das waren schlimme Aussichten für mich. „„Nun wie finden Sie es?““ fragte Breuß. „Sehr schön,“ sagte ich; „ich wollte nur wünschen, daß ich ein paar Stunden im Schatten hier auf der Bank sitzen und ein gutes Buch lesen könnte.“ — „„Jetzt sind wir nicht hergekommen, um zu lesen,““ sagte er und zog mich mit sich fort. Bertouch bemerkte, daß ich todtenbleich sah. (Stets werde ich in der Mittagshitze bleich). Man fragte mich, wie mir die englischen Anlagen gefielen. „Gut“ antwortete ich; „aber ich liebe auch die alten Alleen sehr, die lassen sich sehr gut mit einer englischen Anlage verbinden.“ — „„Ach,““ versetzte Einer der Anderen, „„das ist gar nicht hübsch, kann man sich etwas teiferes als solch' eine Allee denken?““ Ich: „Warum kann das Steife nicht auch schön sein!“ Er: „„Es ist unnatürlich.““ Ich: „Ich finde es durchaus nicht unnatürlich, daß der Mensch schöne Bäume in eine Reihe pflanzt, um auf dem kürzesten Wege von einem Ort zum andern im Schatten zu gehen. Weßhalb darf die Menschennatur sich nicht auch zur übrigen Natur gesellen?“ Er: „„Die Menschen können nicht Etwas schöner bilden, als die Natur es gebildet hat.““ Ich: „Das ist wahr; aber die Natur (oder der Schöpfer) hat auch unsere Natur gebildet. Und es ist ein Naturtrieb bei uns, die Natur zu unserem Gebrauche, nach unserem Verstande, unseren Ideen, unserer Bequemlichkeit einzurichten. Eine schöne Allee ist der herrlichste Frühlingstempel, in welchem sich eine leichte Architektur mit der ewigen Schöpfungskraft vereint.“ Nachdem ich ihn durch diese Gründe fast dahin gebracht hatte, mir Recht zu geben, bombardirte ich ihn mit der Vaterliebe, und fragte ob er nicht finde, daß es schön sei wenn man etwas stehen lasse, was eine verschwundene Zeit hervorgebracht habe; und ob es nicht erhebend und angenehm zugleich sei, in den ehrwürdigen Baumgängen zu wandeln, dessen Blätter vor vielen Sommern die Stirne unsrer Vorväter beschatteten. Nun gaben sie mir Alle Recht; und so disputirte ich mich aus der Sonnenhitze in den Schatten hinein. — In dem herrlichen kühlen Buchenlaub erquickte ich mich nun recht. Zu Lust und Leben in den warmen Sommertagen gehört Schatten. Pan, alle Faune, Nymphen und Tryaden lieben Schatten und frische Quellen. Sie spielen unter den dunkelgrünen Wölbungen, fürchten aber den gelben Staub und die Mittagshitze.
Eine Ueberraschung.
Mein Freund Breuß, der sich vorgenommen hatte, mich mit allen Laxenburgischen Herrlichkeiten zu tractiren, gönnte mir aber keinen Augenblick Ruhe. Er zog mich unbarmherzig mit sich fort, und verlangte daß Freude und Bewunderung von meinen Lippen strömen sollte. Ich beschloß mich etwas zu rächen, indem ich gleichgültig that, und als er mich fragte, wie mir dies Alles gefiele, antwortete ich: „Ei recht gut, aber glauben Sie denn, ich habe früher keinen grünen Park gesehen?“ Breuß meinte: niemals einen solchen. Ich versicherte ihm, daß das Südfeld und der Friedrichsberger Garten eben so schön seien. Er behauptete, das sei unmöglich. Ich behauptete, daß der Norden gerade die Heimath der reichbelaubten Bäume, er, daß dieß übertriebene Vaterlandsliebe sei. So kamen wir wieder zur übrigen Gesellschaft, und da konnte ich denn merken, daß Etwas im Werke sei, und ich von irgend etwas Neuem überrascht werden sollte. „Nun gut“ sagte Herr Riedel lächelnd, „da Sie das Alte so sehr lieben, wollen wir die Gegenwart verlassen.“ Indem er diese Worte sagte, langten wir bei einem kleinen See mit einem Boot an, und gerade gegenüber stand eine — Ritterburg! — Eine alte Ruine? nein — eine neue vollständige, bunte, fix und fertige Ritterburg, als wäre sie etwa vor ein paar Jahren gebaut, was auch wirklich der Fall war. Wir fuhren auf einer Fähre hinüber. Auf dem Thore war ein Ritter im Harnisch gemalt. Das Thor ging auf, wir traten ein, und befanden uns nun in einem kleinen Hofe. Gerade vor uns war die Ritterwohnung mit ihrem Thurme; auf der einen Seite die Kapelle mit den bunten Fenstern, der Stall, das Zimmer der Knappen u. s. w. In der Mitte des Hofes ein Brunnen mit altmodischer Architektur, Heiligen und Schnörkeln.