Eine neue Ritterburg.
Der plötzliche Eindruck all' dieser alten Sachen rührte mich; aber ich konnte mich beinahe nicht des Lachens enthalten, als Mehrere der Gesellschaft auf mich zukamen und mir stark ins Antlitz anstatt auf die Gegenstände schauten, die sie wahrscheinlich kannten, um zu beobachten welche Wirkung sie auf mich machten, und wie es aussähe wenn ich gerührt wäre. Alles zu erzählen, was an diesem Orte gesammelt ist, wäre unmöglich. Aber man staunt, wenn man erfährt, daß diese Burg aus lauter wirklichen Alterthümern zusammengesetzt ist. Hier giebt es nichts Neues, nicht einmal die Mauern; sie sind von fernen Ruinen herbeigeschafft. Ganz Oesterreich mußte seine alten Merkwürdigkeiten diesem Orte abgeben. Wir wollen eine kurze Wanderung durch die wichtigsten Zimmer machen.
Hier gehen wir also erst in den Richtersaal hinauf. Mitten in diesem runden Saale ist ein runder Tisch; mitten in diesem Tische ein Loch mit einem Rost. Dieses Loch führt gerade in das Burgverließ. Durch eine solche Oeffnung wurde der Sünder in alter Zeit aus seinem Gefängniß heraufgewunden, mit dem Kopf über der Oeffnung, um von den Richtern, die rings um den Tisch saßen, verhört zu werden; und es war nicht selten, daß sie ihm in dieser Stellung gleich den Kopf abschlagen ließen. In dem mittelsten Theile des Thurmes ist ein hoher runder Saal mit bunten langen Fenstern aus dem achten Jahrhundert. Von dort gingen wir ins Gastzimmer, wo die Ritter gesessen und aus großen Bechern gezecht hatten. In einem Seitenzimmer findet man prächtige Sachen, silberne Becher, Perlmutterhörner, Elfenbein, Bergkrystall, alte Gold- und Silbergefäße. Die Rüstkammer ist voll von köstlichen Kleinodien aus dem Mittelalter: Schwertern, Büchsen, Lanzen. Die Büchsen wie kleine Handkanonen mit Lunten. Ein grauer runder Filshut mit Eisenblech und Spangen versehen hängt an der Wand, und es soll historische Sicherheit dafür da sein, daß er Karl dem Großen gehört habe. Alte Harnische finden sich in solcher Menge, daß man mehrere Wochen brauchte um dieses Alles anzusehen.
Nun kommen wir zu den Frauengemächern. Alte Bilder hängen rund umher an den mit vergoldetem Leder bedeckten Wänden; Meublesreliquien, Kaiser Karls IV. Bett zum Beispiel. Das Auge findet Nichts, das nicht historischen Werth hätte. Plötzlich steigen wir von dieser hellen Pracht durch finstere Gänge und enge Treppen hinab zu dem schauerlichen Burgverließ. Eine matte Lampe erleuchtete die trübe Wölbung, ein weißer Schatten steht im Hintergrunde. Ein Gefangener mit bleichem, eingefallenem Gesicht, eine weiße Kappe über dem Kopf; das rothe Kreuz auf dem Mantel zeigt mir, daß es ein Tempelherr sei. Ich will näher treten, plötzlich streckt er seine Arme gegen mich aus und rasselt mit den Ketten. Ein schreckliches Bild, das in dem tiefen Gewölbe, dessen Dunkel den Eindruck festhält, tragisch täuscht. — In der schönen prächtigen Kapelle hatte Herr Riedel alle Lichter anzünden lassen. Altäre, Gebetbücher, Heiligenbilder füllen den kleinen Raum. Das Meiste ist von Kloster Neuburg gekommen. An der Wand hängt eine Copie von Albrecht Dürer.
Man hört übrigens viel darüber klagen, daß die alten wirklichen Burgen, die noch ganz dastehen, ihre Merkwürdigkeiten durch dieses Zusammenschleppen nach einem Ort verloren haben, und daß diese Verbindung von Dingen verschiedener Jahrhunderte sehr willkürlich sei. Man findet Sachen aus dem zehnten und fünfzehnten Jahrhunderte oft in einem und demselben Zimmer. Aber — welche Zeit hätte nicht die Gegenstände der vorhergehenden Zeit angehäuft? Das thaten die alten Ritter auch. Jean Paul sagt sehr richtig: „Jede Zeit besteht aus zwei Theilen; dem Schluß der vorhergehenden und dem Anfang der folgenden Periode.“ Die Burg ist schön! Herr Riedel verdient Dank für den Kunstsinn, mit dem er sie aufführen ließ.
Am Nachmittag gingen wir wieder spazieren, und nun war es viel kühler und angenehmer. Der Theil der Anlage, zu dem wir nun kamen, war auch waldreicher. Ehe wir nach Hause fuhren, mußten wir Abendbrot essen. Es war im großen Saal gedeckt, der Tisch war herrlich mit Blumen geschmückt; aber der Garten war doch besser, und es dauerte nicht lange, so nahm Jeder seinen Stuhl, seine Serviette und Teller, und lagerte sich draußen vor der Gartenthür. Einige setzten sich auf die Treppe. Castelli war sehr heiter, setzte sich früher als wir an den Tisch, spielte den Gourmand in Wiener Dialect und kostete alle Gerichte, ehe wir etwas davon bekamen. Wenn die Wirthin lachend fragte, was er haben wollte, so sagte er: „Küß' die Hoand, i will Oalles hoaben, gäben's mir erscht a was Schuncken.“ So endigten wir diesen Tag in heiterem Kreise und fuhren wieder zur Stadt zurück.
Eine Hinrichtung.
Vor ein paar Tagen wurde ein Mensch hingerichtet, der seine Schwester ermordet hatte. Er wurde vor der Stadt an einer hohen Säule, die die Spinnerin am Kreuz heißt, aufgeknüpft. Die Säule ist altgotisch; eine weibliche Gestalt in Stein ausgehauen spinnt unter dem Kreuze. Sie sollte eher, gleich der dritten Parze, mit der Scheere schneiden. Vielleicht spinnt sie Hanf. Die eigenthümliche Lust, die ich in meiner Jugend hatte, Hinrichtungen zu sehen, war bei mir vergangen, und ich war nicht Zuschauer. In einem gedruckten Berichte versicherte der Prediger, daß der Sünder bekehrt, bevor er gehängt worden sei. Ich las ihn nicht; aber ich hatte Struensee's Bekehrungsgeschichte von Mynter gelesen und glaubte, es würde wohl etwas Aehnliches sein. Es traf sich ein paar Tage darauf, daß ich in der Bildergalerie war, wo ich ein sehr merkwürdiges Bild betrachtete, welches auch eine Bekehrungsgeschichte vorstellte. Das Bild zeigt Christus wie er nach Golgatha geht, gebeugt sein Kreuz tragend. Aber vor ihm fahren die zwei Schächer auf Karren und haben Mönche bei sich, welche den Sündern das Krucifix vor die Augen hielten, und sie durch die Erinnerung an den Tod Christi trösten.