Die Dichtung in ihrem Verhältniß zur christlichen Religion.
Ich antwortete:
„Wodurch verdiene ich die kränkenden Anschuldigungen, die Sie gegen meine höhere Menschlichkeit, das ewig Heilige, das sich mit der Gottheit und Ewigkeit verbindet, aussprechen. Worin habe ich in meinen späteren Werken eine Abweichung von meinem höhern Ziele gezeigt. Wahrlich, ich würde sehr betrübt sein, wenn ich nicht fühlte, daß meine Seele sich entwickelt und veredelt hat. Ich behaupte auch, daß mein Palnatoke, Axel und Valborg, Correggio und Stärkodder den Beweis dafür liefern. In Hakon Jarl zeigt sich noch der polemische Gegensatz zwischen der Form des Christenthums und der des Heidenthums. Hiermit sympathisirt Ihr polemischer Character am Meisten. Das Christliche äußert sich daselbst auch mehr in hervortretenden lyrischen Sentenzen Olaf's, der übrigens noch ein sehr mäßiger Christ war. In den anderen Stücken ist nicht vom Christenthum die Rede; aber ich glaube, es findet sich mehr wahres Christenthum darin. Denn die Ideen von der Versöhnung, der Liebe, die unverschuldeten Leiden der liebenswerthen Tugenden und die ewige Hoffnung werden in der Handlung dieser Stücke dargestellt und müssen einen Jeden, der nicht absichtlich seine Augen schließt, überzeugen, daß nicht irdische Eitelkeit ihren Verfasser begeistert hat.“
„Wie wir auch die christliche Offenbarung betrachten mögen, so muß man sie doch ihrem eigenen Geiste nach für das ewig Göttliche halten, das in der Zeit auf eine sinnliche Weise anschaulich wurde; Gott war es, welcher Mensch: der Geist, welcher Fleisch wurde und unter uns wohnte. Das Göttliche müssen wir als unveränderlich betrachten; aber das Sinnliche, das Menschliche, gehört der Zeit und wird mit ihr verändert. Statt sich nur stets an dem Christusbilde, wie die historische Bibelnachricht es umgiebt, zu halten, sucht der Dichter den Geist Christi mit mehreren Bildern zu vereinigen. Dies ist sein Wesen, und ohne dieses giebt es keine Dichtkunst.“
„Die ewige Liebe hat sich sowohl vor, wie nach Christus offenbart; er selbst steht als das schönste, heiligste Beispiel der Vereinigung des Göttlichen und Menschlichen da. Aber seine Stellung ist so hoch, daß der bescheidne Dichter, der daran verzweifelt, ihn so herrlich darstellen zu können, wie er es verdient, sich lieber in Demuth an etwas Menschliches wendet, das ihm gleich ist, und einen Schimmer seiner himmlischen Tugenden hat. Das Licht bricht sich in Farben; mit diesen können wir malen, nicht mit dem Lichte selbst. Ich habe Nichts dagegen, daß man dies ein Spiel mit dem Geistigen nennt; es ist ein Spiel, wie Correggio sagt; aber dieses Spiel schließt den höchsten Ernst in sich. Auch nach der Abrundung von Schönheit in der Kunst, welches Sie gleichfalls als etwas sehr Untergeordnetes zu betrachten scheinen, strebt der wahre Künstler; denn Schönheit ist nichts Anderes, als die vollkommene Form des Guten, und Abrundung ist Reife und die Herrschaft des Künstlers über das Werk.“
Damit war der Briefwechsel geendigt, und kurz darauf wiederholte Grundtvig in seiner Weltchronik, was er mir im Briefe gesagt hatte. Ich fühlte, wie unmöglich es mir werden würde, mit diesem Manne zu sympathisiren, dessen Feuer, Begeisterung, Beredsamkeit ich bewunderte, und von dessen gutem Willen ich überzeugt war, dessen Gefühl und Lebensanschauungen aber in zu starkem Gegensatz zu dem meinigen standen. Hier, wie so oft, erkannte ich die Wahrheit von Göthe's Worten:
„Ganz vergeblich versuchst Du des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;
Aber bestärken kannst Du ihn wohl in seiner Gesinnung,
Oder wär er noch neu, in Dieses ihn tauchen und Jenes.“
Ein Winter in der Heimat.
Den größten Theil des ersten Winters nach meiner Rückkehr nach Kopenhagen brachte ich in großen Gesellschaften zu; um mich wieder zu erholen und eine alte Freundschaft aufzufrischen, zog ich ein paar Wochen nach Friedrichsburg hinaus, wo mein Jugendfreund Winckler Regimentschirurg war. Während dieser Zeit war ich sein Gast. Wir wanderten in der stillen Winterlandschaft weit umher, sprachen viel mit einander und frischten alte, liebe Erinnerungen auf. Er machte mich mit der Familie des Justizraths und Gestütmeisters Nielsen bekannt, wo ich doch nicht den jungen Mann fand, der einige Jahre später so sehr viel zu dem glücklichen Erfolge meiner Tragödien auf der Bühne beitragen sollte. Es machte mir vielen Spaß, all' die gewaltigen Hengste ihre Capriolen machen zu sehen; einer der schönsten und stärksten von ihnen war Palnatoke genannt. Aber auch kleinere Thiere amüsirten mich in Friedrichsburg: ich hatte ein Zimmer gemiethet, da Winckler keines übrig hatte; hier waren Mäuse, und ich zog eine von diesen so, daß sie an mein Bein hinaufkroch und etwas Brot aß, das ich dort hinlegte, während ich am Ofen saß und las. Bei der kleinsten Bewegung schlüpfte das Thierchen wieder in sein Loch. Ich dachte hierbei an Norkroff und viele andere arme Gefangene, die in solcher Gesellschaft ihren einzigen Trost und Zeitvertreib gefunden hatten.