Der Dichter muß dem Ideale nachstreben; das menschlich Schöne besteht in einer harmonischen Verbindung geistiger und körperlicher Vollkommenheiten. Zu verschiedenen Zeiten hat bald das Geistige, bald das Körperliche geherrscht; der Dichter muß Etwas von Beiden aufgeben, um sie Beide vereinigen zu können. Seine Helden dürfen weder Barbaren noch Philosophen sein, sondern kräftige Menschen mit Verstand und Herz. Er muß also Etwas von der Bildung und Milde seiner Zeit über die allzu wilde Kraft der alten Heldenzeiten ausbreiten. Diese giebt die Handlung und die Charactere, aber er muß zu großem Theile die Barbarei entfernen. Kurz, er muß im Geiste Palnatoke's handeln, wenn dieser sagt:
„Ihr Brüder! Kraft und Frömmigkeit, das sind
Die beiden Flammen, die ins Leben strahlen.
Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage,
Und weckt mit ihren starken Sommerstrahlen
Die schönen Blumen aus dem todten Grunde;
Es leuchtet Frömmigkeit ein bleicher Mond,
Verleiht den Blumen ihren schönsten Reiz.
Doch diese beiden Flammen müssen wechseln!
Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen,
So wird der Garten einer Wüste gleich,
Der Held ein Irrlicht; strahlt der Mond
Beständig seine frommen matten Flammen,
So schwindet bald des Lebens Macht, der Mensch
Wird zum Gespenste, das vor seinem Tode
Umherirrt in der Nacht verschwiegnen Gräbern.“
Die Grundtvig'sche Schule.
In diesem Geiste habe ich meine Tragödien gedichtet. — Aber bei meiner Rückkehr fand ich einen neuen Absenker der neueren Schule mit einiger Variation der vorigen, aber doch in demselben Geiste, dessen Anführer Grundtvig war. Dieser geniale, aber — meiner Ueberzeugung nach — allzu einseitige und schwärmerische Mann hatte mit zwar seine „Scenen aus dem Untergang des Heldenlebens“ dedicirt, aber ich bemerkte doch bald, daß er zugleich gegen mich kämpfte.
Trotz all' der Huldigungen und des Lobes, das ich von ihm bekommen hatte, konnte ich doch nicht sonderlich zufrieden sein; seine Ansicht war, daß ich den ersten — halb geglückten, halb mißglückten — Versuch gemacht, und so eigentlich nur Anderen den Weg gebahnt habe. Ich las Grundtvig's Heldenscenen, und obgleich diese, wie er selbst sie nennt, nur Gespräche ohne dramatische Handlung und Kunst sind, so staunte ich doch über das Feuer und die Kraft in der Sprache, über die Vertrautheit mit den alten Sagen, welche ihn mit Wörtern und Ausdrücken und mit vielen characteristischen Zügen in den Schilderungen bereichert hatten, die dieses Buch zu einem merkwürdigen Produkte der dänischen Literatur machen. Er war in einer gewissen Richtung der Geschichte um einige Linien auf dem poetischen Compaß näher gekommen, als ich; aber alle seine Helden waren doch nur lyrisch begeisterte Wortführer der rohen Kraft; und dies geht sogar so weit, daß Vagn Akison ohne Mißbilligung der Anderen damit prahlt, einem Sklaven ein Auge ausgeschossen zu haben, als er es versuchen wollte, Palnatoke's Schuß nach dem Apfel auf des Sohnes Haupte nachzumachen. In der ältesten nordischen Geschichte finden sich doch nur wenige Züge solchen aristokratischen Hochmuths und solcher Grausamkeit, an denen die Geschichte des Mittelalters so reich ist. Was die objectiven Darstellungen betraf, so wagte ich stets zu glauben, daß ich mehr altnordisch sei, als Grundtvig, bei dem das subjective Streben sich stets vorherrschend äußerte.
Mein Briefwechsel mit Grundtvig.
Er ging bald einen ganz entgegengesetzten Weg. — Er bewunderte nicht mehr Thor's Hammer; nicht das Christenthum, wie ich es fühlte, stellte ihn zufrieden; er schrieb mir ein Mal einen Brief, und ich beantwortete ihn. Da wir später unsere Ansichten nie unterdrückt haben und diese in der langen Zwischenzeit wohl kaum viel verändert worden sind, will ich hier diese Briefe auszugsweise mittheilen. Grundtvig schrieb:
„Wie ich über Sie und Ihre Werke urtheile, wissen Sie vielleicht; aber ich will es Ihnen doch sagen; denn ich will mich nicht bei Ihnen einschmeicheln, unser Verhältniß aufklären will ich, damit es dann von unsern Herzen und nicht von Mißverständnissen abhängt, welche Stellung wir einander gegenüber einnehmen sollen.“
„Wenn Sie einst in der Erinnerung die Stimmung bei sich wiedergebären wollen, in der Sie Ihre poetischen Schriften dichteten, und sich diese Stimmung als eine feste, ruhige Ueberzeugung denken, von der Alles getrennt ist, was nicht im Christenthume wurzelt, so werden Sie besser, als es Worte auszudrücken vermögen, fühlen, wie ich Ihre neue Dichterlaufbahn beurtheilen muß; denn daß Sie, nachdem Sie Hakon Jarl's Denkmal beendigt hatten, eine neue einschlugen, ist Ihnen sicherlich bewußt. Daß ich nicht blind bin für die Schönheit Ihrer späteren Gedichte sowie für die bei Weitem größere Abrundung und Proportion derselben, werden Sie mir auf mein Wort glauben; aber es versteht sich von selbst, daß es mich innig betrüben muß, daß der religiöse Ernst Ihre Gedichte mehr und mehr verlassen hat, und in Ihren letzten Arbeiten durch ein gewisses Spielen mit dem Geistigen verdrängt wird, wie auch, daß ich diese Gedichte im Grunde viel weniger poetisch (begeistert) nennen muß. Am meisten schmerzt mich dies, weil eine solche Umwandlung ihren Grund im innersten Wesen des Dichters findet. Daraus folgt, daß er das ernste Nachdenken über sein eigenes geistiges Verhältniß zu Gott als dessen Diener auf Erden aufgiebt; daß er mehr Gewicht darauf legt, zu glänzen und Ehre und Beifall zu gewinnen, als seine Brüder zur Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit zu erheben.“
„Ich weiß, daß Sie und viele Andere in mir einen Schwärmer und Fanatiker sehen, aber glauben Sie mir, ich bin es nicht. Wenn das Leben eine Farce ist, welche endigt, sobald der Vorhang des Todes fällt, so habe ich entschieden Unrecht; aber das ist nicht zu befürchten; ich bin meiner Sache gewiß. Gäbe Gott, daß es mit Ihnen ebenso wäre! dann würde Ihr Herz eine reinere und stetigere Freude erfüllen, ein höherer Geist Ihren Gesang beseelen und Sie wieder mit ihren seltenen Gaben ein strahlendes Licht für tausend Ihrer Brüder werden, die in dem Schatten des Todes schlummern und unstet auf Irrwegen umherwandeln.“