Das Mißgeschick.

Ich hatte mir im ersten Winter nach meiner Rückkehr ein großes Zimmer gemiethet, in dem auch mein Bett stand. Hier empfing ich fleißig Besuch. Mein alter Freund Weyse kam auch zu mir, und wollte durchaus haben, daß ich ihm gleich ein Singspiel schreiben solle, welches er componiren könne. Hier fing nun mein Mißgeschick an; in dem sichern Vertrauen auf mein poetisches Ansehen und den Beifall, den ich unbedingt genoß, beeilte ich mich, mitten in dem Schwarm von Besuchen und Unterbrechungen eine Skizze, Faruk, zu entwerfen, die zwar nicht ohne Poesie war, aber doch keine strenge Kritik aushalten konnte. Weyse war sehr zufrieden damit und ging gleich an die Arbeit. Als er fertig war, mußte ich zum Könige hinauf gehen, und um ein Benefiz auch für den Componisten bitten; denn es war nur eins für den Verfasser bestimmt, das wir dann hätten theilen müssen, und damit war Weyse nicht zufrieden. Der König war im Anfange dagegen, und machte es mir zum Vorwurf, daß ich das Stück nicht Kuntzen, der Kapellmeister war, gegeben hatte; als ich aber seiner Majestät vorstellte, daß ein so großes Genie, wie Weyse, doch auch Gelegenheit haben müsse, sich zu zeigen, fand er sich darein, und bewilligte Jedem von uns ein Benefiz. Das erste kam mir zu; aber ich überließ es Weyse. Dasselbe mußte ich ein paar Jahr später mit Ludlams Höhle thun. Bei Faruk aber, das auch nicht gut gegeben wurde, begannen nun allmälig sich die Wolken des Tadels gegen mich zusammenzuziehen. Von Deutschland aus hatte ich weiter keine Hülfe, obgleich Correggio auf allen Bühnen gespielt wurde und eine Reihe von Jahren hindurch außerordentliches Glück machte. Aber — ich hatte nun Göthe gegen mich, ich hatte die sogenannte romantische Schule verlassen, und dadurch Tieck und Steffens gegen mich lau gemacht. Meine Gegner und Neider in Dänemark fingen an, die Köpfe zusammenzustecken. Sander war immer feindlich gegen mich; er hatte zwei Stücke: „das Hospital“ und „Knut Lavard“ geschrieben, die ausgepfiffen wurden; nicht von einer einzelnen kleinen Partei der Menge gegenüber, sondern die Menge selbst verurtheilte sie. Daran sollte ich nun Schuld sein, obgleich ich während der Execution nicht zugegen gewesen war und die Stücke vor meiner Heimkehr nicht kannte.

Sander und seine „Alphabete“.

Sander hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, ehe er herkam und rühmte sich oft aller der „Alphabete,“ die er herausgegeben hatte. Das Glück, welches sein Niels Ebbesen machte, der Dänisch geschrieben war, nachdem er die Fertigkeit der Sprache erlangt hatte, übte einen schädlichen Einfluß auf seinen moralischen Character aus. Ein paar Jahre lang ging er in dem Glauben umher (in dem auch Rahbek ihn bestärkte), daß er ein sehr großer Dichter sei, und — wenn er so fortführe — Dänemarks erster Tragiker werden könne. Das Alles fiel nun zu „Hospital“ und „Knut Lavard“ hinab, und die Verachtung, die diesen matten Arbeiten gezeigt wurde, machte ihn ganz verdreht im Kopf. Ich habe erzählt, daß er eine kurze Zeit in der Schule für die Nachwelt, als ich noch Zögling daselbst war, Unterricht im Deutschen gab. Daß dieser Zögling vier Jahre darauf ihn verdunkeln würde, hielt er der Natur nach für ganz unmöglich und betrachtete es als eine abscheuliche Kabale. Ich erstaunte im hohen Grade, als ich den Mann, der in der Schule unablässig Tugend und Humanität im Munde führte, so schwach sah, daß er sich zu schamlosen Angriffen meines moralischen Characters herabließ. Es ging so weit, daß einer meiner Freunde ihm mit dem Gerichte drohte. Vor diesem Freunde that er privatim Abbitte, und entschuldigte sich damit, daß er krank geworden wäre, wenn er seiner Galle gegen mich nicht Luft gemacht hätte.


Die Dichtung und das Strenghistorische.

Aber Sander war nicht mehr gefährlich; dagegen traf ich bei meiner Heimkehr einen gewissen historischen Eifer an, der der Poesie mit dem Untergange drohte. Durch Dichterwerke angeregt, hatte man gelernt, die alten Heldensagen zu schätzen; man legte sich gründlich auf dieses Studium, und das war gut und recht; aber nun fand man, daß die Dichter die Geschichte allzu oberflächlich behandelt hätten; man meinte viel weiter in der Kunst zu kommen, wenn man sich nur an das Strenghistorische hielte. Die Dichter sollten treue Bilder des Alterthums zeichnen, durchaus ihre eigne Natur, die eigne Zeit, ihre Denkungsart verleugnen und sich in eine barbarische Zeit versetzen; erst dann erhielten ihre Werke tiefere Bedeutung, Wahrheit und Schönheit. — Ich glaubte und glaube noch, daß die Poesie sowohl Vergangenheit, wie Gegenwart, und weder das eine oder das andere allein sein sollte. Ich unterschrieb Schiller's Worte:

„Alles wiederholt sich hier im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie;
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie.“