Mit meinen Freunden, den Professoren Peter Erasmus Müller, Jens Möller und dem Arzt, Etatsrath Herholdt, setzte ich den Umgang fort, und wir spielten oft L'hombre zusammen. An P. E. Müller knüpfte mich besonders unsere gemeinsame Liebe zu dem Altnordischen. Mein Jugendfreund J. P. Münster, damals Prediger an der Frauenkirche, war auch in der Professorengesellschaft gewesen; er heirathete eine Tochter des Bischofs Münter, wir besuchten einander und sahen uns oft bei Rahbeks und Münters.
Siboni.
Ungefähr zu der Zelt kam ein Mann nach Kopenhagen, der Epoche in der musikalischen Welt machte, der Gesanglehrer Siboni. König Christian VIII. hatte, als Prinz, ihn in Italien kennen gelernt, wo Siboni sich als Tenorist auszeichnete; später wurde er Singmeister, und fast ebenso berühmt, wie jetzt Garcia geworden. Was Wunder daß man ihn unter sehr günstigen Bedingungen nach Kopenhagen rief. Der große, sehr schöne, kräftige Italiener kam, und machte gleich in der vornehmen Welt und besonders bei den Damen großes Glück. In den ersten Jahren spielte er zuweilen auch eine musikalische Heldenrolle auf der Bühne; aber obgleich er wie ein Held aussah, und sich einen Theil von Talma's Manieren angeeignet hatte, so ward ihm doch bisweilen die Stimme untreu, und wenn er gleich den Mangel an Kraft im Tone durch Triller und Rouladen zu verbergen suchte, so half das doch nicht viel, und er hörte bald selbst auf, als Sänger zu wirken. Dagegen wurde er nun ein vortrefflicher Gesanglehrer, dessen unser Theaterpersonal dringend bedurfte, auch bildete er einige gute Schüler, obgleich sein Umgang mit den Großen, die ihn Alle zum Privatlehrer für ihre Töchter haben wollten, ihm viele Zeit raubte.
Musikalische Zustände.
Einige Jahre vorher war Rossini aufgetreten und setzte die Welt durch sein Genie in Erstaunen. In seinen Opern hatte Siboni geglänzt, er konnte sie auswendig, betete ihren Componisten an; was Wunder, daß er versuchte, sie auf die dänische Bühne zu verpflanzen? Aber hier traf er auf Widerstand. Weyse und später Kuhlau hatten auf die dänische musikalische Welt eingewirkt, wo vorher Naumann, Schulz und Kuntzen geblüht hatten. Fremde, welche diese nicht kannten, beschuldigten die Dänen, unmusikalisch zu sein. Viel vortreffliche Stimmen haben wir nicht gehabt; die rauhe Luft in der Nähe des Meeres, der häufige Wind und Regen wirken nicht wohlthätig auf die Stimme ein; daß diese Elemente aber auch auf das Ohr und die Seele in Bezug auf Empfängniß musikalischer Eindrücke ungünstig einwirke, wäre wohl thöricht zu behaupten. Das tiefe Gefühl für das Poetische in der Musik hat der gebildete Däne wohl eben so gut, wie für die Poesie selbst; und dramatische Musik, welche Leidenschaften, milde Gefühle und Charaktere ausdrücken soll, muß immer poetisch sein.
Rossini, der schon als kleiner Knabe mit seiner Mutter auf dem Theater sang, entwickelte früh sein Talent, aber erst später seinen Geschmack und sein Gefühl. Nach vielen mittelmäßigen Versuchen componirte er die Oper Tancred, die außerordentliches Glück machte. Es zeigte sich außer der fruchtbaren Phantasie in der Erfindung von Melodieen, in Rossini's Compositionen eine Richtung, welche neu war, und also Aufsehen machen, eine Modesache werden und zur Nachahmung reizen mußte. Sowie Haydn und Mozart den eigentlichen Gebrauch der Blasinstrumente in die Musik einführten, so versuchte Rossini die menschliche Stimme selbst zu einem Blasinstrumente zu machen. Kein Instrument erreicht die Menschenstimme an Wohlklang; Rossini fand, daß besonders die Frauenstimme ebensogut wie Oboe, Violine und Clarinette, die schwierigsten Passagen in der Musik ausführen konnte. Nun componirte er Gesangsnummern, in denen Dieses stattfand, wo der eigentliche Gesang ganz von Trillern, Rouladen u. s. w. betäubt und verziert wurde, sodaß derselbe eine untergeordnete Rolle spielte. In seinem Vaterlande fand er schöne Stimmen, die durch Uebung vermochten, diese Compositionen mit größter Reinheit, Gewandtheit und Stärke auszuführen. Was Wunder, daß diese neue Erfindung, dieser bisher nicht dagewesene Genuß, eine außerordentliche Wirkung auf die Menge ausübte, die überhaupt stets mehr von dem Sinnlichen als dem Geistigen hingerissen wird. Ja selbst die tiefer und wahrer Fühlenden erstaunten über diese neue Erfindung, und die seltene Virtuosität in der Ausführung sagte ihnen im Anfange zu. Aber bald sahen alle wahren Kenner ein, daß dieser Luxus, wenn er fortgesetzt und übertrieben würde, zum Untergange des reinen Geschmackes und der wahren Musik beitragen müsse, weil dieser sich zu sehr von der Natur entfernte. Die italienische Musik hat oft an solchen Ausschweifungen und Uebertreibungen gelitten. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts wollte Papst Marcellus II. die entartete Musik, als des Gottesdienstes unwürdig, aus der Kirche vertreiben, als Palästrina sie rettete.
Der abscheuliche Mißbrauch, Castraten Liebhaber spielen zu lassen, veränderte sich nun in Rossini's Zeit so weit, daß jetzt Frauenzimmer mit starken Altstimmen Liebhaber spielten, denn wirkliche Männer darin auftreten zu lassen — zu einer solchen Trivialität konnte die italienische Kunst sich nicht herablassen — deshalb hatte stets ein Frauenzimmer den Helden Tancred gespielt und gesungen, und das geschah auch hier. Diese musikalische „Haupt- und Staatsaction“ hat mir, trotz aller seiner schönen Melodieen und seines brillanten Accompagnements nie gefallen.
Da nun Siboni durchaus kein Interesse für die deutsche, französische und dänische Musik hatte, da bei festlichen Gelegenheiten nur Rossini'sche Opern aufgeführt wurden: so weckte dies das Mißvergnügen des Nationalgefühls, und gab Veranlassung dazu, daß sich eine Partei im Theater bildete, die, um sich zu rächen, stets die italienischen Opern auspfiff, welche den Tag nach dem Feste aufgeführt wurden, was gewiß sehr ungerecht war. Aber sie entschuldigte sich damit, daß sie nicht die Musik, sondern die Wahl der Opern auspfiff. Der Hof stand ganz auf Siboni's Seite; ich hatte gehört, daß der König böse auf mich sei, weil er glaubte, daß ich Theil daran hätte; ich eilte zu ihm hinauf, um ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. „Ja,“ sagte er, „ich glaube wohl, daß Sie nicht unmittelbar daran Theil genommen haben, aber doch mittelbar.“ „„Weder mittelbar noch unmittelbar, Ew. Majestät!““ antwortete ich; „„ich hasse Spectakel im Tempel der Kunst zu sehr, und habe selbst zu viel durch Kabalen gelitten, als daß ich sie gegen Andere ausüben sollte.““ „Ja, ja!“ antwortete er und legte die Hand auf meine Schulter: „ich weiß, Sie sind ein braver Mann.“ Damit ging ich.