Siboni war also eine Zeitlang hier der Herrscher über den Geschmack in der Musik. Es ist natürlich, daß man mehrere komische Anecdoten von dem feurigen Italiener erzählte, der auch gleichsam das Dänische auf seine Lippen zwingen wollte, ehe er es konnte. Seine Unwissenheit in der Sprache gab auch zuweilen Veranlassung zu lächerlichen Mißverständnissen.
Nun lernten wir also recht Rossini kennen, dessen Moses, Othello und besonders Wilhelm Tell ihn von einer viel größern Seite zeigten, als wir ihn anfangs gekannt hatten. Auch der herrliche Bellini, dessen Norma eine unvergleichliche Musiktragödie ist, erfreute uns. Den außerordentlichen Lärm und die Ausschmückungen durch Fiorituren vergab man gern dem Genie, wenn nicht die wirkliche Schönheit dadurch übertäubt und versteckt wurde, sowie später von Donizetti und besonders dem ebenso lärmenden, wie melodie- und characterlosen Verdi, der Jericho's Mauern durch Posaunentöne einstürzen läßt, wenn ein Mädchen eine süßliche Liebesarie singt; dessen tragische und komische Musik ganz in demselben Styl ist, und der das rothe Meer wie Eulenspiegel (aber ohne Witz) malt, indem er die ganze Wand mit Zinnober bestreicht; fügt man nun noch hinzu, daß diese lärmenden Opern nur einigermaßen damit entschuldigt werden können, daß sie für ungewöhnlich große Schauspielhäuser componirt sind, so fiel diese Entschuldigung ganz fort, wenn man sie in einem kleinen eingeschlossenen Raume, wie unser Hoftheater, hören mußte, wo sie — was mich betrifft — wie eine Bremse brummten, die Einem in's Ohr gekommen war.
Die Vaudevilles.
Man erzählt von einem preußischen Prinzen, daß er, als er einmal aus diesen Stücken herauskam, wo sein Ohr sehr gelitten hatte, sich an der milden Einwirkung des Zapfenstreichs erquickte, der ihn auf der Straße entgegenkam. Auf eine viel angenehmere Weise sorgte J. L. Heiberg für unsere musikalische Erfrischung. Er verfaßte eine Reihe burlesker Comödien, die er Vaudevilles nannte; aber sie standen sowohl im komischen Humor, wie in musikalischer Beziehung, weit über den meisten französischen Vaudevillen, von denen sich doch einige in der idyllischen und historisch-charakteristischen Art auszeichneten; Heiberg's Stücke waren alle Das, was die Franzosen Farcen nennen; aber meine Leser wissen, daß ich mit dieser Benennung nichts Tadelndes verbinde, da ich, im Gegentheil, selbst Schauspiele dieser Art gedichtet habe. Daß später mein Freia's Altar, den ich wohl an die Seite der Heiberg'schen Farcen zu stellen wage, in seiner fliegenden Post als ein jämmerliches Product heruntergerissen wurde, darein mußte ich mich, wie in so vieles Andere fügen. Diese Stücke sind ohne Zweifel im Besitz von Humor und luftigen Situationen; hierzu kommt, daß sie in musikalischer Beziehung weit die französischen Vaudevilles überragen, deren Dialog jeden Augenblick von einem einzelnen Vers unterbrochen wird, welcher einen kleinen witzigen Einfall (pointe) enthält, auf eine bekannte Melodie von Schauspielern gesungen wird, die gar keine Sänger sind ja größtentheils nicht singen können, und insofern gar keine Prätensionen machen, sodaß der Vortrag bei ihren Liedern mehr Recitation als Gesang genannt werden kann. Auf unserm Theater, wo Schauspiel und Singspiel verbunden sind, konnte Heiberg wirkliche Sänger anwenden. Seine musikalische Bildung und sein Geschmack gaben ihm Gelegenheit, ganz vortreffliche Musiknummern zu wählen, die durchaus zum Gegenstande paßten, was nicht wenig zum Erfolg der Stücke beitrug. Was ihnen aber noch mehr Beifall erwarb, war die Art, wie sie nach den Talenten der Schauspieler berechnet waren. So machte „König Salomon und Hutmacher Jürgen“, das in den Hauptsituationen große Aehnlichkeit mit dem Singspiel: der Einzug, vom Vater des Dichters, hatte, außerordentliches Glück, hauptsächlich durch Ryge's vortrefflichen Juden. In den „Aprilnarren“ stellte der herrliche Winslöw einen ganz eigenthümlichen Charakter in Zierlich dar. In „Der Recensent und das Thier“ und in „die Unzertrennlichen“ stand Rosenkilde als ein würdiger Nebenbuhler Brünet's und Potier's in seinem unvergleichlichen Trop und Hummer da. In „Die Dänen in Paris“ und in „Kjöge's Hauskreuz“ bewunderten wir Phister's herrliche, vortreffliche, dänische Bauerjungen. Was aber in diesen Stücken besonders dazu beitrug, ihnen die außerordentliche Kraft, mit der sie wirkten, zu verleihen, war: daß Thalia selbst vom Olymp herniederstieg und darin spielte. Sie trat zuerst vermummt, wie eine kleine tanzende Terpsichore im Ballet auf, und Heiberg war scharfblickend genug, um ihren Werth zu entdecken, sich ihrer anzunehmen, sie erziehen und in seinen Stücken auftreten zu lassen, wo sie alle Menschen durch ihre unbeschreibliche Grazie, ihre muntere Schelmerei, ihre Anmuth und ihr Genie hinriß. Später hat sie sein Leben als seine Gattin beglückt, und uns in vielen Rollen Gelegenheit gegeben, ihre Reife zu bewundern. Auch meine Stücke hat sie geehrt und ihnen genützt. Ihr Talent, einen liebenswürdigen Jungen zu spielen, zeigte sich in dem „kleinen Schachspieler“; in „Gyda“ war sie die tragische, abgelebte Hexe, und in „Dina“ und „Gudrun“ das anmuthige, blühende, eigenthümliche Weib.
Als ich eine Zeitlang Deutsch geschrieben hatte, gab ich meine dänischen Gedichte in drei Bänden heraus und schrieb einige Singspiele, ehe ich wieder größere Werke anfing. Es geht dem Dichter wie dem Maler; die Einförmigkeit ermüdet, die Abwechselung stärkt. Ein thätiger Geist kann nicht ganz ruhen. Aber es giebt eine leichtere Arbeit, die doch mehr erquickt, als die bloße Ruhe. Diese Arbeit kann auch ein angenehmer Genuß für den Leser und Zuschauer sein, dessen Geist nicht stets auf das Höchste gespannt sein will. Wenn man den Strom tragisch herabstürzen, die Quelle lyrisch durch Blumen dahin hüpfen gesehen, so kann man wohl zuweilen dem ruhigen muntern Bache folgen, wie er mit kleinen Steinen in seinem Bette spielt, oder im Schilfrohre schäumt. — Aber diese Freiheit versagte man mir. Ich durfte nicht komisch und lustig sein. Ich sei nicht komisch, sagten meine Tadler. Aber sie sagten es zu derselben Zeit, als sie behaupteten, daß ich auch nicht recht lyrisch, oder episch, oder tragisch, oder überhaupt echt dramatisch sei, daß all' meine Werke, bis auf die Romanzen, mehr oder weniger mißglückte Versuche seien, denen es an Charakter, Composition, Gedankenreichthum und Witz fehlte. Aber — mirabile dictu — doch sei ich ein wahres Genie und ein großer Dichter! — Also nur die Phantasie und das Gefühl sollten zuweilen unbewußt und wie im Traume über mich kommen und mich den Parnaß, wie einen Nachtwandler das Dach, im Mondenscheine ersteigen machen. Uebrigens war es merkwürdig, daß größtentheils Poeten, oder Leute, die selbst Verse machten, mich so streng tadelten.
Die Flucht aus dem Kloster.