Er hatte viel natürlichen Witz, von dem ich einige Züge anführen will. Als er einmal in der Stadt bei einer reichen Freundin zu Mittag gespeist hatte, wo aber der Ueberfluß nicht stets mit Geschmack und Ordnung vereinigt war, und wir nach der Rückkehr ihn fragten, wie es ihm gegangen sei, antwortete er: „Vortrefflich, ich lebte grade so gut wie Christus am Kreuze, ich bekam Essig und Myrrhen.“ Der König kam einmal hinaus, um eine Fuchsjagd im Südfelde zu halten. Die Treiber umringten es klappernd. Am Eingange zum Südfelde stand mein Vater und machte als Schloßverwalter die Honneurs. Der König ging voran und die Hofherren folgten in geringem Abstande nach. „Guten Morgen, Oehlenschläger,“ rief der König, „sind viel Füchse im Südfelde?“ — „„Noch nicht, Euer Majestät!““ antwortete mein Vater sich tief verbeugend, mit einem Blicke auf die Hofherren, „„aber sie werden gleich kommen.““ Das Gelächter, das Friedrich der Sechste aufschlug, zeigte, daß er ihn verstanden hatte. — Aber nicht immer gefielen dem Könige die Antworten des Alten. Als er einmal mit ihm über einige Zimmer im Schlosse zur weiteren Benutzung sprach, sagte mein Vater: „Euer Majestät! s' ist kein Loch mehr da, groß genug, daß ein deutscher Prinz darin liegen könnte.“ Mit ernster Miene aber schonendem Tone, sagte der König zum Oberhofmarschall: „S' ist Oehlenschläger!“ Er meinte also, „dem man Etwas zu Gute halten muß.“ Als mein Vater einmal den König um freies Holz bat, fragte dieser scherzend: „Sind Sie nicht Holzverwalter?“ — „„Ja, Euer Majestät!““ — „Und Sie wollen mich glauben machen, Sie hätten nicht freies Holz?“ — „„Vielen Dank, Euer Majestät!““ antwortete mein Vater, indem er sich wegen der in scherzendem Tone gegebenen Erlaubniß tief verbeugte. Mit seiner alten Magd hatte er, wenn er allein saß, viel komische Gespräche. Als Organist an der Friedrichsberger Kirche war er gewohnt, Begräbnisse mit derselben Munterkeit zu betrachten wie Hochzeiten und Kindtaufen; denn bei solchen Gelegenheiten ertönte die Orgel und war Etwas zu verdienen. Eine stille Beerdigung war früher eine Strafe, die nur Selbstmörder und andere große Verbrecher traf. Eines Winterabends sagte er zu dem Mädchen, die in demselben Zimmer spann, wo er im Lehnstuhle las: „Hast Du Aeltern?“ — „„Nein!““ — „Verwandte und Freunde?“ — „„Nein!““ — „Na, das hat nichts zu sagen, Du sollst doch ehrlich begraben werden, wenn Du einmal stirbst, Du sollst einen großen, festen Sarg von gutem Fichtenholz bekommen, und für ein hübsches Leichenhemde will ich auch sorgen.“ Das Mädchen dankte sehr, konnte aber nicht begreifen, woher diese Güte käme, da ihr nicht das Geringste fehlte, und sie zwanzig Jahre jünger war, als er. Aber es war, als er da saß und las, ihm eingefallen, daß sich so etwas ereignen könne, und so wollte er aus lauter Sorge für das arme Mädchen, da er fürchtete daß die bevorstehenden Ausgaben bei der Beerdigung sie ängstigen könnten, ihr den Stein vom Herzen nehmen. Auf diese Weise konnte er ihr nun nicht helfen, da er früher als sie starb, aber er half ihr doch wirklich während seiner Lebenszeit, und das auf eigene Weise. Er spielte in der Lotterie. Der Collecteur wohnte in der Friedrichsberger Allee und besuchte ihn mitunter des Vormittags. Als mein Vater sich einmal darüber beklagte, daß er nie Etwas gewonnen hätte, rieth ihm der Andere, weiter zu spielen, „man könne ja nicht wissen, ob das Glück sich nicht wenden würde.“ Mein Vater nahm also ein Loos, schenkte es aber dem Mädchen, und diese gewann wirklich 500 Thaler. Einige Zeit darauf wurde derselbe Collecteur ergriffen als Betrüger, der durch Taschenspielerkünste alle Nummern ziehen konnte, die er wollte, und sich dadurch große Summen angeeignet hatte, die er nachher wieder mit Dirnen und vornehmen Gästen vergeudete. Zuweilen hatte er gute Freunde gewinnen lassen; es mußte also meinem Vater lieb sein, daß er nicht gewonnen hatte, aber das Mädchen nahm es nicht so genau und bekam auf diese Weise mehr als sie zur anständigen Beerdigung brauchte.
Gegen das Ende seines letzten Lebensjahres begann mein Vater zu kränkeln und litt oft an Erkältungen. Im Frühjahr 1827 bekam er das kalte Fieber, das oft wiederkehrte, und in der Hitze desselben starb er in einer frühen Morgenstunde. Als ich hinaus kam und seine freundliche Leiche in der kleinen Kammer sah, wo ich als Knabe so viele Jahre neben ihm geschlafen hatte, sang eine Nachtigall draußen im Baum. Und — sonderbar — ich habe nie, weder früher noch später, eine Nachtigall daselbst gehört. Einige Tage später fuhr er den Hügel hinab, den er so oft betreten hatte, und in der Kirche, in der er 46 Jahre lang die Orgel gespielt und Psalmen gesungen hatte, wurde sein Sarg vor dem Altar hingestellt, und sein würdiger Freund, Herr Hofprediger Schiödte, der, obgleich ein jüngerer Mann, viele Jahre mit ihm umgegangen war, sprach ehrende Worte an seiner Leiche.
Nun wurde mir also das Friedrichsberger Schloß, das mir während meines ganzen Lebens meine eigentliche Heimath gewesen war, eine fremde Stätte, und der liebe Heerd von einer andern Familie eingenommen. Zufälligerweise geschahen gleich nach dem Tode meines Vaters viele Veränderungen an dem Schlosse, dem Garten und der Landstraße, welche viel dazu beitrugen, mir das Wohlbekannte fremd zu machen. Der kleine Garten meines Vaters, den er aus einem Steinhaufen in ein fruchtbares Plätzchen umgewandelt hatte, lag neben dem der Kronprinzessin. So lange der Greis lebte, konnte sie es nicht über sich gewinnen, ihm denselben zu entziehen, aber, als er nun todt war, wurde das Plankenwerk fortgenommen, dieser Platz verändert und mit den übrigen Anlagen verbunden. Einige Fruchtbäume blieben stehen, und hier muß ich einen schönen Zug vom Herzen der Kronprinzessin anführen. — Im nächsten Jahre in der Kirschenzeit schickte sie meinen Kindern einen Korb mit Kirschen, in welchem ein kleiner Zettel lag auf dem von ihrer Hand geschrieben stand:
„Von des Großvaters Baum
Caroline“.
Ich habe diesen Zettel in mein Stammbuch geklebt.
Carsten Hauch.
Kurz nach dem Tode meines Vaters kam mein Freund Carsten Hauch von seiner Reise ins Ausland zurück. Das Wiedersehen erfreute mich, denn ich hatte lange den Umgang dieses herrlichen Freundes entbehrt. Seine Reise hatte seine Kenntnisse vermehrt und erweitert, und ihn mit vielseitiger Bildung bereichert; auch den Musen hatte er gehuldigt und brachte mehre Dichtungen heim, die er in Italien geschrieben hatte. Von diesen gefiel mir Die Hamadryade am Wenigsten; aber da Ludwig Tieck besonders dieses Gedicht (das auch Deutsch geschrieben war) gelobt und sich erboten hatte, es mit einer Vorrede herauszugeben — was übrigens unterblieb, — so wollte ich nicht widersprechen.
In Tiberius bewunderte ich das vortreffliche historische Portrait und fand, daß Hauch den Tacitus meisterhaft in Poesie übertragen habe. In diesem sowie in den übrigen Stücken herrscht eine edle Indignation über die empörenden Laster der Erde, die sich in beißender, tragischer Satire ausspricht. Die vielen schönen pathetischen Stellen, die originellen Bilder, z. B. Gregor's Beschreibung der Kirche, Tiber's Monologe, zeugen von wahrem Dichtergenie. Nur scheint es mir, als ob in diesen Tragödien und später besonders in Don Juan zuviel Grau in Grau gemalt sei.