Reise nach Leipzig.
Dresden. Dr. Carus.

Im Jahre 1830 machte der Buchhändler Heinrich Brockhaus mit seiner Frau eine Reise nach Kopenhagen. Er besuchte mich. Frau Brockhaus und meine Tochter Charlotte wurden bald sehr gute Freundinnen, und da sie mich baten, diese mit nach Leipzig nehmen zu können, und mich, sie im nächsten Sommer abzuholen, willigte ich gern ein. Ich traf dort im Juni 1831, wie es verabredet war, ein. Während dieser Zeit hatte Charlotte Deutsch wie eine Eingeborne gelernt, und corrigirte mich zuweilen, wenn ich Danismen sagte. Ich hatte auch den Fischer übersetzt und umgearbeitet, den, da er nicht zum Accord mit Max gehörte, Brockhaus verlegte. Prinz Friedrich von Sachsen war damals in Leipzig und hatte die Revue über die Communalgarde abgehalten. Friedrich Brockhaus war hier sein Adjutant. Der Prinz lud mich Abends im Theater in seine Loge ein, und ich versprach ihm, meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach Dresden kommen würde. Als wir von Leipzig abreisten, begleitete uns Charlotte's Freundin, Fräulein Ottilie Wagner, eine Schwester der Frau Brockhaus, nach Kopenhagen. Wir reisten zuerst nach Dresden und dann nach Berlin; aber ich hatte nicht Zeit, mich an diesen Orten lange aufzuhalten, da ich nach Hause mußte, um das Rectorat zu übernehmen. In Dresden war ich einmal bei dem Prinzen Friedrich zu Mittag. Hier traf ich den berühmten Dr. med. Carus, der in Dresden für eines der größten ästhetischen Lichter galt, und ein specieller Freund von Tieck war. Er kam mir nicht sehr freundlich entgegen, opponirte vornehm, und als die Rede auf Thorwaldsen kam, sagte Herr Carus, daß Thorwaldsen kein Bildhauer sei; er sei mehr Maler, und deshalb sei auch das Basrelief, das sich der Malerei mehr nähere, ihm am besten geglückt. Ich erstaunte höchlichst, und antwortete nur: „Wenn Thorwaldsen nicht Bildhauer ist, dann weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.“ Ich erinnerte mich meines Gesprächs vor 15 Jahren mit Tieck, als er sagte: „Wenn Canova ein Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist“ und ich dachte: „Ihr guten Leute; wüßtet Ihr nur was Ihr selbst seid.“ Ich konnte leicht einsehen, daß ich als Dichter nicht viel in Carus' Augen gelten konnte, da mein großer Landsmann so abgefertigt wurde.

Zusammentreffen mit Tieck.

Aber Tieck fand ich sehr liebenswürdig, er kam mir freundlich entgegen und das rührte mich. Ich las ihm meinen Fischer und die Drillingsbrüder von Damask vor, die ihm gefielen. Ich dedicirte ihm beide Stücke mit folgendem Gedicht:

„Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder;
Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus.
Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder,
Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus.
Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert,
Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist;
Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert?
Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?
Doch — wie die alten Bilder mich besuchen,
Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück,
Kehrt auch lebendig — unter meinen Buchen —
Des Freund's Erinnerung mir treu zurück.
Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen —
Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt,
„Ich habe nie verlangt, daß allen Bäumen
Dieselbe Rinde wachse,“ Lessing sagt.
Doch edler Tieck! wenn auch in ein'gen Dingen
Verschieden, stehen wir uns gar nicht fern:
Den Hippogryph mit breiten bunten Schwingen
Wir reiten nach dem Wunderlande gern.
Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen Britten
In Sturm und Sommernacht vorher geritten:
Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle Thränen
Stehn mir im Auge; Du bist wieder mein.
Holberg's Apostel und Du Freund der Dänen
Du hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!“ — —

Tieck schrieb in mein Stammbuch:

Freud' ist mir jetzt geworden,
Es bringt mir lieben Gruß,
Der Dichter aus dem Norden,
Und seinen Bruderkuß.
Er sprach: Warum denn richten?
Da noch die Kraft gesund?
Weit besser klingt das Dichten
Von einem Sängermund.
So darf der Dichter sprechen,
Dem hold die Muse lacht;
Er wird die Lorbeern brechen,
Die sie ihm zugedacht.
Dein freundliches Gemüthe
Hat sich mir längst bewährt;
Mit Deines Kindes Blüthe
Bist Du zurückgekehrt.
Sie spricht des Vaters Wahrheit,
Sie lächelt seinen Blick;
So bleibt denn Lieb' und Klarheit
Der Zukunft auch zurück.
Und neu mit Dir verbunden
Reich ich die Freundes-Hand,
Wie wir uns früh gefunden,
Hast Du mich nie verkannt.
Wir Sanges-Brüder wallten
Durch manchen schönen Raum,
Lebendig festzuhalten
Des Lebens Wunder-Traum.
Seh' ich einst Deine Auen?
Kehrst Du zu unsern Gauen?
Grüß ich Dich dorten, hie?
Doch, wie sich's mag gestalten,
Wir bleiben stets die Alten!
Entfremdet sind wir nie!!“

Dein treuer Freund und Bruder
Ludwig Tieck.

Burgstorph. Rumohr.

So verbrachte ich einige schöne Tage mit Tieck; ja eines Abends nahm er sogar meine deutsche Uebersetzung des Holberg hervor und las uns ein Stück daraus vor, während er sich gewöhnlich an die alte Uebersetzung zu halten pflegte, was er auch wohl später wieder that. Die pedantische Weitläufigkeit im Styl und die Plumpheit in den Ausdrücken, die Holberg selbst weit übersteigen, waren für ihn, der das Original nicht kannte, nicht abstoßend. Tieck war als vortrefflicher Vorleser bekannt; dieses Talent hatte er entwickelt, als er eine Reihe von Jahren, als die Gicht ihn am Gehen verhinderte, fast jeden Abend in einem Kreise von Freunden oder Reisenden, die ihn besuchten, eins oder das andere Dichterwerk vorlas. Die Aerzte hatten ihm diese körperliche Anstrengung gerathen, die also ebenso nützlich für ihn, wie angenehm für Andere wurde. Es war für ihn ein doppelter Nutzen; denn er machte sich dadurch eine große Menge von Freunden verbunden, welche seine Gastfreundschaft, und jeden Abend eine so schöne Unterhaltung in seinem Hause genossen. Freilich mußte es ihm viel kosten; oft waren zwanzig und mehr Menschen jeden Abend zum Thee da. Ob Tieck damals eine Pension hatte, weiß ich nicht. Er schrieb jedes Jahr eine Novelle für Brockhaus' Urania, die ihm sehr gut honorirt wurde. Aber er stand in einem andern merkwürdigen Verhältnisse, das so charakterisch war, daß es hier besprochen zu werden verdient. Durch seine außerordentliche Persönlichkeit — er hatte ein schönes Gesicht, dessen große, braune, feurige, und wenn er wollte, milde Augen, welche Alle einnahmen, die ihm begegneten — durch seine Beredtsamkeit, die oft satyrisch und polemisch war, schuf er sich eine große Partei. Da er nun ganz sein eigener Herr war, kein Amt hatte, durchaus nicht von der Zeit abhing, und sehr viel Lust spürte, umherzureisen, und Kunstwerke und Naturschönheiten zu sehen, so fand er sehr leicht junge enthusiastische Freunde, die nichts mehr wünschten, als in dem innigsten Verhältnisse mit ihm zu stehen, und das Leben mit ihm zu theilen. So fand er früh einen Baron Burgstorph, später den berühmten Rumohr, die beide reich waren, und eine Freude daran fanden, Das herbeizuschaffen, was Tieck fehlte. Auf diese Art reiste er wahrscheinlich nach Italien. Daß Rumohr später Tieck nicht leiden konnte, beweist Nichts, da Rumohr ein Sonderling und rechthaberisch hinsichtlich seiner Kunsturtheile war (wenn auch wirklich ein seltener Kunstkenner); er wollte auch Poet, wenigstens Novellenschreiber sein, und hat als solcher wahrscheinlich Tieck nicht gefallen. In spätern Jahren hatte sich eine Gräfin Finkenstein aus einer der ersten preußischen Familien der Tieck'schen ganz angeschlossen. Tieck's Frau war eine Tochter des Predigers Alberti, seine Töchter, Dorothea und Agnes, waren bereits erwachsen. Nun lebten sie mehrere Jahre zusammen, und die Einladungen von Tieck geschahen stets im Namen der Gräfin von Finkenstein. Sie freute sich während der Vorlesungen zugegenzusein, und ihre Augen beobachteten die der Zuhörer, um zu sehen, welchen Eindruck der Vortrag ihres Lieblings auf sie machte.