Gräfin Finkenstein. Böttiger.

Tieck las den Holberg mit seiner gewöhnlichen Virtuosität und Laune vor; aber es fehlte ihm natürlich Etwas vom nationalen Elemente. Ich hätte gern auch einmal ein Stück von Holberg vorgelesen, um Tieck eine Idee von der Art und Weise zu geben, wie wir Dänen den Dichter auffassen; auch mir ist zu Hause Beifall beim Vorlesen von Dichterwerken geworden, obwohl ich nur selten las. Aber — ich merkte wohl, daß Tieck ein Bedürfniß hatte, selbst zu lesen, und sprach also nicht davon. Wenn es Dramen waren, so ging es gut; zuweilen aber las er ganz lange Novellen vor, und das war zu viel. Auch glückte ihm das Komische viel besser als das Tragische, wobei er nicht selten in einen trockenen, manirirten Ton verfiel. Wenn nun hiezu kam, daß die Fenster selbst in den Hundstagen geschlossen werden mußten, so verursachte mir das eine Betäubung, die zuweilen in unbezwinglichen Schlummer überging.

In Dresden besuchte ich auch meinen alten Freund Böttiger. Seit dem gestiefelten Kater, in welchem Stücke Böttiger eine persönliche Rolle spielt, war kein gutes Vernehmen zwischen ihm und Tieck gewesen, wobei die Schuld wohl mehr an diesem als an jenem liegen mochte. Tieck sprach stets mit Geringschätzung von Böttiger, der vorsichtige, artige, alte Mann dagegen wägte stets seine Worte ab. Nur einmal, da es ungeheuer heiß war, sagte er mit schelmischem Lächeln: „Sie sollen Tieck heute Abend hören! Sie Glücklicher“!

In mein Stammbuch schrieb er:

„Zweizüngig ward einst Ennius genannt
Auch Du, mein Freund, hast, wie bekannt,
Unsterblichkeit Dir in zwei Schwesterzungen
Mit aller Musen Gunst errungen.
Teutonia und Daniska legt' ein Lorbeerreis
Dir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen Preis
Zweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?“


In Berlin ging ich gleich zu meinem alten Gönner, dem Grafen Bernstorff, der nun preußischer Minister war. Er kam mir mit offenen Armen entgegen, und sagte, indem er auf den Tisch zeigte: „Da liegen Sie! Ich habe mich gerade in diesen Tagen mit Ihnen beschäftigt“. Es war meine Deutsch geschriebene Selbstbiographie, mit der meine Werke bei Max anfingen.


Berlin. Wilhelm von Humboldt.

Ein paar Tage darauf fuhr ich nach Tegel hinaus, um den Staatsminister Wilhelm von Humboldt, nicht als Minister, sondern als Gelehrten, als Aesthethiker, und als Schiller's vieljährigen vertrauten Freund, zu besuchen. Es hatte sich bisher in meinem Leben noch nicht so gefügt, daß ich mit diesem seltenen Manne zusammengetroffen war. Seine Frau hatte ich in Rom 1809 sehr gut gekannt, wo ich sie zuweilen mit Frau Brun und Thorwaldsen besuchte.