Meine Tochter Charlotte.
Fräulein Ottilie Wagner, welche mit von Leipzig gekommen war, blieb ein Jahr bei uns und war Charlotte's vertraute Freundin. — Ich muß nun Etwas von diesem lieben Kinde, das mich so früh verließ, sprechen. Alle, die sie kannten, waren von ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten eingenommen. Auf der Reise hatte sie auf Jeden, dem sie begegnete, einen angenehmen Eindruck gemacht, unter Anderen auf Tieck, was man aus dem Gedichte sieht, das er mir schrieb. Sie hatte viele Fertigkeiten, tanzte hübsch, spielte gut das Piano, sang mit Leichtigkeit und Grazie alle Mozart'schen und Rossini'schen Arien. Sie sprach Deutsch so gut wie Dänisch, konnte Französisch und Englisch, wie auch etwas Italienisch; alle weiblichen Arbeiten gingen ihr leicht von Händen. Sie war witzig, begeistert und oft beredt; aber eigentlich munter war sie nicht, und es fehlte ihr die im Leben nöthige Besonnenheit und Ruhe; sie nahm auch keine Rücksicht auf Verhältnisse; was sie wollte, das wollte sie. Wenn Alles nach ihrem Wunsche ging, war sie kindlich und sanft; aber Widerstand konnte sie zu einer Leidenschaftlichkeit bringen, die keine Vernunftgründe mehr annahm.
Liebe zur Poesie und Schauspielkunst hatte sie von mir geerbt; sie sah den jungen Ludwig Phister, der gerade damals anfing sich auszuzeichnen; er besuchte uns zuweilen, hörte sie singen und wurde von ihr eingenommen. Sie gewann ihn lieb, wollte ihr Schicksal mit ihm theilen, und betrat als seine Gattin selbst auf kurze Zeit die Bühne. Ich sah ein, daß es damit keinen Bestand haben würde. Obgleich sie das Hegersche Talent geerbt hatte, Leuten ihre Stimme nachzumachen, sodaß ihre Freunde und Freundinnen sich gruppenweise um sie versammelten, wenn sie ihnen dies Vergnügen bereitete, so besaß sie doch wohl kaum ein eigentliches Talent für die Bühne. Hatte sie auch viele Jahre hindurch als Dilettantin die größten Arien schön gesungen, so war dies doch für eine Künstlerin nicht genügend; es fehlte ihr die nöthige Schule, und Siboni, der sie sonst sehr lieb hatte, durfte sie doch nur in der kleinen Partie der Fanchon auftreten lassen. Und selbst hier hätte sie beinahe nicht ausgereicht; denn als sie eine kleine Arie singen sollte, vergaß sie gleich einzufallen und verneigte sich bittend gegen den Concertmeister Schall, welcher dirigirte. Aber er konnte nicht noch einmal anfangen, und schüttelte mit dem Kopfe. Nun faßte sie sich, fiel rasch im nächsten Tacte ein, und sang ihre Arie so gut, daß sie einen stürmischen Beifall erhielt, der kaum enden wollte. Aber sowohl sie als auch wir Anderen fühlten wohl, daß dieser Ausbruch des Publikums nicht als Beifall für die Sängerin, sondern als Theilnahme für die Tochter des Dichters betrachtet werden mußte. Sie wurde selbst bald dieser Versuche müde und trat zurück.
Plan Norwegen zu besuchen.
Ich hatte einen so freundlichen Empfang in Schweden gefunden, daß die Lust, Norwegen einmal zu sehen, natürlich in mir erwachen mußte. Ich zweifelte nicht daran, daß ich auch dort Freunde finden würde. Freilich war eine Zeitlang nach Norwegens Vereinigung mit Schweden eine eigenthümliche Stimmung gegen Dänemark und Alles was Dänisch war, eingetreten, sodaß dies fast von einem solchen Versuche hätte abschrecken können. Aber diese Verachtung, die fast in Haß überging, fand sich nur bei einigen exaltirten jungen Leuten, die freilich in den ersten Jahren den Ton angaben. Nun hatte der Sturm sich gelegt, Billigkeit war an seine Stelle getreten, die Stimme der Aelteren wurde wieder gehört. Von der Zeit an, wo ich denken konnte, bis zum Jahre 1814, d. h. von meinen frühsten Kinderjahren an bis in mein reifes Mannesalter, war ich gewohnt gewesen, die Norweger als meine Landsleute und Norwegen halb als mein Vaterland zu betrachten. Deshalb entstand auch, wenn ich dichtete, niemals in meinem Herzen die Frage, ob die Scene in Dänemark oder in Norwegen, ob der Held ein Norweger oder ein Däne sein solle. Und trotz der politischen Trennung ist dieses Gefühl bei mir nie erstorben, weil die Sprache und Literatur und viele Familienverhältnisse uns stets geistig verbinden.
Bei Rahbeks war ich als Jüngling gewöhnt begabte junge Norweger zu sehen. Das rasche, stolze Wesen der Bergbewohner sagte uns zu, weil es mit inniger Gutmüthigkeit verbunden war. Wenn sie uns recht kennen gelernt hatten, liebten sie uns. Ueber ihr zuweilen zu weit getriebenes Selbstgefühl scherzten wir. Eines Abends sagte Camma in dem muntern Tone, der ihr so gut stand, zu einem jungen norwegischen Maler Kalmeier: „Ich mag die Norweger sehr gern, wenn sie nur nicht so großmäulig wären; doch Kalmeier macht eine Ausnahme“. — „„Ich wär nicht großmäulig““? fragte Kalmeier in demselben lustigen Tone: „„ich bin es gerade erst recht““!
Meine Freundschaft zu den vielen Norwegern, mit denen ich in verschiedenen Zeiten verkehrt hatte, machte, daß ich Norwegen stets liebte. Baldur der Gute und die Götter des Nordens gehören ja ebenso sehr Norwegen, wie Dänemark; Hakon Jarl, Axel, Hagbarth, Stärkodder, Tordenskjold sind norwegische Helden. Ich meinte es sei unvernünftig und herzlos, wenn man diese Gedichte, als etwas der norwegischen Literatur Fremdes, von ihr trennen wollte. Aber es gab auch Niemanden, der das that, und als ich in das liebe Felsenland kam, fand ich die freundlichste Aufnahme.