Von diesen allzuhäufigen Kirchhofbesuchen brachte mich nun eine sehr herzliche und ehrende Einladung des Prinzen Christian ab: ihn in Odensee auf Fühnen, wo er Gouverneur war, zu besuchen.
Mein Aufenthalt daselbst war sehr angenehm; und ich hatte, indem ich einen Monat lang vom Morgen bis zum Abend mit ihm umging, recht Gelegenheit, seinen milden, freundlichen Charakter kennen zu lernen, der mit Kenntnissen nach allen Richtungen und einer Intelligenz verbunden war, die unter Fürsten ihres Gleichen sucht.
Eines Morgens — ich bin nie eigentlich ein Freund der frühen Morgenstunden gewesen — erschreckte mich der Lakai, als ich noch in Morpheus' Arme lag, indem er mich mit den Worten weckte: „Se. königl. Hoheit, die im Garten spazieren geht, wünscht, daß Sie ein Wenig zu ihm herunterkommen mögen“. Ich warf mich eilig in die Kleider und kam, sobald ich konnte, d. h. nach einer Viertelstunde. Der Prinz, der wohl von meiner Langschläferei gehört haben mochte, kam mir lächelnd in einer herrlichen Allee entgegen, in der er mit einem Buche auf- und abging, und mit seinem Stock auf eine Schnecke zeigte, die ich beinahe zertreten hätte, als ich mich ihm näherte. Ich ging oft mit ihm in diesen kühlen Alleen im heißen Sommer; aber eines Tages, als es unerträglich heiß war, sagte er: „Nun wollen wir einmal hinausgehen, und die Wegearbeit besehen“. Und nun mußte ich ihm in der brennenden Mittagshitze auf die Landstraße folgen, wo wir vor los umherliegenden Steinen kaum vorwärts kommen konnten. Als er die Arbeit angesehen, und mit den Steinsetzern gesprochen hatte, gingen wir wieder in den schattigen Garten zurück. „Es war draußen heiß“, sagte er lächelnd. — „„Hier ists freilich besser, Ew. königliche Hoheit““! antwortete ich.
Er vereinigte in Odensee das Wesen des Fürsten mit der bequemen Freiheit des Privatmannes. Mittags war er in Uniform; dann wurden die Gäste zur Tafel gezogen, und Alles war königlich. Aber am Abend hatte er es so eingerichtet, daß bei seinem Gouvernementssecretair, Herrn Etatsrath Holten, Soirée war. Hierher kam er dann selbst als Gast im schwarzen Frack. Zur Abendgesellschaft waren alle Stände eingeladen: Gutsbesitzer, Officiere, Beamte und Bürger aus der Stadt. Wenn ich das Tabackrauchen ausnehme, so ging es hier zu, wie in jeder andern bürgerlichen Gesellschaft auf dem Lande.
Der Prinz nahm an dem Kartenspiel Theil. Am ersten Abend, wo ich da war, und er mich nicht sah, fragte er Holten: „Wo ist Oehlenschläger“? — „„Er sitzt im andern Zimmer und spielt l'Hombre““! — „Spielen Sie l'Hombre“, sagte der Prinz, als ich zu ihm hineinkam, „dann sollten Sie doch eigentlich mit uns spielen“. — „„Nein““, antwortete ich, „„Ew. königl. Hoheit spielen nicht mein Spiel; ich spiele nie höher, als vier Points zu einem Schilling““.
Der Herzog von Augustenburg.
Der Herzog von Augustenburg besuchte den Prinz Christian in Odensee. Hier sah er mich. Sein Vater hatte mein Glück gemacht, indem er den König auf Schimmelmann's Empfehlung vermochte, mich als Professor an der Kopenhagener Universität anzustellen. Kein Wunder, daß ich dem Sohne dankbar entgegen kam. — Er bat mich, ihn einmal zu besuchen, und hiervon nahm Prinz Christian Veranlassung, mich mitzunehmen, als er nach Alsen fuhr. Wer ahnte damals, was leider später geschehen ist? Ich war der Gast des Herzogs von Augustenburg; obgleich er etwas Kaltes und Stolzes hatte, das die Herzen nicht gewann, so war er doch sehr artig und zuvorkommend. Schön war er auch und von der Natur reich begabt. Obgleich man stets merkte, daß er sich als eine fürstliche Person fühle, war doch etwas Burschikoses in seinem Wesen. Er war durchaus der Gegensatz des Prinzen Christian. Dieser hatte, ohne Stolz zu zeigen, einen Tact, durch den der richtige Ton zwischen ihm und seiner Umgebung stets auf eine natürliche Weise aufrechterhalten wurde. Prinz Christian war ein fleißiger Beobachter alles Dessen, was geschah; er hörte gern Andere sprechen; das Geistreiche interessirte, das Schöne rührte ihn; heiterer Humor konnte ihn herzlich lachen machen. Der Herzog hatte diese Aufmerksamkeit für Andere nicht; er war stets eifrig mit seinen eigenen Ideen beschäftigt, und seine Conversation bestand eigentlich darin, daß er diese mit einem festen Glauben an ihre Richtigkeit mittheilte. Prinz Christian konnte den Taback nicht ausstehen; der Herzog hatte eine Tabagie à la Friedrich Wilhelm I., wo er seine Vorlesungen hielt. Ob diese damals bereits politischer Natur waren, will ich ungesagt sein lassen, denn ich rauche auch nicht Taback und war nur einmal in der Tabagie, als der Herzog selbst mir auf dem Vorsaale nachkam und mich hineinholte. Von Poesie und Kunst war nicht die Rede. Als ich sagte, daß ich zum Prinzen und der Prinzessin heruntergehen müsse, um Helge vorzulesen, antwortete er: „O das eilt nicht; Sie können noch ein Bischen warten, bis der Prinz zum Thee alle seine zwölf Zwiebacke verzehrt haben wird“. Ich dachte: Zwölf kleine Zwiebacke sind kein großes Abendbrod. Auch anderer Spott blieb nicht aus. Mittags bei Tische, gewöhnlich, wenn der Herzog nach Art der englischen Lords selbst den Braten vorschnitt, begannen die Sticheleien gegen den Prinzen Christian (auch zuweilen gegen die Prinzessin), und es ging oft so weit, daß ich dachte: wird der Prinz nun nicht aufstehen und fortgehen? Aber er fand sich sehr geduldig darein. Nur einmal, als wir uns eines Morgens, wie gewöhnlich, die Vollblutpferde des Herzogs in ihren hübschen Ständen besahen, legte Prinz Christian seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Nun sind wir in unserm Elemente“!
Zu Caroline Amaliens Geburtstag brachte der Herzog meine Gesundheit aus und forderte die andern Herrschaften auf, ein Gleiches zu thun. Ich habe später oft hieran gedacht, und mich darüber gewundert. Ich wußte, daß der Herzog sich nicht viel um Poesie kümmere; ich glaube er hat nur wenig von meinen Schriften gelesen, und doch bekam er diesen Einfall! — Aber ich fühlte mich nicht recht heimisch auf Augustenburg, obgleich der Herzog in gutem Vernehmen mit der Herzogin lebte, die sehr liebenswürdig war und reizende Kinder hatte. Das gespannte Verhältniß zwischen Prinz Christian und ihm peinigte mich. Ich war froh, als ich fort war, zählte die Tage bis zu meiner Abreise, und athmete erst wieder leicht, als ich Abschied genommen hatte und von dannen fuhr.