Aber es hatte bei dieser Ortsveränderung nicht sein Bewenden, eine andere viel größere, geistige Veränderung sollte in mein Leben eingreifen; ich sollte wieder einen Schmerz und eine Wehmuth gleich denen bei Sophia's und Camma's Tod empfinden; meine Charlotte folgte ihnen.

Tod meiner Tochter Charlotte.

Das Jahr vorher hatte sie eine Tochter geboren, die nach ihrer seligen Tante genannt wurde; nun war sie wieder guter Hoffnung und sehr schwächlich. Ihre frühere, blühende Gesundheit war dahin. Ich besuchte sie täglich nach der Entbindung, und hatte doch noch Hoffnung. Ich hatte gerade kurz vorher meinen Sokrates geschrieben, mußte ihr Viel davon erzählen, und besonders Daphne beschäftigte ihre Phantasie. Das letzte Mal, als ich sie besuchte, war sie dem Tode nahe. Ich hatte ihr einmal von Herder erzählt, der, als er seinem Ende nahe war, einen Freund gebeten hatte: „Sage mir einen großen Gedanken“! Nun flüsterte sie mir freundlich zu: „Sage mir einen Trost“! Ach, ich konnte in diesem Augenblicke Nichts sagen. Ich drückte ihre Hand mit einem liebevollen Vaterblick und ging. Als ich das nächste Mal wieder kam, bedurfte sie keines Trostes mehr. Das bleiche Antlitz zeigte keinen Zug von Schmerz oder Kummer. Die hohe, schöne Ruhe lag darauf, die man in den griechischen Marmorköpfen bewundert, aber es lag noch mehr, es lag etwas Himmlisches darin.

Am Beerdigungstage, als ihre Leiche fast bedeckt von Hyacinthen war, welche die Freundinnen reichlich in dem frühen kurzen Lenze gesandt hatten, beschien die Sonne noch einmal ihre herrliche Stirn, die ich küßte, ehe der Schreiner den Deckel des Sarges aufnagelte. Der gute Mynster hielt eine schöne Gedächtnißrede über sie in der Friedrichsberger Kirche, wobei er auf den Vers von Salis hindeutete:

Das arme Herz hienieden
Von manchem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden
Nur wo es nicht mehr schlägt.

Charlotte's Tod versetzte meine Seele eine Zeitlang wieder in den wehmüthigen Zustand, der ein starker Zug meines Charakters ist und der in unglücklichen Augenblicken oft die Ueberhand nahm, mich aber nie so beherrschte, daß er mir meine Kraft geraubt und meinem Geiste eine Einseitigkeit gegeben hätte, die ihn unfähig gemacht haben würde, als echter Dichter das Menschenleben zu fühlen, zu schauen und darzustellen. Hierdurch unterscheidet das gesunde Gefühl sich von der schwachen, krankhaften Gerührtheit, die man später, sehr unphilosophisch, mit jenem vermischt und mit Verachtung Sentimentalität genannt hat; aber nur die krankhafte Sentimentalität muß verworfen und verachtet werden; die gesunde ist die Wirkung vom gemüthlichen Theile des Menschenwesens, sie ist der negative, empfängliche, leidende Theil, dessen Organ wir Seele nennen, sowie der Geist das Organ für den positiven, handelnden ist. Es muß in unserm Ich sowohl ein Activum, wie ein Passivum existiren. Dieses Letztere spricht seine höchste Idealität im Christenthum aus; ohne das würden wir bei aller Kraft Heiden bleiben, und wenn diese Kraft nicht durch Liebe, Selbstverleugnung, Hoffnung und Trost geleitet wird, so werden wir wieder zu wilden Barbaren. Diese Gedanken sollten einleuchtend scheinen. Christus lehrte sie uns mit himmlischer Begeisterung. Aber die Menschen haben stets einen dämonischen Hang, das milde Gefühl zu verachten, und selbst viele Begabte suchen sie aus der Philosophie, der Religion, der Poesie und also — wenn es ihnen glückte — aus dem Leben selbst zu verdrängen. Aber es glückt ihnen nicht! Die Vernunft wird doch die Oberhand behalten; und die Vernunft ist die harmonische Verbindung von Verstand und Herz, von Geist und Seele.

Ich besuchte also nach dem Tode der lieben Dahingeschiedenen den Kirchhof recht oft, und setzte auf ihren Leichenstein (ohne zu wissen, oder mich zu erinnern, daß David Dasselbe von seinem Sohne gesagt hatte): „Sie kommt nicht mehr zu uns, aber wir kommen zu ihr“!


Besuch beim Prinzen Christian.