Tod Karl Heger's.
Kaum saß ich zu Hause in Ruhe, so wurde der Himmel meines Glücks wieder durch Wolken verdunkelt. Eines Abends, als beide Oersteds mich besuchten, kam eine Ordonnanz vom Prinzen Christian, um zu melden, daß mein lieber Schwager und treuer Freund, Karl Heger, plötzlich gestorben sei. Ich habe in einem Gedichte über ihn Alles gesagt, was ich von diesem edlen, seltenen Menschen sagen konnte. Er war Bibliothekar des Prinzen und sehr bei ihm beliebt. Eine Stunde vorher war er noch bei dem Prinzen gewesen, als Jemand zu ihm kam. Dieser sah ihn in seinem Lehnstuhle, mit dem neuen Testamente auf dem Schooße dasitzen. So war er sanft hinübergeschlummert. Er wurde auf dem Friedrichsberger Kirchhofe neben Camma und Rahbek beerdigt.
Die Kritik über Sokrates.
Mein Sokrates sollte nun aufgeführt werden. Ich war überzeugt, daß Ryge diese Rolle vortrefflich spielen würde, und er soll es auch gethan haben; ich sah die ersten Vorstellungen nicht, und das Stück wurde nur zweimal aufgeführt, es machte kein Glück. Der ganze damals herrschende Ton verwarf es, und kein einziger Aesthetiker stand öffentlich mir zur Seite, außer Wilster in Soröe. In der Monatsschrift für Literatur erschien eine Recension, die mit Verstand, Sachkenntniß, Achtung und Wohlwollen, aber kalt und tadelnd geschrieben war, trotz der Zugeständnisse des Guten, die mir der Verfasser weder vorenthalten konnte noch wollte. Diese Kritik trug mehr das Gepräge des Philologen und Antiquars, als eines reifen Geschmackrichters. Obwohl zugestanden wurde, daß das Stück seine Entstehung dem Dichtergeiste und einem sorgfältigen Studium verdanke, so genügte es doch nicht, weil es nicht das Product vieljähriger gründlicher Gelehrsamkeit war, und weil sich Dies und Jenes den Ideen und Gefühlen der Gegenwart fügte. Danach durfte ein Dichter niemals eine Sage des Alterthums behandeln, und von diesem Standpunkte aus betrachtet, müßten all' meine nordischen Heldendramen verworfen werden. Meine Fähigkeiten wurden auch darin besprochen, und — nach der damals gebräuchlichen Weise — nannte man mein allzusehr überwiegendes Gefühl für das Gute „die Wollust des Guten“, und tadelte es als zu einseitig für echt dichterische Compositionen, wenngleich es persönlich zu achten sei. Ich hatte Aristophanes Unrecht gethan, indem ich ihn selbst die Anwendung des Namens Sokrates' zu seinem Lustspiele „die Wolken“ eine jugendliche Unbesonnenheit nennen ließ. Was noch mehr dazu beitrug, die Leser gegen mein Stück zu stimmen, war eine deutsche Abhandlung des Professor Forchhammer in Kiel, welche damals erschien, und in der er bewies, daß Sokrates wirklich ein Empörer gewesen, und ihm also kein Unrecht geschehen sei.
Der Geschmack damaliger Zeit.
Da ich hier nun wieder zu einem Ruhepunkte in meiner Dichterbahn gelange, so will ich hieran einen Ueberblick über den Geschmack knüpfen, der damals herrschte und den ich eine Zeitlang vergebens bekämpfte. Wir haben in dem Vorigen gesehen, wie Göthe, Tieck — die romantische Schule — gegen das Rührende in der Poesie als gegen etwas Schwaches und Weichliches polemisirten. Eine Zeitlang später hatten sich phantastische Convulsionen in Werner's, Müllner's, Grillparzer's und den französischen Stücken Victor Hugo's bewegt: hier galt es nicht, wie Aristoteles es nennt, die Leidenschaften durch Schreck und Mitleid zu läutern, sondern vorzüglich durch brillante Schilderungen bewunderter Laster gespannt und nervenerschüttert zu werden. Von der andern Seite schwebte die unschuldige, naive Dichtkunst in Gefahr, durch glänzende Talente mit außerordentlicher Sprachfertigkeit verdrängt zu werden. An der Spitze dieser steht Lord Byron als ein wirklicher Dichter. Aber drücken sich nicht Egoismus, Sinnlichkeit, Stolz und Verachtung in allen Werken seiner hinreißenden Beredtsamkeit aus? Schöne, tiefe Gedanken, eine lebhafte Phantasie, eine starke, wichtige Begeisterung findet sich gewiß darin; aber stets hört man den englischen Lord, der, während er sich selbst der Laster beschuldigt, doch stolz auf alle Andere und alle bürgerlichen Verhältnisse herabblickt. Es ist der blasirte Jüngling, der die Sinnengluth hinreißend, nie aber die wahre Liebe schildert, und schließlich von den Frauen sagt: „Wenn sie einen Spiegel und ein Zuckerplätzchen haben, so sind sie zufrieden“. Byron ist ein vortrefflicher poetischer Landschaftsmaler; aber die poetische Landschaftsmalerei ist ein untergeordnetes Genre. Echt dramatisch konnte er nie werden; denn die einzige Person, die er recht episch und dramatisch schildert, war, wie gesagt, Lord Byron, sei dies nun als Childe Harold, Don Juan, Manfred oder in einer andern Gestalt. Und doch blickt er mit tiefer Verachtung auf seinen Landsmann, den Stolz Englands, den göttlichen Shakespeare herab und spricht von ihm in einem Briefe an die Lady Betterton, als von einem Pöbeldichter. Daß aber Byron bei seiner Jugend und Schönheit (bis auf den Klumpfuß), seinem Genie, seiner englischen Lordschaft, seiner Tapferkeit, seiner persönlichen Entschiedenheit und endlich bei seiner lobenswerthen Begeisterung für die griechische Sache, welche damals Europa's höchstes Interesse weckte, eine glänzende Epoche machen mußte, ist ganz natürlich, und ich mißgönne ihm seinen Lorbeer nicht, den er, wenn auch Alles, was hier gesagt, wahr ist, doch verdient. Der unglückliche Klumpfuß hat gewiß nicht wenig zu dem Stolz und Spleen beigetragen, der ihn unablässig peinigte und sein Leben verkürzte.
In Deutschland spielte Graf Platen eine Art Byron. Sie hatten das gemein, daß der Eine Lord, der Andere Graf und Beide vorzügliche Künstler in der Behandlung der Sprache waren. Platen hat ebenso wie Byron einige schöne Sachen geschrieben; aber sein Stolz war kälter und unangenehmer, und er legte seine Gedanken in elegante, polirte Versformen, wie in Marmorsarkophage.
Noch zwei deutsche Aesthetiker, von denen Einer ein begabter Dichter war, äußerten sich damals mit der ganzen Kraft der Beredtsamkeit, vornehm, polemisch und mit der Verachtung gegen alles Geltende, wie sie damals Mode war. Dies waren Börne und Heine. Ihr Adel war älter, als der Byron's und Platen's, denn sie stammten von David und Salomon ab; da man aber diesen Stammbaum nicht anerkannte, so erweckte das einen Depit in ihrem Wesen und ihrem Styl, der sie oft mehr als billig erbitterte.