Heine hatte alle Ingredienzien zu einem wahren Dichter, mit Ausnahme des treuen Herzens, des männlichen Charakters, des wahren Ernstes und tiefer Ehrfurcht vor dem Heiligen. Was übrigens Phantasie, augenblickliches Gefühl, Verstand und besonders Witz hervorbringen kann, darin excellirte er und riß die Jugend hin. Seine Phantasie und sein Witz erfreuten auch mich. Der Ton in seinen lyrischen Gedichten ist, trotz all' seiner Kühnheit, nicht originell, sondern ahmt unbewußt den Ton von Göthe's jüngern Gedichten nach, in denen sich auch eine gewisse stolze Verachtung gegen die Umgebung, aber gewiß viel mehr Herz zeigt. Rückert florirte damals auch; aber obgleich ich seinen Blumenflor bewunderte, konnte ich mich doch aus Mangel an frischer Luft nicht lange in seinen Treibhäusern aufhalten, in denen mir die Blumen über den Kopf wuchsen.
Bei uns hatten sich mehrere Dichter mit Recht geltend gemacht. Heiberg's Vaudevillen gehörten zur Tagesordnung. Als Professor der dänischen Sprache in Kiel hatte er eine nordische Mythologie herausgegeben, in der er besonders Rücksicht auf meine Götter des Nordens genommen und viele Stellen daraus vortrefflich übersetzt hatte; aber nun gefiel ich ihm nicht mehr; er war ein eifriger Hegelianer geworden, und da meine Werke nicht den Hegel'schen Bedingungen genügten, so schätzte er wohl eins und das andere davon, betrachtete aber alles Andere mit Ausnahme der ältesten Arbeiten als mißglückt. Das thaten Mehrere. Sie trennten das Gute, das ich hervorgebracht hatte, von dem Mißglückten, das allein ich nun schuf; sie theilten mein Leben in zwei Theile; nur in der ersten Periode hatte ich dichterisch gelebt; nun war der Dichter todt; mit seinem Gespenst wollten sie Nichts zu thun haben und verstanden sich, ihrer eigenen Einbildung nach, viel besser auf den wahren Oehlenschläger, als der arme Geist, der nach seinem Tode spukte.
So stand ich also allein da. Hauch, der auch lange leiden mußte, weil er zu meiner Schule gehörte, richtete sich etwas nach der Zeit, und vermied so den Tadel. Einige, die vielleicht an mir sahen, wie wenig ein Dichtername zu bedeuten habe, traten anonym hervor und zogen aus dieser Namenlosigkeit großen Vortheil. So galt Overskou's Comödie „Oststraße und Weststraße“ als ein Meisterstück, dem nichts gleiche, bis man den Verfasser kannte; später hatte das wirklich gute Stück Mühe genug, sich zu halten. Hertz's „Gespensterbriefe“, die auch anonym erschienen, machten Furore. Sie waren in einer witzigen, eleganten Sprache, mit vielen freien und geistreichen Bemerkungen geschrieben; aber der Geschmack, für den sie kämpften, berührte eigentlich nur die Form; und als Form wurde wieder hauptsächlich die schöne Sprachform angesehen. Der Kern eines Gedichtes, die viel wesentlichere Form des Stoffes, kam nicht in Betracht. Das Gespenst, welches hier herauf beschworen und gewissermaßen als Heiliger und Schutzgeist angebetet wurde, um den guten Geschmack wieder herzustellen, war — merkwürdiger Weise — der selige Baggesen! Und was noch merkwürdiger war, viele gebildete und verständige Leser, die wenige Jahre vorher Baggesen getadelt und gemißbilligt hatten, nahmen dies für gute Waare an und schworen wieder zu Baggesen's Fahne.
Der talentvolle Hertz hatte einige Stücke geschrieben und schrieb deren noch mehrere. Mir gefiel er am besten in seinen Lustspielen, besonders in der Sparkasse und in der Debatte im „Polizeifreund“. In Svend Düring's Haus ist viel Schönes, besonders der schwärmerische Charakter der Liebhaberin, der von Frau Heiberg vortrefflich dargestellt wurde. Die Mutterliebe, welche in der alten herrlichen Kämpeweise die Hauptrolle spielt, hat in Hertz's Stück wenig zu bedeuten. Die Kinder leiden nicht Noth und das Gespenst kommt nicht, um sie zu pflegen, sondern um Wehe über ihre Stiefmutter zu rufen. Die Musik von Herrn Rung ist schön und that ihre Wirkung, besonders in den Gespensterscenen. Hertz hatte die Kämpeweisen fleißig studirt und viele Redensarten und Ausdrücke derselben in seiner gereimten Tragödie angebracht. Wilster sagt in seiner Uebersetzung des Euripides: „Neuere Dichter haben zuweilen den Uebergang des Dialogs zu lyrischem Schwunge durch die Anwendung des Reimes ausgedrückt. Am schönsten hat Oehlenschläger diese tragische Lyrik in der Königin Margarete behandelt, wo er die Scenen zwischen Ingeborg und Oluf in dem herrlichen alten Versmaße der Kämpeweisen gedichtet hat. Diese Idee ist, wie bekannt, im Großen in Svend Düring's Haus ausgeführt“.
Aber obgleich nun die Anonymität damals von guter Wirkung gewesen war, so bedienten sich doch nicht Alle derselben; im Gegentheil wirkte einer unserer Dichter, der in gewisser Richtung sich wohlverdienten Ruhm erworben hat, gerade außerordentlich viel durch seine Persönlichkeit. Die subjektiv-originelle Auffassung des Mährchenhaften war so ganz mit Andersen's Wesen verwachsen, daß er selbst richtig fühlte, die persönliche Mitteilung vollende, so zu sagen, seine Dichtung, weshalb er auch auf alle Weise, durch Bekanntschaften, Besuche und häufige Reisen in ein persönliches Verhältniß zu seinen Lesern zu kommen und ihnen mündlich das Werk mitzutheilen suchte. Und es ist nicht zu leugnen, daß es dadurch etwas an Naivetät und Humor gewann, den das gedruckte Wort nicht ganz hervorzurufen vermochte. Freilich könnte man sagen, daß dies ebenso mit jedem Dichterwerke geht, wenn der Dichter die Gabe hat, gut vorzulesen; was aber dabei verloren oder gewonnen wird, entspringt doch mehr oder weniger aus der Natur der Dichtung. Christian Winther und Paludan Müller schrieben auch unter eigenem Namen und machten dem Namen Ehre.
Die Kritik über „Sokrates“.
Aber ich kehre wieder zu Sokrates zurück.
Was hatte mich veranlaßt, diesen Stoff zu behandeln? Die Lust, mich durch eigene Productivität originell zu zeigen, konnte es nicht sein; denn das ganze Zeitalter in Griechenland, in dem Sokrates lebte, steht ja in der Geschichte genau ausgemalt da; er selbst tritt bei Plato und Xenophon so bestimmt und charakteristisch hervor, daß etwas Selbstgemachtes hier ganz thöricht und geschmacklos gewesen wäre. Aber der wahre Dichter singt nicht aus Eitelkeit und Egoismus, sondern aus Liebe zum Gegenstande. Ich liebte Sokrates; meine Phantasie, mein Gedanke, mein Gefühl empfanden Lust, sich mit ihm zu beschäftigen. Ich wollte das Zeitalter, den Plato, den Xenophon studiren, und das wurde mir erst recht möglich, als ich dieses Studium in Verbindung mit meiner eigenen Kunst brachte; die Activität, die dabei meinen Geist in Bewegung setzte, verlieh ihm erst die wahre Kraft, den Gegenstand zu erfassen. Außerdem — eine historische Person muß so bestimmt und deutlich hervortreten, als möglich — gehört doch Dichtergeist dazu, ihn auf die Scene zu bringen, ihn sich in selbst erfundener, dramatischer Composition bewegen zu lassen. Es ist so, als ob man ein vortreffliches Gemälde sähe, das ein Zauberer durch seinen Stab aus dem Rahmen heraustreten und sich in verschiedenen Gemüthszuständen bewegen ließe, ohne daß dadurch das Bild die richtige Zeichnung verlöre. Ich wollte Kampf und Versöhnung zwischen dem ethischen und ästhetischen Princip, in Sokrates und Aristophanes darstellen. In Xantippe und Daphne fand ich Gelegenheit, von mir selbst erfundene Charaktere zu zeichnen. Und obgleich mein Stück nicht das Produkt eigentlicher Gelehrsamkeit war (ich habe mich niemals für ein Stockgelehrten ausgegeben), so darf ich doch behaupten, daß hier nicht die Gelehrsamkeit in Betracht kam, sondern das dichterische Talent, verbunden mit den historischen Charakteren und der tragischen Handlung. Wenn diese so wirkte, wie sie wirken sollte, so würde es vielleicht nicht so übel gewesen sein, das große Publikum (hier ist nicht von einzelnen Gelehrten die Rede) über ein Zeitalter zu unterrichten, das so wichtig, so lehrreich war, und so großen Einfluß auf alle folgenden Zeiten gehabt hat.
Ich hatte doch die Genugthuung, daß ein Mann, der sich in dieser Angelegenheit, was Gelehrsamkeit und Kenntniß der griechischen Literatur betraf, mit dem Besten messen konnte, mein Freund Bröndsted, Professor der griechischen Sprache, eine poetische Natur, ein warmes, edles Herz, ein Mann, der lange in Griechenland gelebt, und die Sprache wie seine Muttersprache gelernt hatte, mir zu meinem Geburtstage einen Ring mit dem Bilde des Sokrates und von einem Gedichte begleitet, worin er sich in anerkennendster Weise aussprach, übersandte.
Ein großer Uebelstand für mich war der, daß mir, da mehrere meiner neuen Stücke nur einige Male gegeben wurden und ich dadurch meine Einnahme verlor, das nothwendige Geld fehlte; und da die Stücke aus demselben Grunde auch keinen guten Absatz hatten, und ich außerdem ein schlechter Buchhändler war, so kam ich in Schulden, die bedeutend wuchsen, und um so empfindlicher wurden, da ich keinen Ausweg zu ihrer Bezahlung sah. Denn auch der Absatz meiner deutschen Schriften verringerte sich zum Theil durch den fortgesetzten Tadel in der Heimath, der auch in deutsche Blätter überging. Max, der vor wenigen Jahren noch so zuvorkommend gewesen war, sandte mir die Uebersetzung von Olaf dem Heiligen, den italienischen Räubern und Tordenskjold als Werke zurück, die meiner nicht würdig seien. Campe in Hamburg verlegte sie doch; er setzte aber bei dem Verlage gewiß zu. In den Blättern für literarische Unterhaltung stand eine Recension von einigen Zeilen über diese Stücke. Einen Beweis (und zwar den einzigen), wie tief ich als dramatischer Verfasser gesunken sei, zog der Recensent daraus, daß ich in einer Parenthese in meinem Tordenskjold Stahl in einer Terz ausfallen lasse, welche Tordenskjold parirt. Man sollte es nicht für möglich halten, daß eine solche Bêtise in einem Blatte aufgenommen werden konnte, das in allgemeiner Achtung stand; aber es verhält sich doch so.