Um nun einiges Geld zu bekommen, übersetzte ich durcheinander all' die Stücke fürs Theater, die der Directeur Collin mir schaffte. Einige von diesen waren doch von Bedeutung; so legte ich den Text in den Partituren zur italienischen Norma, dem deutschen Freischütz und dem englischen Oberon dänische Worte unter.


Frau Friederike Brun.

In diesem Jahre starb auch meine Freundin Frau Friederike Brun, mit der ich so viele angenehme Stunden verlebt hatte. Von diesem ausgezeichnetem Weib muß ich umständlicher sprechen. Sie war eine Tochter des Predigers der deutschen Petrikirche in Kopenhagen, des Dr. Münter, der, wie er es sicher hoffte, Struensee bekehrt hatte, wie man dies in der Bekehrungsgeschichte lesen kann, die Münter nach dem Tode des Unglücklichen herausgab. Daß Struensee, als Gefangener, da er sich seinem Ende näherte, in dem Gespräch mit dem begabten, von Religion begeisterten, durch die Wissenschaft gründlich gebildeten Münter seine flache Voltaire'sche Philosophie aufgab, die ihn gelehrt hatte, daß der Mensch eine Maschine sei, deren geistiges Leben zugleich mit dem irdischen aufhöre, ist ganz natürlich und wahrscheinlich. Es kann nicht geleugnet werden, daß zu einer Zeit, wo das Deutsche hier im Lande die Ueberhand gewonnen hatte, die begabtesten Deutschen, welche hier ihr Glück machten, sich wirklich durch eine höhere Bildung auszeichneten, als die Dänen. Bernstorff war ein ausgezeichneter Minister; Klopstock, Deutschlands großer Dichter, besuchte uns auch und schrieb einige Gesänge der Messiade in Kopenhagen bei seinem Freunde, dem Prokanzler Cramer, dessen Haus der Sitz der Musen war, in das auch der ältere Schlegel kam, der den nordischen Aufseher schrieb, in welchem er seine Landsleute mit dem dänischen Guten bekannt zu machen suchte. Nach Bernstorff zeichnete sich der jüngere Schimmelmann als Liebling der Musen und als Mäcen aus. Cramer's Tochter verheirathete sich später mit Schimmelmann's Secretair Kirstein. Schiller schickte aus Dankbarkeit Schimmelmann (der während seiner Krankheit zugleich mit dem Herzoge von Augustenburg für ihn gesorgt hatte) seine Tragödien, ehe sie gedruckt wurden. In diesen Zirkeln wuchs die junge liebenswürdige Friederike Münter auf. Und man kann diesen Deutschen nicht den Vorwurf machen, daß sie das dänische Gute ignorirt hätten. Schlegel war Holberg's eifriger Apostel und hat gewiß dazu beigetragen, daß Schröder dessen Stücke auf die deutsche Bühne brachte und selbst so meisterhaft darin spielte. Als Ewald starb, streute die junge Friederike Münter Blumen auf sein Grab; und ihr Bruder (der Bischof) war Ewald's warmer Freund. Aber es ist natürlich, daß ihre ganze Umgebung, ihre Ehe und späteren Reisen sie Deutsch ausbildeten, und sie selbst Dichterin wurde. Ihre Ehe war merkwürdig. Es würde einem Lustspieldichter schwer werden, einen komischeren Contrast zwischen einem Ehepaare herauszufinden, als den zwischen der mit Salis und Matthisson innig sympathisirenden Friederike Münter und dem fast ausschließlich mit Gelderwerb und Handelsspeculationen beschäftigten Constantin Brun. Er fing als armer Commis an, aber er war ein hübscher junger Mann und ein gewandter Kopf. Münter war ein Freund des alten Schimmelmann, und dieser hatte viele Handelsverhältnisse ganz in seiner Hand. Brun machte der jungen Friederike den Hof, wurde ihr Mann und durch Schimmelmann's Hülfe kam er gleich in gute Handelsverhältnisse, die er mit seinem großen Erwerbgenie benutzte, so daß es nicht lange währte, bis er reich wurde. So habe ich ihn kennen gelernt; er äußerte bei jeder Gelegenheit seinen Spott und sein Mißvergnügen über die poetischen Narrheiten seiner Frau, wie er sie nannte. Es war nicht zu leugnen, daß sie etwas zu sentimental war; an Oekonomie dachte sie nicht, und unglücklicher Weise wurde sie von einer Taubheit heimgesucht, die in späteren Jahren zunahm. Aber diese Taubheit hatte doch auch ihre gute Seite: sie konnte ihren Mann nicht schelten hören; und dessen Handelsgeist hatte wiederum seine gute Seite: er machte sie zu einer reichen Frau, und sie würde weder alle einsichtsvollen Männer und Frauen Europa's mit so vieler Einsicht und Urtheilsfähigkeit, noch die Natur mit so vielem poetischen Malertalent kennen gelernt haben, wenn sie nicht durch das Vermögen ihres Mannes die Mittel erlangt hätte, eine Reise nach der andern und besonders nach ihrem lieben Italien zu machen. Constantin schalt und brummte, aber sie hörte es nicht. Eines schönen Tages stand ich neben ihm auf Sophienholm in Frederiksdal. „Ist das nun nicht ein herrlicher schöner Ort“? fragte er mich — „und doch will sie wieder aus dem Lande fort. Es ist rein um toll zu werden“. Aber das Beste dabei war, daß er sie, trotz all' des Lärmens, den er machte, doch thun ließ, was sie wollte, und es, trotz all' der Klagen über die vielen Ausgaben, doch seiner Eitelkeit schmeichelte, das eleganteste und angenehmste Haus in Kopenhagen zu machen, wozu Er das Geld, seine Frau Geist, Grazie und Anmuth beisteuerte. Keines von Beiden konnte entbehrt werden. Ganz psychologisch merkwürdig war der Geist der Sparsamkeit, der bei ihm zum Instinkt geworden war, wie bei einem Eichhörnchen das Sammeln der Nüsse in einem hohlen Baum. Er zeigte uns nämlich eine große Schublade voll Zucker. Diesen Zucker hatte er in der Harmonie zum Kaffee, den er dort jeden Nachmittag trank, bekommen; jeden Tag aber sparte er einige Stücke und nahm sie in der Tasche mit nach Hause. Es war in seinem Charakter ein naiv-komisches Element. Einmal kam ein Mann zu ihm und bat ihn um ein Gelddarlehn. Brun versicherte, er hätte Nichts, und um es ihm zu beweisen, öffnete er seine Schatulle, zog alle Schubläden heraus und zeigte ihm, daß kein Geld darin sei.

Was Frau Brun betraf, so machte sie durch ihre liebenswürdige Persönlichkeit, ihren ausgezeichneten Geist und durch die, bei einem Weibe seltenen, Kenntnisse Eroberungen, wohin sie kam, vom Palast bis zur Hütte, und es gab damals fast keine einzige männliche und weibliche Berühmtheit in Dänemark, Deutschland, der Schweiz und Italien, die sie nicht kannte, mit der sie nicht in freundschaftlicher Verbindung gestanden und deren Wesen sie nicht mehr oder weniger mit Phantasie und Verstand erfaßt hätte, und durch charakteristische lebendige Züge zu schildern vermochte. Dies trug sehr viel dazu bei, ihren Umgang angenehm zu machen; man hörte sie gern erzählen; und als ihre Taubheit zunahm, war sie auch interessanter im zusammenhängenderen Vortrage, als im Gespräche. An Dem, was rund um sie her vorging, konnte sie nicht recht Theil nehmen. Sie war von jungen Damen umringt, denn außer ihren eigenen Töchtern und Nichten hielten sich auch zwei Töchter des in Paris verstorbenen Ministers Dreyer in ihrem Hause auf. Sie waren in einer pariser Pensionsanstalt erzogen; die älteste, Mariquita, war sehr begabt; in diesem Zirkel bekam der junge Ludwig Heiberg, den man im Scherz „l'enfant“ nannte, und der oft zu Bruns kam, seine erste Politur. Daß nun die gute Frau Brun, die so in ihren eigenen Gedanken vertieft war, die neuste Zeit nicht recht kannte und zuweilen etwas zu sentimental war, der lieben leichtsinnigen Jugend mitunter, wenn nicht Ursache, so doch Veranlassung zum Lachen gab, kann man sich leicht denken. Es ging der guten Dichterin wie es Jedermann unter den sündigen Menschenkindern ging: die Fehler fallen viel leichter in die Augen, als die Vorzüge. So ging es auch in Italien, wo ich mit ihr zusammen war. „Gott hat mir die Gnade erwiesen“, sagte sie einmal in einem Concert, „daß ich für Musik nicht taub bin“. — „Die Gnade hat Gott ihr nicht erwiesen“, sagte der Maler Christel Riepenhausen, der ein großer Schelm war; denn als wir einmal in einem Passionsconcert zusammen waren, das mit einem starken Chore anfing, fragte sie mich, nachdem der Chor gesungen war: „Geht's nicht bald an?“ Ich entschuldigte diese anscheinend komische Unwahrheit mit einer Delikatesse von ihrer Seite, die man mißverstand; sie meine, es würde ihren Freunden lieber sein und den eigenen Genuß nicht stören, wenn sie glaubten, daß auch ihre Freundin Theil daran nehmen könne. Man hielt sie auch für geizig, obgleich sie es nicht war. In der für Dänemark schlimmsten Finanzperiode reiste sie nach Italien. Das kostete schon viel und ihr guter Mann fand sich darein; daß er ihr aber Summen gegeben hätte, um Kunstwerke zu kaufen, daran war nicht zu denken. Doch waren die Künstler in Rom unzufrieden damit, daß sie es nicht that. Ich besuchte einmal mit ihr den berühmten Landschaftsmaler Reinhart, eine kräftige, derbe Gestalt. Er besaß ein Buch, was sie gern lesen wollte, und sie bat ihn, es ihr zu leihen. „Ja,“ rief er mit fast zürnender Donnerstimme, „Sie können es nehmen; aber Sie sollen es mir wiedergeben; denn ich bin arm und Sie sind reich.“ — „„Der gute Reinhart,““ sagte sie milde mit einem versöhnenden Lächeln.

Die Taubheit war ihr oft sehr unbequem, da sie die Einwendungen und Bemerkungen nicht hören konnte, die man ihr machte, und sie war daher gewöhnt, ihrem eigenen Kopfe zu folgen. Als sie von Italien zurückkam, gab sie wöchentlich musikalische Soiréen, bei denen Ida mit ihrer anmuthigen Persönlichkeit und ihrer schönen Stimme die Hauptrolle spielte. In Italien giebt man solche Gesellschaften, ohne die Gäste mit etwas Anderem als einem Glase Eiswasser, oder höchstens einer Portion Eis zu tractiren. Das wollte Frau Brun hier einführen. Sie war aber auch die Einzige in der ganzen Gesellschaft, der es gefiel. Der Concertmeister Schall, der es übernommen hatte, diese Concerte zu dirigiren, sagte ihr gerade heraus, daß man hier zu Lande daran gewöhnt sei, Abendbrod zu essen. Was geschieht? Bei dem nächsten Concert führt der Diener ihn in ein kleines Zimmer, wo ein elegantes Souper angerichtet war; aber — nur für ihn! Erst als er sich, wie Don Juan, weigerte, sich allein an den Tisch zu setzen, wurde es Frau Brun einleuchtend, daß sie mit der Einrichtung der Speiseanstalt etwas mehr ins Große gehen müsse, und bei dem nächsten Concerte fehlte auch Nichts, um die Gäste sowohl körperlich, als geistig zu erquicken. Bei solchen Concerten saß sie zuweilen mit einem Stäbchen im Munde, das den Resonanzboden des Instruments berührte, wenn dasselbe von einem Virtuosen, z. B. als Moscheles da war, gespielt wurde. Siboni löste Schall als ihren Concertmeister ab. Nun wurden lauter moderne Sachen gesungen. Wenn sie mitunter einmal aus alter Liebe zu dem herrlichen Schultz Etwas von ihm vortragen ließ, so wurde das auch als etwas Lächerliches betrachtet, in das man sich finden müsse.

Ida war ein anmuthiges Mädchen, blendend weiß, schlank, wie eine Nymphe, mit einem ovalen, regelmäßigen, blondlockigen Kopfe und einem Gesicht, dessen muntere Freundlichkeit auf uns Alle Eindruck machte, obgleich ihre blaßblauen Augen nicht feurig funkelten. Mein Vetter, der Maler, Professor Lund, brachte sie bewußt oder unbewußt auf den meisten seiner Bilder an. Die Mutter war ganz verliebt in ihre Tochter und sah in ihr ein Genie, was sie doch nicht war; für Poesie hatte Ida nicht viel Sinn, obgleich sie gern über das Lustige lachte, und wenn sie gleich schön sang, so war ihr musikalischer Geschmack doch durchaus modern. In Italien hatte sie auch von der Lady Hamilton gelernt, schöne malerische Stellungen auszuführen, was sie freilich in dem Lenze der Jugend mit ihrer Nymphengestalt besser kleidete, als Madame Händel-Schütz mit ihrem schwerfälligen Körper, nachdem sie schon fast verblüht war.

Es vergingen einige Jahre und Ida hatte in der ganzen Zeit, so viel ich weiß, keinen Freier gehabt. Sie selbst war nicht erotischer Natur, sondern etwas undinenmäßig kalt. Da kam der österreichische Minister Graf Bombelles. Seine Jugend war dahin; er war durchaus nicht hübsch, sondern bleich und sehr pockennarbig. Er hatte eine heisere Stimme; war aber ein heller Kopf, ein lustiger, munterer Mann. Er verliebte sich sterblich in Ida und suchte sie auf alle Weise zu gewinnen. Eines Abends z. B. sprang er, als sie von einer Gesellschaft nach Hause fuhr, auf ihren Wagen, und half ihr als Diener beim Aussteigen. Das Ende vom Liede war, daß er sie zur Frau bekam und mit ihr fortreiste; und Sophienholm war nicht mehr Sophienholm, nachdem es seine Nachtigall verloren hatte. Einige Jahre lang kam ich auch nicht zu Bruns; aber das hatte einen andern Grund. In der schlimmsten Baggesen'schen Zeit traf ich ihn als Frau Brun's alten Freund dort, und das störte mir den Genuß ihrer Gesellschaft. Da sie das nun wohl merken mochte, fiel sie auf einen wunderlichen Gedanken. Sie hatte ihrem Portier befohlen, daß er, wenn Baggesen da sei, mir sagen solle, sie wäre nicht zu Hause, und ebenso umgekehrt zu Baggesen, wenn ich dort war. Dadurch glaubte sie nun eine bewaffnete Neutralität gestiftet zu haben, die nach dem Sinne beider feindlichen Mächte sein müsse; und ich glaube auch, daß Baggesen sich darein fand; denn sie klagte später nur über mich, der ich fortblieb, sobald ich das wunderliche Portierarrangement erfahren hatte.