Erik und Abel.
Der kleine Hirtenknabe hatte Glück gemacht. Erik und Abel machte es auch (1821). Feindliche Brüder tragisch darzustellen, ist ein alter Stoff, an dem sich auch Neuere versucht haben. Wenn aber La Harpe von Racine's frères ennemis sagt: Sujet, qui ne pouvait guère réussir sur notre théâtre; ni l'un, ni l'autre des deux frères ne peut inspirer d'interet; tous deux sont à peu près également coupables, également odieux etc. — so paßt das nicht auf Erik und Abel. Der Erstere kommt seinem Bruder versöhnlich entgegen und rührt uns, da er in einem frommen Augenblicke ohne es zu ahnen von der Hand des Meuchelmörders fällt. An dem unglücklichen Abel rächt sich später, eben so rührend, das erwachende Gewissen. Der bloße Haß kann nie tragisch sein, ebensowenig, wie irgend ein anderes Laster; aber der Kampf des Hasses, des Lasters mit den edlern Eigenschaften in der Brust des Menschen, der Sieg oder die Niederlage desselben, dichterisch dargestellt, interessirt, begeistert und rührt.
Ich falle durch.
In dieser Zeit war ich zwei Mal in Lebensgefahr, und das merkwürdigerweise auf der Bühne in meinen eigenen Stücken. Eines Abends, als der kleine Hirtenknabe aufgeführt wurde, und ich gegen meine Gewohnheit auf die Bühne gegangen war, um mit Ryge zu sprechen, stürzte eine der größten Coulissen dicht an meinem Kopfe nieder. Wäre sie zwei Zoll näher gekommen, so hätte sie mich getödtet, und man hätte dann bei dem Aufgange des Vorhangs die Blutspur dem Publikum zeigen können; wo der Dichter des kleinen Hirtenknaben sein Leben beschlossen hat. — Das zweite Mal war es auf einem Privattheater. Ich war wieder in Borup's Gesellschaft eingetreten, und spielte zuweilen, wenn auch selten mit. Nun wollte man daselbst einmal Correggio aufführen, und wünschte, daß ich Michel Angelo's Rolle spielen solle. Ich that es; aber obgleich mein Spiel nicht mißfiel, so fiel ich doch in meinem eigenen Stücke durch. Ich ging nämlich beim Schluß des dritten Actes zur linken Seite hinaus, wo ich vorher nicht gewesen war. Einen einzigen Schritt weit von der Coulisse war eine Oeffnung nach dem Keller mit einer schmalen Treppe auf der entgegengesetzten Seite. Ich ahnte eine solche Fallgrube nicht, stürzte die Treppe hinab, und kam glücklicherweise davon, indem ich mir nur Haut und Fleisch am Schienbein verletzte. Es war doch ziemlich schlimm; denn ich konnte drei Wochen lang nicht gehen. Wenn ich einen Schritt mehr seitwärts getreten wäre, so wäre ich in den Keller gestürzt, und hätte wahrscheinlich den Hals gebrochen. — Als ich nach überstandener Gefahr und glücklich hergestellt, meinem Freunde J. P. Mynster dies Ereigniß und den ähnlichen Unfall erzählte, den ich vor zwölf Jahren in Italien zwischen dem vierten und fünften Acte Correggio's, den ich damals schrieb, in der Cascade in Tivoli gehabt hatte, sagte er: „Nun ja! das nächste Mal kommt es also zwischen dem zweiten und dritten Acte!“
In diesem Jahre verließ uns mein Freund Hauch, um ins Ausland zu reisen.
Holberg's Jubelfest.
Im Jahre 1822 sollte Holbergs Jubelfest begangen werden. Es war 100 Jahre, seitdem der große Dichter Dänemark durch seine erste Komödie, den politischen Kannegießer, erfreut hatte; und dieser Dichter Holberg war derselbe Professor Holberg, der Dänemark seine historischen Werke geschenkt hatte; und dieser Professor Holberg war derselbe Baron Holberg, der Dänemark seine Baronie Soröe verehrt hatte. Ursachen genug, sich seiner mit Dankbarkeit zu erinnern. Und doch war der Enthusiasmus nicht sonderlich groß. Die Damen können Holberg nicht leiden, weil er plump ist, weil keine Liebe in seinen Lustspielen vorkommt, und die Damen haben in Sachen des Geschmackes einen entschiedenen Einfluß auf die Männer. Was die Plumpheiten betrifft, so ist es leicht, die schlimmsten bei der Aufführung fortzulassen; und von der Liebe ist eigentlich auch nicht die Rede; aber Holberg's Stücken fehlt eine gewisse galante Plaisanterie; es wird nicht die Cour in ihnen gemacht, und das ist das Unglück! Wollten doch unsere Modedamen, die sich sonst soviel nach den Pariserinnen richten, von ihnen unsern Holberg so achten lernen, wie jene ihren Moliere schätzen; und wo die Dame, die Molière's muntern Witz und gesunde Satyre nicht zu schätzen weiß, für eine Gans gehalten wird.