Um die Grillen zu verjagen, und weil es so lange mit dem Zustandekommen des Waffenstillstandes währt, schreibe ich unterdessen ein Heldengedicht „Regnar Lodbrok“ in zwölf Gesängen, von welchen zehn und ein halber fast beendet sind. Von frühern Werken hat es am meisten Aehnlichkeit mit „Helge“ d. h. in Form und im Ton: denn die Charactere, die Handlung und die Ereignisse sind sehr verschieden.

Ja, du lieber Gott, was soll ich machen? — In Regnar Lodbrok tröstete es mich, inmitten dieser Zeit politischer Kleinlichkeit, Thorheit und Kannegießerei mich in eine kräftige, barbarische Zeit zu vertiefen, wo es doch Männer gab, die da wußten, was sie wollten, und es verachteten, durch affectirtes Geschwätz besser zu erscheinen als sie waren. — — Daß ich begreiflicherweise, um ein altes Gleichniß zu gebrauchen, diese rohe Wallnuß des Heidenthums in den Zucker der Humanität eingemacht und dazu die Kochkunst der Poesie benutzt habe, versteht sich von selbst. Daß diese Nuß weder zu bitter, noch zu wässerig, noch zu süße schmecken möge, ist mein eifrigster Wunsch, und wenn ich der nicht geringen Zahl von gebildeten Zuhörern, welche sie schon kennen, trauen darf, so habe ich das rechte Maaß getroffen.

Mozart's Don Juan.

— — Gestern Abend saß ich wieder einmal im Theater und hörte Mozart's herrlichen Don Juan, den ich nie zu oft hören kann. Von allen Kunstwerken, hätte ich beinahe gesagt, ist mir Don Juan das liebste, und überhaupt Mozart's Musik im Figaro und in der Zauberflöte. Man vermißt nichts. Da ist gar nichts auszusetzen. Es ist nicht wie ein Menschenwerk, sondern, wenn ich so sagen darf, ein Naturproduct in der Kunst, wie von Gott selbst geschaffen. Von allen großen Männern, die Deutschland aufzuweisen hat, muß es am stolzesten auf seinen Mozart sein, denn in allen andern Richtungen besitzen auch andere Nationen Männer, die mit den seinigen zu vergleichen sind; aber einen Mozart besitzen sie nicht. Rossini ist ein großes Genie, das ihm in Melodien-Reichthum und lieblicher Kraft nicht nachsteht — aber wie weit erhebt sich nicht Mozart über ihn in Höhe, in Tiefe, in Wahrheit, in Gefühl und Anmuth!


Hauch. Paludan-Müller.

Kopenhagen, den 21. Januar 1849.

Wir sind um diese Weihnachtszeit mit mehren neuen Dichterwerken beschenkt worden. Hauch hat sich tief in das Altnordische einstudirt und einen „Thorwald Widförle“ geschrieben. Das Werk hat einige sehr schöne Partien, aber es fehlt ihm im Ganzen die Selbsterfindung; der alte Ton ist mitunter etwas affectirt und das Ganze hat in meinen Augen mehr von einem geistreichen Studium, als von einer originalen Dichtung. Paludan-Müller hat ein sehr merkwürdiges Gedicht: Adam Homo geschrieben. Es ist eine große gereimte Alltagsgeschichte, gespickt mit subtilen philosophischen Reflexionen in sehr fließenden Versen. Es hat mir Freude gemacht, dieses Buch zu lesen, es hat viele amüsante, gut gezeichnete Genrebilder aufzuweisen. Eine Situation, wo die verlassene Geliebte am Todeslager des Helden, ihm unbekannt, als Krankenwärterin dient, ist schön und rührend. Aber der Geschmack hat viel einzuwenden; diese Reim-Chronik ist gar zu weitläufig, prolix (wie Göthe sagte). Der Held ist ein Alltagsmensch, sogar etwas schlingelhaft, und steht doch als Repräsentant der Menschheit da. Die philosophischen Abhandlungen, denen Paludan-Müller verfallen ist, brüsten sich zu sehr und sprechen, wenn auch oft die Wahrheit, nichts weiter aus, als was früher kürzer und viel klarer gesagt worden. Ein Heft Gedichte der Heldin, das man nach ihrem Tode findet, verwischte ganz das holde Bild von ihr, und enthält weiter nichts als Paludan-Müllersche Subtilitäten. Dessenungeachtet verdient das Buch in vielen Stücken Beifall und Lob.

Du hast wohl Kiartan und Gudrun gelesen; das Stück wurde gut gespielt und machte viel Glück. Auch Regnar Lodbrok und die Dichtkunst haben gefallen. Man wundert sich, daß ich noch in meinen alten Jahren etwas schreiben kann, das Saft und Kraft besitzt. Aber jetzt müssen wir auch bald aufhören, nicht weil die innere Kraft fehlt, sondern weil der Stoff erschöpft ist; ich finde keine Sujets mehr in meiner Geistesrichtung. Schilderungen der Gegenwart kann ich nicht liefern, ich kenne sie nicht; und wer kennt sie recht? Kaum der liebe Gott kennt sie, und sie selbst kennt sich gar nicht.

Einen täglichen Umgangs-Freund, den ich verloren habe, vermisse ich doch gerade nicht sehr, ich meine Dr. Christiani. Denn obgleich Christiani witzig, fröhlich und ein vorzüglicher Gesellschafter ist, selbst große poetische Bildung besitzt und Göthe und Heine auswendig kann, auch mich persönlich liebt, so ist er doch weder recht dänisch, noch recht deutsch; Begeisterung fehlt ihm, er ist vielmehr blasirt, lebt immer in der Reflexion und muß Alles, was er sich aneignen will, in Hegel'sche Philosophie übersetzen — und die Rolle, die er hier spielte, wollte mir nicht munden. Er trug den Mantel zu sehr auf beiden Schultern, spielte mit zwei Schildern. Niemand kann zwei Herren dienen. Die Folge seiner subtilen Politik wurde die, daß weder Dänen noch Deutsche ihn mochten. Das Persönlichfreundliche und Talentvolle schätze ich noch bei ihm nach Verdienst.