In einer der Strophen dieses Gedichtes heißt es:

Ihr ehrt mich hoch! — Obgleich das End' nicht fern,
Ist doch der Greis noch nicht erschöpft gesunken.
Ich trink' mit Euch, und leer' den Becher gern,
Denn nicht mein Todesfest wird hier getrunken.
Noch hab' ich nicht die Lebenskraft verloren.
Nur wen'ge Häuser fern bin ich geboren;
Doch eine schöne Baum-Allee von dort,
Führt, will es Gott, zum letzten Ruheort.

Letzte Tage Oehlenschlägers.

Kaum ahnte es damals Jemand, daß zwei Monate später das Trauerlied über den Sarg des Dichters dort ertönen sollte, wo seine Wiege einst gestanden, in der Nähe jener Hallen, wo den noch kräftigen, lebensfrischen Greis kürzlich die Jubeltöne und die Huldigung dreier Brüder-Völker umrauschten. Zwar hatte er in jenem Gedicht auf den naheliegenden Friedhof gedeutet, aber er tröstete sich und Andere damit, daß eine „schöne Baum-Allee“, dorthin führte. Prangte auch diese, als man seinen Sarg durch dieselbe trug, noch nicht mit blühenden Bäumen und grünem Laube, so bildeten, wie ein Dichter in seinen Nachrufe sagt, dänische Männer und Frauen, trauernd um den Hingang ihres liebsten und größten Dichters, eine noch schönere Allee dahin.

Seines gesunden, blühenden Aussehens ungeachtet hatte er seit längerer Zeit einen beschwerlichen, schwankenden Gang gehabt. Er litt an Steifheit und Mangel an Kraft in den Knien, ein Uebelstand, der sich doch immer nach den fast jährlichen kleinen Anfällen von Podagra verringerte, welche nur in den letztern Jahren seltener kamen. Dies hinderte ihn, der Bewegung zu genießen, deren seine starke corpulente Constitution bedurfte, und er, der früher Sommer und Winter, in gutem und schlechtem Wetter, bei Sonnenschein und bei Regen, täglich nach Frederiksberg spazierte, begnügte sich jetzt, eine Viertelstunde in den Bogengängen des Christiansburger Schlosses sich zu ergehen, oder gar mitunter, wenn ihm das Wetter zu schlecht war, mit einer bestimmten Anzahl Gänge durch seine Zimmer. Auch seinen frühern allabendlichen Besuch im Schauspielhause stellte er manchmal in den letzten Jahren ein, und zog dann vor, eine Partie L'hombre zu spielen. Sonderbar genug, fand er, der bis zu seinem vierzigsten Jahre immer Unwillen gegen Kartenspiel hegte, nun ein großes Vergnügen am L'hombrespiel, und wenn er den Tag über gedichtet und gelesen hatte, suchte er des Abends seine angenehmste Erholung am Spieltische mit einigen guten Freunden, oft nur mit seinen Kindern. Ungeachtet dieser zunehmenden Gemächlichkeit, die seinem übrigen Naturell so wenig glich, mitunter seine nächste Umgebung ängstigte, vermochte man doch keine bedenkliche Wirkung derselben zu spüren. Zwar zeigte er sich im Sommer 1849, wenn er des Vormittags in seinem Lehnstuhle, ein Buch in der Hand, saß, zum leichten Schlummer geneigt, aber wenn man zu ihm eintrat, war er immer wieder lebhaft wie sonst, und zum Scherz wie Ernst aufgelegt; er las wie früher laut vor, und sein Antlitz trug immer das Gepräge der Gesundheit und Kraft. Erst in den letzten Tagen des Novembers fühlte er Unwohlsein, Uebelkeit und Mattigkeit, und die gelbe Gesichtsfarbe ließ die Vermuthung zu, daß die Gelbsucht ihn zum dritten Male in seinem Leben angreifen würde. Nach ungefähr drei Wochen verschwand die gelbe Farbe, die Kräfte kehrten zurück und ihm wurde so wohl, daß er am 21. Dec. A. S. Oersted's Geburtstag in dem Freundeskreise zu feiern vermochte, den der Bruder H. C. Oersted an diesem Tage zu versammeln pflegte. Am 23. Dec. wohnte er zum letzten Male einem Familienfeste bei, und am Weihnachtsabend hatte er die Familie um sich in seiner Wohnung versammelt. Aber am folgenden Tage zeigten sich wieder Symptome, gleichsam wie von Gelbsucht und sein Zustand wurde wieder der frühere. Er hielt sich doch längere Zeit aufrecht, bis er von Mangel an Appetit und Verdauung ermattete. Dies mußte sowohl ihn selbst wie seine Umgebung beunruhigen, und er sprach öfterer die Ueberzeugung aus, daß er die Krankheit nicht überstände. Am 4. Januar 1850 schrieb er an seine Tochter, um dieser und ihren Angehörigen ein fröhliches Neujahr zu wünschen, und sie über seine Krankheit zu beruhigen. Aber nur wenige Zeilen vermochte er zu schreiben, die Vollendung des Briefes überließ er seiner Schwiegertochter.

An den Tagen, wo er sich besser fühlte, ließ er sich von seinen Kindern und seiner Schwiegertochter ganze Capitel aus Göthe's „Wilhelm Meister“ vorlesen, und dieselbe Begeisterung und Liebe, die er sein ganzes Leben hindurch für den großen Dichter gefühlt hatte, sprach er noch auf dem Krankenlager wenige Tage vor seinem Tode aus. Selbst las er mitunter in einem dänischen Volksbuche: „Malling's große und gute Thaten“, das namentlich kurze Biographien dänischer und norwegischer verdienter Männer und Frauen enthält. — In den letzten acht Tagen nahm die Krankheit einen gefährlichern Character an, und da alle Mittel ohne Wirkung blieben, mußte man auf das Schlimmste vorbereitet sein. Am 19. Januar erwachte wieder eine schwache Hoffnung, aber die Symptome, die sich am Sonntag Morgen den 20. zeigten, verkündigten, daß es nicht Gelbsucht, sondern ein Geschwür in der Leber selbst sei, an welchem er litt. Als die Aerzte (sein alter College, Conferenzrath O. Bang, und sein Hausarzt, Dr. Hansen) des Vormittags in einem Nebenzimmer über seine Krankheit conferirten, fragte er seinen ältesten Sohn, was wohl die Aerzte über sein Befinden äußerten, und als dieser ihm antwortete: „Du darfst nichts fürchten!“ unterbrach er ihn gleich und sagte mit Wärme: „Lieber Sohn, glaubst Du, ich fürchte den Tod; nein, nicht im entferntesten!“ Nach einem kurzen Augenblick fügte er hinzu: „Was ist das Ganze — ein Hauch nur — und dann ist es vorüber!“ — Als Bang am Nachmittage desselben Tages sich entfernen wollte, rief er ihn zurück, blickte ihm freundlich ins Auge, drückte seine Hand und sagte: „Habe Dank für gute Kameradschaft!“ — Um 8 Uhr des Abends fühlte er schon die Hand des Todes und verlangte ein Kissen, das ihm seine Tochter Maria gestickt hatte, unter sein Kopfkissen gelegt. Dann und wann schlummerte er. Wenn er erwachte blickte er oft nach der Uhr, die neben seinem Bette hing, und fragte mehre Male, ob die Uhr bald zehn sei. Zwischen neun und zehn Uhr rief er seinen ältesten Sohn zu sich und sagte ihm: „Du sollst das Manuscript meiner Lebens-Erinnerungen vollenden. Zu meiner Trauer-Feier im Theater will ich, daß mein Sokrates aufgeführt werden soll, aber die Scene in den Propyläen muß ausgelassen werden. Und jetzt lies mir die Stelle aus der Scene im 5. Akt zwischen Sokrates und Kebes vor, wo Sokrates vom Tode spricht, sie ist so unaussprechlich schön!“ Diese letzten Worte sprach er mit einem innigen, warmen Gefühl. Die Replik lautet:

Wie kann der milde Tod Dich so betrüben?
Er kann ja doch von Zweien Eins nur sein,
Entweder Etwas, Kebes, oder Nichts!
Raubt' er nur das Bewußtsein, das Gefühl,
Wär' er ein Schlaf, worin der Schlafende
Selbst nicht vom kleinsten Traum geängstigt würde,
Dann wär' er schon unschätzbarer Gewinn.
Denn sicher, glaub' ich, wollte Jedermann,
Mit solcher ruh'gen Nacht die Nächte, Tage
Vergleichen, die er hier im ird'schen Leben
In Pein und Kummer zugebracht:
Dann wählt er lieber jene sel'ge Ruh'.
Doch wenn der Tod nicht das Bewußtsein tödtet,
Ist er Verwandlung, eine Seelenwanderung
Und Reise nach dem bessern Ort, wo wir
Die lieben Theuern alle wiederfinden; —
Denk', welche Freude das dann werden muß,
Mit Göttern dort zu leben und zu reden,
Mit Hesiod, mit Orpheus, mit Homer
Und allen Großen, die vor uns gewesen!

Tod Oehlenschlägers.

Er hörte diesen Worten mit der größten Bewegtheit zu und blickte dabei mit einem seligen Lächeln vor sich hin. Als die Replik aus war, unterbrach er selbst das Vorlesen und nahm Abschied von seinen Söhnen, seiner Schwiegertochter und ihrer Schwester, die mit den Dienern seines Hauses um sein Lager standen, bis er seinen letzten Seufzer aushauchte. Nach einem kurzen und leichten Todeskampf, unter welchem seine Blicke abwechselnd auf der Uhr und auf seinen Kindern ruhten, verschied er mit dem Schlage elf, ruhig, ohne Schmerzen und bis zum letzten Augenblicke im Besitz seiner vollen Geisteskraft.