„Dem herrlichen Dichter, mit dem ich in vertrauter Bekanntschaft gelebt habe, danke ich einen mehrjährigen Genuß, ohne ihn jemals mit meinen irdischen Augen gesehen, ohne jemals seine Stimme gehört oder einen Druck seiner Hand empfangen zu haben. Ich kenne ihn nicht, aber ich kenne seinen rothhaarigen Campbell mit den langen Armen und der ausgedehnten Wirksamkeit; seine holde Diana Vernon, die in ihrer Kälte, wie der Mond leuchtet; seinen kräftig-schrecklichen Mac Merilles; seinen in seiner Unbedeutendheit höchst poetischen Simson mit den schiefen Beinen; seinen königlichen Bettler in dem zerfetzten Gewande. Ich sehe seine entsetzlichen Schwärmer in der dunkeln Hütte, wie sie auf die Uhr blicken und sie auf Zwölf stellen, damit sie ihre Opfer tödten können. Ich sehe Allen Mac Auley in seinen Plaid gehüllt mit stolzem, gerührtem Seherblick, einen wunderbaren Gegensatz, wie ein Funke in der Asche zu der fast erloschenen Flamme des Alterthums, zu dem sanguinischen, launischen Egoisten Dalgetty bilden. Ich sehe Maria Stuart, frei selbst als Gefangene, in ihrer Anmuth, und Elisabeth in ihrem eifersüchtigen Geistesgefängniß auf dem Throne. Ich finde dem Herzog von Argyle in dem schönsten Verhältniß zu der heroisch anmuthigen Jenny Deans. Die jüdische Madonna Rebecca erweicht mein Herz; und in der Schilderung ihres Vaters und des Narren Wamba, finde ich — wie in Allem — Shakespeare's Landsmann und Nachkommen. Der stolze Fergus rührt mich auf dem Wagen zur Richtstätte. Ich bin heimisch in Schottland, ohne dort gewesen zu sein; ich kenne die einsamen Wege über die Moräste des Landes hin nach den fernen Bergen; die Hütten mit ihren Rauchsäulen, die Felsen mit ihren Höhlen, den Bach mit seinen Elfen, das Kloster mit seinen Mönchen, die Burg mit ihren Rittern. Ja selbst in Glasgow habe ich einen vertrauten Freund in dem liebenswürdigen, thätigen Spießbürger Jarwin.“
„In allen diesen Gestalten treffe ich stets einen in den verschiedensten Gesichten sich offenbarenden Genius, den großen Dichter selbst; und diesem schreibe ich diese Zeilen, um ihm meine Gefühle an den Tag zu legen.“
Walter Scott.
Walter Scott gestand bekanntlich damals noch nicht, daß er der Verfasser der Romane sei; von seinen andern Poesien hatte ich in meinem Briefe nicht viel gesprochen. Er konnte mir also nur durch dritte Hand als Anonymus danken; das that er denn auch auf das Freundlichste und sagte mir viel Verbindliches, indem er mir auch seine Werke, sowohl die Gedichte, wie die Romane sandte.
Wir schrieben uns später einige Male. Sir Walter Scott wollte mir einen englischen Verleger für die Inseln im Südmeere verschaffen, die Herr Gillies nach dem deutschen Manuscripte, das ich ihm sandte, zu übersetzen versprochen hatte. Aber obgleich ich oft ehrenvoll im Edinburgh Magazine besprochen und stückweise übersetzt war, und obgleich Sir Walter Scott eine Vorrede zu meinem Romane schreiben wollte, gelang es ihm doch nicht, einen Verleger zu finden, der soviel bezahlen wollte, daß Herr Gillies und ich Vortheil davon haben konnten, wenn wir das Honorar theilten. Walter Scott, dem es leid that, nicht durchführen zu können, was er gehofft und wozu er mich selbst aufgemuntert hatte, schrieb an Feldborg, der damals in London war und meine Commission übernommen hatte: „Mr. Cadel says, no German Work has ever stood the expence of translating; and we know how very small that is. In short, I had the mortification to see, that he is not in humour with the undertaking. I wish, you would look into Constables shop, and talk with Cadel on the subject. He will tell you, that I offered to do any thing in my power, to make the British public acquainted with Mr. Oehlenschlaegers merit, and I will turn your evidence, that the matter does not miscarry for lack of zeal on my part.“
Uebrigens war für meinen Antheil nur die Rede von hundert Pfund. Kurze Zeit darauf hatte Sir Walter Scott selbst das Unglück, durch den Bankerott des Herrn Constable ein bedeutendes Vermögen zu verlieren, aber er verschmerzte seinen Verlust und hat uns später mit mehreren Werken erfreut, unter denen z. B. Quentin Durward und das schöne Mädchen von Perth sich mit jedem seiner besten Werke aus früherer Zelt sicherlich messen können.
Johann Ludwig Heiberg.
Indessen versahen andere Dichter die dänische Literatur und Bühne reichlich mit ihren Werken.
Ludwig Heiberg hatte bereits im Jahre 1814 sein Marionettentheater herausgegeben. Ein paar Jahr, bevor es gedruckt wurde, sah ich eins dieser Stücke, ich glaube Don Juan, bei seiner Mutter, Frau Gyllembourg, aufführen, und der poetische Geist und Ton darin, überraschte mich und gefiel mir ganz besonders. Das Stück wurde gut gespielt, woran ohne Zweifel der Dichter selbst Theil nahm. Es war auch wirklich etwas Kindliches darin, das mich rührte. Dies kam vielleicht zum Theil von der Erinnerung vergangener Jahre, wo der Dichter selbst Kind bei seiner Mutter gewesen war, deren Weihnachtsfeier, mit ihren Geschenken und Spielen sich diesem Marionettenspiele näherten, theils rührte mich das Kunstkindliche im Marionettenspiele selbst, die Erinnerungen an Kasperle im Thiergarten u. s. w. Vor mehreren Jahren hatte ich in Halle die Marionettentragödie Faust gesehen, in der sehr viel Gutes ist, besonders in den tragikomischen Scenen, und die Lessing in seiner Dramaturgie lobt. Und so mangelhaft es auch ist, könnte man doch wünschen, tragische Werke öfter so aufführen zu sehen; man müßte dann aber auch selbst soviel Phantasie mitbringen, daß sie die sonst unaufhörlich gestörte Illusion ersetzen kann.